Kann ein Krebsmedikament Querschnittsgelähmte heilen?

Frau mit Krücken vor Rollstuhl
Hoffnung für Querschnittsgelähmte? Das Krebsmedikament Epothilon hilft dem Rückenmark bei der Regeneration © Fotolia

Erste Studien zeigen: Ein Krebsmedikament kann Nervenzellen im Rückenmark nachwachsen lassen. Das Ergebnis lässt hoffen – bis es wirklich einem Menschen helfen kann, wird aber wohl noch viel Zeit vergehen.

Ein Wirkstoff aus einem Krebsmedikament könnte in Zukunft dazu genutzt werden, Querschnittsgelähmte zu heilen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die kürzlich im Wissenschaftsmagazin Science veröffentlich wurde – allerdings befindet sich die Forschung noch in einer sehr frühen Phase: Der Effekt konnte bislang nur im Tierversuch gezeigt werden.

 

Rückenmark kann sich nicht regenerieren

Rückenmarksverletzungen sind oft so schwerwiegend, weil die Nervenzellen dort nicht in der Lage sind, sich zu regenerieren. Werden sie durch Unfälle oder Erkrankungen verletzt, bleiben meist Lähmungen oder andere Einschränkungen zurück. Viele Betroffene sind für den Rest ihres Lebens auf einen Rollstuhl angewiesen. Anders ist das bei Nervenzellen in Gliedmaßen, Rumpf oder Nase. Diese können sich bis zu einem gewissen Grad regenerieren und ihre Funktion wieder teilweise oder sogar ganz zurückgewinnen.

Bekannt ist, dass besonders ein Faktor für die schlechte Regeneration des Rückenmarks verantwortlich ist: Es bildet sich nach einem Trauma ein starkes Narbengewebe, dass die Reizübertragung in der Nervenzelle verschlechtert. Besonders die sogenannten Axone sind davon betroffen. Diese spielen eine wichtige Rolle bei der Kommunikation zwischen den Nervenzellen.

 

Die ideale Therapie für Rückenmarksverletzungen        

„Eine ideale Therapie für die Regeneration von Axonen bei Rückenmarksverletzungen sollte die Vernarbung verringern", sagt der Leiter der Studie, Professor Frank Bradke. „Wichtig ist aber auch, dass wachstumshemmende Faktoren reduziert sowie das ohnehin geringe Regenerationspotential der Axone reaktiviert werden." Was die Forscher zuvor schon wussten: Um das zu erreichen, müssen sie einen besonderen Teil der Zelle stimulieren – die Mikrotubuli. Das sind lange, zylinderförmige Filamente im Inneren der Zelle, die je nach Bedarf auf- und abgebaut werden. Sie sind Teil des Zell-Skeletts und ermöglichen dessen Wachstum.

Der erforschte Wirkstoff Epothilon kann die Mikrotubuli stabilisieren und ist bereits auf dem amerikanischen Markt zugelassen – als Krebsmedikament. Er zeigte sich im Tierexperiment jedoch auch für Rückenmarksverletzungen als äußerst vielversprechend: Die mit Epothilon therapierten Ratten waren nach einer Rückenmarksverletzung deutlich agiler als unbehandelte Artgenossen und konnten - dank wiedergewonnener Balance und Koordination - besser laufen.

„Es kommt auf die Dosis an", sagt Dr. Jörg Ruschel, der Erstautor der Studie. „In hoher Dosis hemmt Epothilon das Wachstum von Krebszellen, während eine niedrige Dosis im Tiermodell das axonale Wachstum anregt, ohne dass es dabei zu schweren Nebenwirkungen einer Krebstherapie kommt." Bis das Medikament beim Menschen zum Einsatz kommt, wird es trotzdem noch etwas dauern: Zunächst wollen die Wissenschaftler das Medikament bei unterschiedlichen Verletzungsarten im Rückenmark testen. Weiterhin bei Ratten. Zeigen sich dabei positive Befunde, könnten irgendwann auch Studien an Menschen folgen.

Hamburg, 17. März 2015

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