Kann Ihr Familienalbum Ihre Todesursache vorhersagen?

Sarah Schwiete Medizinredakteurin
Angelina Jolie
Angelina Jolie ist Trägerin des BRCA1-Gens. Aus Angst vor Brustkrebs ließ sich die Schauspielerin 2013 beide Brüste entfernen © Corbis

Fotoalben sind gesammelte Erinnerungen eines Familienlebens: Sie wecken aber nicht nur Erinnerungen, sie verraten auch einiges über unsere Gesundheit und über mögliche Erbkrankheiten. Die Familie der Schauspielerin Angelina Jolie (39) ist dafür leider ein trauriges Beispiel.

 

Warum Sie einen Blick in Ihr Familienalbum werfen sollten

Fotos können uns zeigen, ob der Großpapa an Bluthochdruck litt, die Großmutter im Alter Knochenschwund bekam, Papa der Heuschnupfen plagte oder Mama Krampfadern hatte. Mit diesem Wissen können wir uns auf Spurensuche begeben: Welche Veranlagungen zu Erkrankungen wurden womöglich an uns vererbt und könnten uns vielleicht sogar – bei nicht Behandlung – töten? Dadurch wissen wir, in welchen Bereichen wir besonders auf unsere Gesundheit achten sollten, um eine genetische Veranlagung nicht zu aktivieren oder gegebenenfalls Vorsichtsmaßnahmen treffen zu können.

 

Äußere Einflüsse können Erkrankung beeinflussen

Mit den Genen wird in den meisten Fällen nur die Anfälligkeit für eine Erkrankung vererbt. Entscheidend für ihren Ausbruch sind äußere Faktoren – wie unsere Ernährungsweise, der Umgang mit Stress oder wie regelmäßig wir uns bewegen. Und genau dieses Verhalten wird stark von unseren Eltern geprägt. Das zeigt: Unsere Familie hat in doppelter Hinsicht Einfluss auf unsere Gesundheit. Doch während wir gegen unser "genetisches Erbe" nichts tun können, lassen sich Gewohnheiten auch im Alter noch verändern. Zeigen alte Aufnahmen etwa eine Neigung der Vorfahren zu starkem Übergewicht im Alter, wissen wir durch die heutige Medizin, dass sich dem schon durch kleine Veränderungen des Lebensstils in frühen Lebensjahren vorbeugen lässt. Ein Blick ins Familienalbum verrät daher oft mehr über unsere gesundheitliche Zukunft als es ein Gentest vermag. Hat beispielsweise die Großmutter auf alten Fotos geschwollene Hände und verdickte Fingergelenke, weist das auf ein Gichtleiden hin. Die Stoffwechselkrankheit ist fast immer erblich bedingt. Liegt die Erkrankung in der Familie vor, wird über mehrere fehlerhafte Gene eine Störung im Harnsäurestoffwechsel weitergegeben. Doch auch in diesem Fall bricht die Krankheit nur aus, wenn weitere Faktoren wie Übergewicht, Alkoholkonsum oder eine sehr purinlastige Ernährung (viel Fleisch und Fisch) hinzukommen.

 

Der Fall Angelina Jolie

Auch Angelina Jolie wird sich ihr Familienportrait gut angeschaut haben. Im Alter von nur 56 Jahren starb Angelina Jolies Mutter an Eierstock- und Brustkrebs. Auch zwei ihrer Tanten und eine Cousine starben in jungen Jahren an derselben Krebsform. Aus Angst, dass ihr dasselbe Schicksal bevorstehen könnte, ließ sie einen Gen-Test machen. Das Ergebnis war erschreckend: Sie ist Trägerin des sogenannten BRCA1-Gens (BRCA = breast-cancer-gene, das englische Wort für Brustkrebs-Gen). Nach Einschätzung der Ärzte hat die Schauspielerin dadurch ein Brustkrebsrisiko von 87 Prozent, das Risiko für Eierstockkrebs liegt bei 50 Prozent. Sie entschied sich dazu, dieses Risiko so weit wie möglich zu minimieren und ließ sich vorsorglich beide Brüste abnehmen. Durch den Eingriff ist ihr Brustkrebs-Risiko von 87 auf nur noch fünf Prozent gesunken! Der Eingriff ist jetzt zwei Jahre her. Nun hat sich der Hollywood-Star auch die Eierstöcke entfernen lassen. Zu groß war ihre Sorge, auch an Eierstockkrebs zu erkranken. Denn: Zusätzlich zur bereits bekannten Krebs-Anfälligkeit stellte der Arzt erhöhte Entzündungswerte im Blut fest – ein möglicher Hinweis auf Krebs im Frühstadium.

 

Was ist das BRCA-Gen?

