Kann man mit den Ohren sehen?

Blinder Mann wandert mit Hund
Blinde, die eine spezielle Form der Echoortung gelernt haben, sind in der Lage, ihre Umwelt wie ein Sehender wahrzunehmen © Fotolia

Als Matt Murdock sein Augenlicht verlor, schärften sich gleichzeitig seine anderen Sinne. Wie mit einem Echolot konnte er die Umgebung erfassen – und so trotz seiner Behinderung zum Verbrecher jagenden Draufgänger werden.

 

Mit Schall die Welt "sehen"

Nun hat eine neue Studie gezeigt, wie in der wirklichen Welt blinde Menschen zu ähnlichen Fähigkeiten wie der Comic-Held gelangen können. Alleine, indem sie klickende Geräusche ausstoßen und auf den zurückkehrenden Schall achten, können sie die Welt um sich herum wahrnehmen. Manche sind damit in der Lage, Wandern zu gehen, mit dem Rad zu fahren oder sogar Kampfsport zu praktizieren. Neueste Forschung zeigt jetzt: Sie scheinen die Geräusche nicht zu hören, sondern tatsächlich zu sehen.

„Unsere Experimente zeigen, dass Echoortung für Sehbehinderte nicht nur eine wichtige Hilfe im Alltag ist“, sagt Dr. Mel Goodale von der University of Western Ontario. „Es stellt vielmehr einen effektiven Ersatz der Sehkraft dar, mit dem diese in der Lage sind, Größe, Form und Material von Objekten zu erkennen.“

 

Sehzentrum verarbeitet Geräusche

Was die Forscher jetzt nachweisen konnten: Die Informationen werden zwar über die Ohren aufgenommen, dann aber in einem Hirnareal verarbeitet, das normalerweise für die Sicht zuständig ist.

Um zu diesen Ergebnissen zu gelangen, nahmen Goodale und sein Team die Geräusche auf, die Gegenstände bei der Echoortung zurückwarfen. Diese Aufnahmen spielten sie gesunden Menschen, Blinden, die keine Echoortung nutzen, und blinden Echoortern vor. Dabei maßen sie von allen Probanden die Hirnaktivität. Bei den ersten beiden Gruppen wurden die Geräusche im auditiven Cortex, dem Hörzentrum des Gehirns, verarbeitet. Nur die blinden Echoloter nutzten den sogenannten Gyrus parahippocampalis, der bei Sehenden zur Verarbeitung von Landschaften und Räumen zuständig ist.

 

Sogar optische Illusionen funktionieren

Die Echoloter nehmen Objekte sogar so genau wahr, dass sie wie Sehende auf optische Illusionen reinfallen. Werden zwei gleichschwere, aber unterschiedlich große Objekte an einem Bindfaden hochgehoben, dann halten Menschen normalerweise das kleinere Objekt für schwerer. Das Forscherteam konnte herausfinden: Auch die Echoloter unterliegen dieser Illusion.

Seine Ergebnisse präsentierte Goodale beim 9. Treffen der kanadischen Gesellschaft für Neurowissenschaft, das vom 24. – 27. Mai in Vancouver stattfindet. Er hofft, mit seiner Forschung Blinden bei der Perfektionierung dieses außergewöhnlichen Sinns zu helfen.

Hamburg, 26. Mai 2015

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