Kann dieses Medikament Herzinfarkte verhindern?

Verena Elson
Spritzen enthalten ein neues Medikament gegen Folgeherzinfarkte
Kann das neue Medikament Folgeherzinfarkte verhindern? © iStock

Ein neues Medikament wird von Medizinern als Durchbruch bejubelt: Das sogenannte Canakinumab soll das Risiko von Folgeherzinfarkten deutlich senken. Wie gut ist es wirklich?

Wer einen Herzinfarkt überlebt hat, hat ein erhöhtes Risiko, erneut einen Infarkt zu erleiden. Herzinfarkt-Überlebende nehmen darum in der Regel Statine ein, die die Gefahr eines Folgeinfarkts senken sollen. Doch ein Viertel der Patienten erleidet trotz der regelmäßigen Einnahme der Cholesterinsenker innerhalb von fünf Jahren einen erneuten Infarkt. Mediziner vermuten, dass Entzündungen in den Herzkrankzgefäßen dabei eine Rolle spielen.

Wissenschaftler des Brigham and Women’s Hospitals in Boston testeten in ihrer aktuellen Studie, ob der Einsatz eines antientzündlichen Mittels in Kombination mit der Statin-Behandlung einen zusätzlichen Nutzen bei der Herzinfarkt-Vorbeugung bringt.

An der Studie nahmen 10.000 Probanden teil, die alle einen Herzinfarkt erlitten hatten. Zudem hatte ein Bluttest bei ihnen erhöhte Entzündungswerte ergeben. Über den Studienzeitraum von vier Jahren nahmen alle Patienten Statine ein – zusätzlich bekamen sie alle drei Monate den Wirkstoff Canakinumab oder ein Placebo injiziert.

 

Was ist Canakinumab?

Canakinumab ist in Deutschland bereits unter dem Namen Ilaris als Arthritis-Medikament zugelassen. Es gehört zur Gruppe der Biologika – das sind biotechnologisch hergestellte Eiweißsubstanzen, die bei rheumatischen Erkrankungen eingesetzt werden. Canakinumab richtet sich gegen einen bestimmten Botenstoff des Immunsystems, der an der Entstehung von Entzündungen beteiligt ist.

In der Canakinumab-Gruppe verzeichneten die Bostoner Forscher eine um 15 Prozent verringerte Rate an Folgeinfarkten sowie Schlaganfällen. Die Notwendigkeit kostspieliger Eingriffe wie Bypass-Operationen sank um 30 Prozent. Ein zusätzlicher Vorteil von Canakinumab überraschte die Forscher: Die Todesfälle aufgrund von Krebs halbierten sich in dieser Gruppe – an Lungenkrebs starben sogar 75 Prozent weniger Patienten. Die Gründe dafür sind bisher ungeklärt. Allerdings traten in der Canakinumab-Gruppe häufiger Todesfälle aufgrund gravierender Infektionen auf. Insgesamt unterschiedenen sich die Sterberaten in den beiden Gruppen nicht.

 

Wird die neue Entdeckung die Behandlung von Herzinfarkten revolutionieren?

Experten bezweifeln, dass Canakinumab wird standardmäßig zur Vorbeugung von Folgeherzinfarkten angewendet werden wird – dafür sind die Nebenwirkungen zu gravierend und das Medikament zu teuer. Der Wirkstoff unterdrückt einen Teil des Immunsystems – so kam es zu den tödlichen Infektionen. Gegen eine standardmäßige Anwendung spricht außerdem die Tatsache, dass die Sterberate in der Canakinumab-Gruppe nicht niedriger war als in der Kontrollgruppe.

Einige Mediziner ordnen die Studie dennoch als Durchbruch ein. Denn sie zeigt, dass eine entzündungshemmende Therapie bei Herzinfarkt-Patienten erneute Infarkte verhindern kann und öffnet so die Tür für weitere Forschung. „Das ist fantastisch“, sagte Dr. David J. Maron, der Direktor der Abteilung für vorbeugende Kardiologie an der Stanford University gegenüber der New York Times. „Das grüne Licht ist gerade angegangen für die ausführliche Untersuchung und Entwicklung von wirksamen und kosteneffektiven neuen Therapien.“

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