Kann man sein Immunsystem wirklich abhärten?

Phyllis Kuhn Medizinredakteurin
Jogger im Schnee
Joggen bei Minusgraden in kurzer Hose. Härtet es wirklich das Immunsystem ab? © Fotolia

Wie wird Kälte richtig eingesetzt und ab wann ist kalt zu kalt? PraxisVITA kennt die Hintergründe.

Die Temperaturen draußen sinken, gleichzeitig wird die Heizung höher gedreht und wir ziehen uns dick an. Das hält zwar warm, die von der Heizungsluft ausgetrockneten Schleimhäute machen aber auch anfälliger für Erkältungen. Wie man sich vor Schnupfen und Halsweh schützt, glaubten schon unsere Großmütter genau zu wissen: Abhärtung. Doch helfen Eisbäder und Joggen im Schnee wirklich, um unser Immunsystem zu stärken? Und wieviel Kälte ist genug?

Zunächst gilt es ein Vorurteil aufzuklären: Die Erkältung kommt nicht – wie der Name vermuten lässt – von den kalten Außentemperaturen. Solange man sich warm anzieht, kann unser Körper auch Minusgrade gut vertragen. Es ist vielmehr die warme Heizungsluft, die dafür sorgt, dass unsere Schleimhäute austrocknen und Erreger nicht mehr abtransportiert werden können. Kommt dann noch Stress, etwa durch überfüllte Geschäfte in der Vorweihnachtszeit hinzu, ist unser Immunsystem schnell überfordert und wir verbringen Weihnachten mit Schnupfnase unterm Baum.

 

Zauberwort Thermoregulation

Hilft es also, die Heizung runterzudrehen und abends zähneklappernd auf der Couch zu sitzen? Eher nicht, das führt auf Dauer eher zu einer Unterkühlung und anschließender Bronchitis. Auch im tiefsten Winter in kurzen Hosen joggen zu gehen, führt eher zu Sehnenrissen, als dass es das Immunsystem abhärtet. Die Skandinavier machen vor, wie es wirklich geht: Ein Eisbad, etwa in einem See, sollte maximal fünf Minuten ausgehalten werden. Danach sofort abtrocknen und warm anziehen. Ungeübte, die schon in der Dusche den kalten Hahn nicht anrühren, sollten jedoch erst einmal die Finger vom Eissee lassen und mit kalten Fußbädern beginnen. Die Idee hinter der Eis-Therapie: Durch den Kälteschock wird die Durchblutung angeregt, der Kreislauf stabilisiert. Das verbessert zwar nicht zwangsläufig das Immunsystem, sorgt aber langfristig für eine bessere Thermoregulation des Körpers. Das heißt, dass wir kalte Temperaturen besser ertragen können, ohne zu frösteln. Diese natürliche Fähigkeit der Thermoregulation ist vielen Menschen in Industrienationen dank Zentralheizung, Klimaanlagen und kurzen Aufenthalten im Freien abhanden gekommen. Wer eine konstante Temperatur von 22,7 Grad (diese Gradzahl wurde bei einer Umfrage in Deutschland als Wohlfühltemperatur ausgemacht) gewohnt ist, reagiert schnell empfindlich auf zu große Abweichungen. Es hilft also auch schon, einfach mehr Zeit im Freien zu verbringen. Fragen Sie doch einfach mal befreundete Hundebesitzer, wie oft diese in letzter Zeit krank waren.

 

Sport auch im Winter im Freien? Ja, mit der richtigen Bekleidung

Das hilft auch: In geschlossenen Räumen ausreichend lüften, damit die Luft nicht zu trocken wird und Erkältungsviren abgetötet werden. Sport im Freien ist nur dann sinnvoll, wenn man die richtige Kleidung trägt. Das heißt lange Hosen und Ärmel und bei Minusgraden ein Mundschutz. Wer das beherzigt, ist mit Sportarten wie Joggen, Walken oder Radfahren auf gutem Kurs, um seinen Körper vor Erregern zu schützen. Sport senkt nachweislich das Stresslevel und somit die Ausschüttung des Stresshormons Kortisol, das das Immunsystem schwächt. Tageslicht, sofern im Winter vorhanden, erhöht den Serotonin-Spiegel, der wiederum das Immunsystem verstärkt. Auch ein wichtiger Faktor: die Psyche. Das gute Gefühl, einmal den inneren Schweinehund überwunden zu haben und sicher zu sein, sich selbst etwas Gutes getan zu haben, können auf unseren Körper wie eine Vitamin C-Infusion wirken. Ab -8 Grad sollten Sie Ihr Training aber besser ins Fitness-Studio verlegen, das der Organismus sonst zu sehr in Anspruch genommen wird.

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