Kann eine Brille Depressionen heilen?

Frau mit Depressionen
Eine neue virtuelle Therapie könnte künftig helfen, Depressionen schnell und erfolgreich zu behandeln © Fotolia

Es ist eine bewährte psychotherapeutische Methode: die Arbeit mit dem inneren Kind. Kerngedanke dabei ist, sich ihm liebevoll und akzeptierend zuzuwenden und wieder Zugang zu kindlichen Gefühlen zu erhalten. Dieses therapeutische Konzept haben Forscher jetzt zum Anlass genommen, der Depression auf einem ganz anderen Weg zu begegnen. Im Fokus steht dabei eine 3D-Brille.

Psychotherapeuten wissen: In jedem von uns stecken unauslöschlich die sinnlichen Erfahrungen unserer ersten Lebensjahre. Sie sind oft nur verschüttet. Kinderglück hängt eng mit Bewegung zusammen. Diesem Drang muss wieder freien Lauf gelassen werden. Das setzt Glückshormone und sogenannte Endocannabinoide im Gehirn frei, die uns Ängste und Schmerzen weniger wahrnehmen lassen. Das zeigen US-Studien. Wer also kindliches Glücksempfinden wiedererwecken kann, stärkt sich gegen Schwermut und Schmerzen.

 

VR-Headset hilft bei Depressionen

Vor diesem Hintergrund haben Wissenschaftler des University College London eine virtuelle Therapie für Patienten mit Depressionen entwickelt, bei der Betroffene Begegnung mit einem Avatar machen. Mithilfe eines VR-Headsets werden lebensgroße Bilder an eine Wand projiziert. Sie zeigen den Patienten in einem virtuellen Spiegel sowohl aus der Sicht eines Erwachsenen als auch aus der Sicht eines Kindes. Die Teilnehmer sollen sich zunächst mit ihrem Erwachsenen–Avatar identifizieren, der genau ihre Körperbewegungen widerspiegelt. Später kommt der Avatar eines weinenden Kindes dazu. Die Aufgabe des Erwachsenen ist es nun, das Kind mit Worten zu beruhigen, zu trösten und es an glückliche Zeiten zu erinnern. Außerdem sollte es an jemanden denken, der es liebte.

Anschließend werden die Rollen getauscht. Nun finden sich die Probanden im Avatar des Kindes wieder und bekommen die Worte zu hören, die sie zuvor als Erwachsener dem Kind entgegenbrachten. Eine Sitzung dauert 45 Minuten, jeder Patient absolviert drei Einheiten.

Virtuelle Therapie mit Avatar
Bei der virtuellen Therapie machen Depressionskranke Erfahrung mit einem Avatar© © ucl.ac.uk
 

Avatar vermittelt Selbstgefühl und weniger Selbstkritik

Das Team um Studienleiter Chris Brewin machte dabei erstaunliche Beobachtungen. Nach diesem Experiment – das einen Monat andauerte – war bei neun von 15 Personen im Alter von 23 und 61 Jahren eine Besserung der Symptome zu verzeichnen. Vier dieser neun Teilnehmer sprachen sogar von einer deutlichen Verbesserung. Alle Probanden berichteten von sehr intensiven Erfahrungen. Forschungsleiter Brewin erklärt:„Menschen, die mit Angstgefühlen und Depressionen zu tun haben, können sehr selbstkritisch sein, wenn etwas in ihrem Leben schiefgeht. Das Ziel war es, den Patienten mehr Mitgefühl mit sich selbst und weniger Selbstkritik beizubringen".

Da die neue Methode frei von Nebenwirkungen ist, stellt sie eine sinnvolle Ergänzung zur herkömmlichen Therapie dar.

Hamburg, 16. Februar 2016

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