Kann man sich „totschlafen“?

Jeder Mensch hat seinen individuellen Schlafrhythmus – deswegen ist es so wichtig, auf den eigenen Körper zu hören.
Jeder Mensch hat seinen individuellen Schlafrhythmus – deswegen ist es so wichtig, auf den eigenen Körper zu hören. © Fotolia

Unter anderem Bild berichtet, langes Schlafen sei ähnlich gefährlich wie der Konsum von Alkohol und Zigaretten. Es soll zu Folgeerkrankungen und letztlich zu einem früheren Tod führen – Aber stimmt das wirklich?

Mehrere Medien berichteten in letzter Zeit über den Zusammenhang von langem Schlafen und einem erhöhten Gesundheitsrisiko. Dabei berufen sie sich unter anderem auf eine kürzlich erschienene Studie der University of Sydney.

Diese hatte den Einfluss von langem Schlafen auf die Sterblichkeit untersucht. Die Forscher kommen zu dem Ergebnis: Wer mehr als neun Stunden täglich schläft, hat ein viermal höheres Risiko frühzeitig zu sterben.

Der erste Haken an der Studie: Untersucht wurden nicht die Auswirkungen von langem Schlafen allein, sondern der Einfluss von langem Sitzen, mangelnder Bewegung und langem Schlafen in der Kombination. Zusätzlich wurden auch der Konsum von Alkohol und Zigaretten, sowie eine ungesunde Ernährungsweise berücksichtigt. Letztlich bleibt so fraglich, wie sich nur das „Schlafübermaß“ ausgewirkt hätte.

Außerdem beruht die Studie ausschließlich auf der Befragung von Probanden. Problem ist hierbei, dass diese zwar angeben können, wie lange sie täglich schlafen, aber nicht explizit wissen, von welcher Qualität ihr Schlaf ist. Der ist aber ausschlaggebend für die Erholung im Schlaf.

De facto gibt es keine einzige Studie, die den Zusammenhang zwischen langem Schlafen und einem früheren Tod belegt.

Umgekehrt ist aber durchaus erwiesen, dass Schlafmangel eine Menge verschiedener gesundheitlicher Probleme auslösen kann. Unzählige Studien belegen, dass zu kurzer Schlaf dazu führt, dass sich das Immunsystem nicht ausreichend regenerieren kann. Krebsfördernde Stoffe werden nicht abgebaut und das Herz-Kreislauf-System nicht entspannt. Hoher Blutdruck, Diabetes und Krebs können die Folge sein.

 

Wie viel Schlaf ist gesund?

Der Schlafforscher und Psychologe Dr. Jürgen Zulley geht davon aus, dass sieben Stunden für einen erwachsenen Menschen eine angemessene Schlafdauer sind.

Prinzipiell lässt sich aber kein normales Schlafmaß bestimmen, weil es Menschen gibt, die mehr Schlaf brauchen und solche, die mit weniger auskommen. Hinzu kommt, dass nicht nur die Schlafdauer, sondern auch die Qualität des Schlafes essentiell ist. Wenn wir im Tiefschlaf gestört werden, also in den ersten vier bis fünf Stunden nach dem Einschlafen, ist unser Schlaf erheblich beeinträchtigt. Studien haben gezeigt, dass die Erholung dann auf der Strecke bleibt.

Außerdem spielt es eine Rolle, welche Schlafdauer wir gewohnt sind. Schlafen wir unter der Woche sieben Stunden und am Wochenende auf einmal zehn Stunden, kann es sein, dass wir uns danach erst recht müde fühlen, weil der Körper so etwas wie einen kleinen Jetlag erleidet. Er muss dann erst wieder seinen richtigen Rhythmus finden, so Dr. Zulley. Deswegen ist es wichtig, auf den eigenen Körper zu hören. Wacht man am Wochenende nach acht Stunden auf, dreht sich aber dann noch mal um, um weiter zu schlafen, ist ein ausgeruhtes Erwachen eher unwahrscheinlich.

Für Dr. Zulley ist es entscheidend, ob wir uns nach dem Schlaf ausgeruht fühlen oder nicht. Deswegen sollte man sich nicht darauf versteifen, unbedingt sieben Stunden zu schlafen, wenn man sich mit sechs Stunden besser fühlt. Das Gleiche gilt für längeres Schlafen: Wer am Wochenende zehn Stunden schlafen will und sich danach gut fühlt, kann das tun, ohne sich deswegen Sorgen um seine Gesundheit machen zu müssen.

Hamburg, 14. Dezember 2015

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