Kann ein Medikament gegen Darmentzündungen Diabetes heilen?

Frau gibt sich Diabetes-Spritze
Rund 6 Millionen Menschen sind in Deutschland von Diabetes betroffen. Viele müssen täglich Medikamente nehmen. Ein Medikament gegen Morbus Chron verspricht Heilung © Fotolia

Forscher stellten in Versuchen an Mäusen fest: Ein Medikament gegen Morbus Chron kann Diabetes verhindern und heilen. Sollte es beim Menschen wirken, wäre das ein Durchbruch in der Therapie der Krankheit.

Der Darm scheint eine weitaus wichtigere Rolle bei der Entwicklung eines Diabetes zu haben, als bisher gedacht. Jetzt haben Forscher eine neue These aufgestellt: Medikamente, die bisher gegen entzündliche Darmerkrankungen eingesetzt werden, sollen die Zuckerkrankheit besiegen. Eine Studie, die kürzlich im Fachmagazin Cell Metabolism veröffentlicht wurde, zeigt vielversprechende Ergebnisse.

„Die Ergebnisse sind sehr spannend, weil wir zum ersten Mal sehen konnten, was für eine wichtige Rolle das Immunsystem des Darms bei der Kontrolle von Blutzucker spielt“, sagt Dan Winer, einer der Studienleiter. „Das eröffnet das große Feld des darmassoziierten Immunsystems für die Bekämpfung von Übergewicht und hohen Blutzuckerwerten.“ Neuere Studien weisen darauf hin, dass die Darmschleimhaut eine wichtige Rolle in der Immunabwehr spielt. Dort befinden sich rund 70 – 80 Prozent der antikörperproduzierenden Zellen.

 

Lösen Entzündungen Diabetes aus?

Die Wissenschaftler um Winer hatten zuvor gängige Theorien über die Verbindung zwischen Übergewicht und Diabetes Typ 2 erforscht. Dabei interessierte sie die Frage: Warum führt Übergewicht zu einer Resistenz gegen Insulin? Und in der Folge zu Diabetes? Mit der Zeit begannen sie jedoch, sich stärker für Entzündungen auslösende Immunzellen und deren Rolle in der Entwicklung eines Diabetes Typ 2 zu interessieren.

An übergewichtigen Mäusen stellten sie fest: Wenn diese fett- und kalorienreiches Essen bekamen, dann hatten sie auch mehr dieser Immunzellen im Körper – und weniger Zellen, die eine solche Immunantwort beenden. Später konnten sie den gleichen Effekt an 14 Menschen zeigen, von denen sieben übergewichtig waren. Sie schlussfolgerten: Die fettreiche Ernährung regt die Zellen im Darm an, in großen Mengen Antikörper zu produzieren. Das beschädigt das fragile Gleichgewicht des Immunsystems und löst eine chemische Kettenreaktion aus, die letztlich die Darmwand schädigt. Bakterien können von dort in die Blutbahn gelangen. Dieser Prozess spielt eine wichtige Rolle in der Entwicklung einer Insulinresistenz und damit von Diabetes.  

 

Neue Diabetes Medikamente

„Wenn wir die für Entzündungen auslösenden Immunzellen gleich zu Beginn stoppen, dann können wir die Krankheit viel effektiver bekämpfen“, sagt Shawn Winer, Bruder des Studienleiters und ebenfalls Autor der Studie. „Weil wir uns auf den Darm konzentrierten, bekamen wir auf einmal eine ganze Reihe neuer Medikamente, die sich bereits bei anderen Krankheiten bewährt haben.“

Genau das war auch der nächste Schritt der Forscher: Sie gaben den übergewichtigen Mäusen Mesalazin, ein gängiges Medikament für chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Morbus Chron oder Colitis ulcerosa. Es zeigte sich, dass daraufhin die Insulinresistenz zurückging und der Blutzuckerspiegel auf ein annähernd normales Niveau fiel. „Mit dem Medikament konnten wir bei Mäusen Diabetes Typ 2 verhindern“, so Dan Winer. Sollte das auch beim Menschen wirken, könnte es die Prävention und Therapie von Diabetes komplett verändern.

Hamburg, 09. April 2015

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.