Kann dieser einfache Test eine Schizophrenie aufdecken?

Verena Elson
Ein Vater kitzelt seinen Sohn
Zarte Berührungen an empfindlichen Körperstellen lösen eine „Kitzelreaktion“ aus. Menschen mit schizophrenen Zügen können dieses Gefühl bei sich selbst provozieren © Fotolia

Menschen mit schizophrenen Zügen können sich häufig selbst kitzeln, zeigt eine aktuelle französische Studie. Ist diese Fähigkeit ein sicheres Zeichen für Schizophrenie?

Das leichte Streichen einer Feder über die Fußsohle bringt nicht nur Babys zum Glucksen – auch der ernsthafteste Erwachsene kann in spontanes Gelächter ausbrechen, wenn er gekitzelt wird. Dazu kommt ein unkontrolliertes Zucken, um dem „Angreifer“ auszuweichen. Experten vermuten, dass dahinter ein Schutzmechanismus steckt: Unsere kitzeligsten Körperstellen sind besonders verletzlich, wie etwa der Bauch, unter dem lebenswichtige Organe liegen. Das Gefühl des Gekitzeltwerden führt auch dazu, dass wir störende Insekten abschütteln – und uns so vor Stichen und Bissen schützen.

Eine Bedingung für erfolgreiches Kitzeln scheint zu sein, dass der Reiz von außen kommt, also unerwartet ist. Darum können die meisten Menschen sich nicht selbst kitzeln. Doch Menschen mit schizophrenen Zügen können das häufig, zeigt eine aktuelle französische Studie.

 

Probanden mit schizophrenen Zügen konnten sich selbst kitzeln

Das Team um Anne-Laure Lemaitre ließ 397 gesunde Studenten einen Fragebogen ausfüllen, mit dem schizophrene Persönlichkeitszüge ermittelt werden. Dabei wurden ungewohnte Erfahrungen abgefragt, beispielsweise die, sich wie fremdgesteuert zu fühlen.

Die Forscher wählten 54 Studenten für ihr Experiment aus: Bei 27 von ihnen deutete eine besonders hohe Punktzahl bei dem Fragebogen auf schizophrene Züge hin, während die anderen 27 eine besonders niedrige Punktzahl und damit keine schizophrenen Züge hatten.

In zwei verschiedenen Tests versuchten die Studenten entweder, selbst ihren Unterarm mit einem Pinsel zu kitzeln, oder ein Mitglied des Forscherteams kitzelte sie. Anschließend gaben die Probanden an, wie sehr die Berührungen des Pinsels sie gekitzelt hatten.

Das „Fremdkitzeln“ löste bei allen Studenten die gleichen Gefühle aus. Allerdings reagierten die Probanden mit schizophrenen Zügen genauso kitzlig auf das „Selbstkitzeln“ – anders als die Teilnehmer der anderen Gruppe konnten sie sich selbst kitzeln.

Frühere Studien wiesen bereits darauf hin, dass Schizophrenie-Patienten sich häufig selbst kitzeln können. Als Grund dafür vermuten sie Veränderungen im Gehirn, die die Unterscheidung von selbstbestimmten und fremdgesteuerten Handlungen erschweren. Menschen mit Schizophrenie können demnach die Kitzel-Bewegung bewusst ausführen, sich auch bewusst sein, dass sie sie ausgeführt haben – dennoch verbindet das Gehirn die Bewegung und das Gefühl des Gekitzeltwerdens nicht miteinander und nimmt die Berührung als von außen kommend wahr.

 

Ist jeder, der sich selbst kitzeln kann, schizophren?

Wer sich selbst kitzeln kann, muss deshalb noch lange nicht schizophren sein. Erst wenn Symptome wie visuelle und akustische Halluzinationen (Stimmen hören) oder paranoide Wahnvorstellungen auftreten, sollten Betroffene einen Arzt aufsuchen. Weitere Schizophrenie-Symptome sind Gedächtnis- und Sprachprobleme, der Verlust der Fähigkeit zu planen, Gefühle auszudrücken oder Freude zu empfinden. Steht die Diagnose Schizophrenie fest, kann eine Kombination aus Medikamenten und Psychotherapie die Symptome verbessern oder sogar verschwinden lassen. Übrigens liegt bei einer Schizophrenie entgegen der landläufigen Meinung keine gespaltene oder multiple Persönlichkeit vor.

Hamburg, 29. März 2016

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