Kann Lächeln Burnout auslösen?

Aufgesetzte Fröhlichkeit kann krank machen
Ein ständiger Zwang zu aufgesetzter Fröhlichkeit kann krank machen, zeigt eine aktuelle US-Studie © Fotolia

Wer im Job zu aufgesetzter Fröhlichkeit angehalten wird, kann davon krank werden – das zeigt eine aktuelle Studie US-amerikanischer Forscher. Wie passt dieses Ergebnis zu den bisherigen Erkenntnissen der Lachforschung?

„Immer schön lächeln“ – dieser Anweisung haben Angestellte mit Kundenkontakt Folge zu leisten. Denn lächelnde Mitarbeiter fördern das Geschäft, das ist wissenschaftlich bewiesen. Doch welche Auswirkung hat es auf die Gesundheit der Mitarbeiter, ständig lächeln zu müssen?

Um das herauszufinden, werteten Wissenschaftler der Pennsylvania State University und der Purdue University über Jahrzehnte in soziologischen und psychologischen Studien gesammelte Daten aus. Das Ergebnis: Die aufgesetzte Fröhlichkeit zehrt Mitarbeiter aus und kann zu Burnout und anderen erschöpfungsbedingten Krankheiten führen.

Die Forscher analysierten unter anderem Studien zu den Auswirkungen des Lächel-Zwangs bei Callcenter-Angestellten und Busfahrern. Beide Studien zeigten einen Zusammenhang zwischen aufgesetzter Fröhlichkeit und emotionaler Erschöpfung – die Busfahrer-Studie belegte außerdem einen Anstieg von Schlafstörungen und Familienkonflikten aufgrund des Zwangs zum Lächeln.

 

Kritik an „Gefühlsarbeit“

Das Fazit der Wissenschaftler ist eine deutliche Kritik an der sogenannten „Gefühlsarbeit“ (emotional labor). Der Begriff bezeichnet den Ausdruck von bestimmten Gefühlen zum Erreichen von Unternehmenszielen. Der Arbeitgeber erwartet also von seinem Angestellten beispielsweise ein fröhliches Auftreten, Zurückhaltung, Empathie oder Unterwürfigkeit gegenüber dem Kunden mit dem Zweck, kommerzielle Gewinne zu machen.

Um dieses Zuschaustellen von (nicht wirklich verspürten) Emotionen aufrecht zu erhalten, bedarf es einer Menge Energie und Selbstkontrolle – das ist nach Ansicht der Forscher nicht weniger erschöpfend als Muskelanstrengung. Dabei werden innere Ressourcen aufgebraucht, die besser für die zu erfüllende Aufgabe verwendet würden, argumentieren die Wissenschaftler. Dieser Kraftaufwand kann schnell zu Unzufriedenheit mit dem Job und schließlich zu Burnout führen.

Die Forderung der Studienleiter lautet: „Organisationen und Kunden sollten auf formalisierte Gefühlsausdrücke verzichten und stattdessen humanistische Ansätze verfolgen, die Angestellte unterstützen und würdigen und für ein positives Klima und eine wirklich zufriedene Belegschaft sorgen.“

 

„Lächelpause“ für chinesische Angestellte

Eine Dienstleistungsfirma im chinesischen Handan hat erkannt, wie anstrengend der tägliche Lächelzwang für ihre Angestellten ist und sich zu ihrer Entlastung etwas einfallen lassen: Jeden Monat findet ein „Entspannungstag“ mit wechselndem Motto statt. Das Motto im Juli lautete „No-Face-Day“ – an diesem Tag durften alle Angestellten Masken tragen, um ihre Gesichtszüge zu verstecken. Die meisten trugen Masken aus dem japanischen Anime-Film „Spirited Away“ (Chihiros Reise ins Zauberland). Die Masken waren der Figur „No Face“ (in der deutschen Fassung „Ohngesicht“) nachempfunden – ein maskiertes Geisterwesen, das keine Mimik hat und nicht spricht. Das Ziel der Aktion: Die Angestellten für einen Tag von dem Zwang zu befreien, falsche Emotionen vorspielen zu müssen.

 

Kann ich mich zu meinem Glück zwingen?

Die Studienergebnisse scheinen auf den ersten Blick anderen Erkenntnissen der Forschung zu widersprechen. Denn diese lauten, dass Lächeln nicht nur ein Ausdrucks des Glücks ist, sondern auch Glücksgefühle erzeugen kann – sogar, wenn man absichtlich lächelt, ohne einen Auslöser wie etwa einen Witz. Doch das gilt nicht für das gezwungene Lächeln, das zeigt beispielsweise eine Studie des US-amerikanischen Psychologen und Anthropologen Paul Ekman. Demnach kann das Lächeln zwar „grundlos“ sein, aber es muss „echt“ sein, um als Stimmungsaufheller zu wirken. Entscheidend ist, dass man aus freien Stücken lächelt.

Ein ähnlicher Zusammenhang lässt sich auf einem anderen Gebiet beobachten: Zahlreiche Forschungsarbeiten deuten darauf hin, dass Sex glücklich macht. Eine kürzlich veröffentlichte Studie zeigte jedoch, dass das nur funktioniert, wenn Paare von sich aus häufig Sex haben. Wurden sie von den Studienleitern dazu aufgefordert, fühlten sie sich bald weniger glücklich als zuvor und berichteten von einem Rückgang ihres sexuellen Verlangens und ihrer Freude am Sex.

Hamburg, 8. September 2015

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