BRCA-Gene trägt jeder Mensch in seinem Erbgut. Einen Teil dieses Gens bekommt man von dem Vater, einen Teil von der Mutter vererbt. BRCA-Gene sind im normalen, also im nicht mutierten Zustand in die Kontrollmechanismen von Zellwachstum und Zellteilung eingebunden und unterdrücken das Tumorwachstum. Leidet bereits ein Elternteil unter einer Mutation des BRCA-Gens, wird auch dieses veränderte Gen an die Nachkommen weitervererbt. Diese Mutation liegt durch die Vererbung in allen Zellen vor und damit trägt auch das Kind dieses veränderte Gen automatisch in sich. Man spricht in diesem Fall von einer Keimbahnmutation. Dieses eine mutierte Gen führt jedoch nicht alleine dazu, dass ein Tumor wächst. Das heißt im Klartext: Nur weil jemand Träger dieses veränderten Gens ist, bedeutet es nicht zwangsläufig, dass auch Brust- oder Eierstockkrebs entstehen muss. Denn erst wenn der zweite vererbte Teil dieses BRCA-Gens ebenfalls mutiert (man spricht von dem sogenannten „2. Treffer“), kann Krebs entstehen. Dies scheint bei den verstorbenen Familienmitgliedern von Angelina Jolie leider der Fall gewesen zu sein.

 

Brustkrebs? Tatsächlich ist die erbliche Vorbelastung geringer als vermutet

Das genetisch bedingte Risiko einer Brustkrebserkrankung ist für Frauen ein hochemotionales Thema. Nicht nur durch den Fall von Angelina Jolie ist eine öffentliche Diskussion um Gentests und den Sinn vorsorglicher Operationen entbrannt.

Es gibt eine genetische Disposition, die von Angehörigen weitergegeben werden kann. Aber nicht jeder Krebsfall im familiären Umfeld bedeutet automatisch, dass das eigene Risiko einer Brustkrebsveranlagung gleich extrem hoch ist. Tatsächlich sind lediglich fünf bis zehn Prozent aller Brustkrebserkrankungen erblich bedingt.

 

Gezielte Vorbeugung durch Wissen

Schauen Sie sich Ihre alten Familienfotos gut an. Fragen Sie auch Familienmitglieder, an welchen Krankheiten zum Beispiel Ur-Oma und Ur-Opa gestorben sind. Nutzen Sie dieses Wissen, vor allem wenn Sie körperliche Veränderungen bei sich selbst festgestellt haben. Suchen Sie einen Arzt auf und erzählen Sie ihm von Ihrer familiären Vorgeschichte. Im besten Fall verhindern Sie so die Erkrankung.

Hatten Mama oder Oma Brustkrebs, ist die Angst groß, selbst daran zu erkranken – begründet ist sie aber nicht immer

Bei nur etwa fünf von 100 betroffenen Frauen ist Brustkrebs erblich bedingt. Das Deutsche Konsortium für familiären Brust- und Eierstockkrebs hat neun Richtlinien festgelegt – trifft eine dieser Konstellationen in der Familie zu, empfiehlt sich ein Gentest, der in diesem Falle von der Krankenkasse übernommen wird:

Drei Frauen in der Familie hatten Brustkrebs, egal, in welchem Alter.

Zwei Frauen hatten Brustkrebs, davon ist eine vor dem 51. Lebensjahr erkrankt.

Eine Frau in der Familie hatte Brustkrebs, und eine Frau hatte Eierstockkrebs.

Zwei Frauen in der Familie litten an Eierstockkrebs.

Eine Frau und ein Mann in der Familie hatten Brustkrebs.

Eine Frau litt an Eierstockkrebs, und ein Mann hatte Brustkrebs.

Eine Frau bekam Brustkrebs vor ihrem 36. Geburtstag.

Eine Frau erkrankte an zweiseitigem Brustkrebs, wobei die Ersterkrankung vor dem 51. Geburtstag war.

Eine Frau hatte sowohl Brust- als auch Eierstockkrebs. Ob es sich dabei um Blutsverwandte mütterlicher- oder väterlicherseits handelt oder um Geschwister, ist nicht von Bedeutung.

Wissen kann zur psychischen Belastung werden

Sollte eine der oben genannten Konstellationen auf Sie zutreffen und Sie überlegen einen Gen-Test machen zu lassen, sollten Sie sich darüber bewusst sein, dass dieses Wissen zwar Klarheit bringt und gegebenenfalls entsprechende vorbeugende Maßnahmen getroffen werden können. Jedoch kann die Kenntnis darüber, dass man Träger dieses mutierten Gens ist und damit eine erhöhte Wahrscheinlichkeit besitzt an Krebs zu erkranken, auch zur großen psychischen Belastung werden.

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