Kann das Immunsystem HIV besiegen?

Seit Jahrzehnten suchen Forscher nach einem Weg, um zu verhindern, dass HIV-Patienten an AIDS erkranken – bisher erfolglos. Was die Medizin nicht schaffte, scheint nun dem menschlichen Immunsystem gelungen zu sein. Praxisvita erklärt, wie es dazu kommen konnte.

Die Geschichte, die von Wissenschaftlern der Universität von Marseille in einer kürzlich veröffentlichten Studie erzählt wird, beginnt mit zwei Personen, die seit Jahrzehnten mit dem HI-Virus lebten, ohne dass die Immunkrankheit AIDS ausbrach.

Irgendwann und entgegen allem, was Mediziner über HIV zu wissen glaubten, stellten Ärzte fest, dass beide Personen keine Antikörper mehr gegen das Virus produzierten – aus medizinischer Sicht galten sie also von HIV geheilt.

 

Ein medizinisches Wunder?

Die Fälle waren so ungewöhnlich, dass sich ein französisches Forscherteam um Studienleiter Professor Didier Raoult von der Medizinfakultät in Marseille daran machte, die spontane Selbstheilung der vermeintlichen HIV-Patienten genauer zu untersuchen.

Tatsächlich aber handelt es sich bei dem beobachteten Phänomen genau genommen um kein medizinisches Wunder, sondern um eine noch kaum erforschte Fähigkeit des Immunsystems.

 

Unser Körper kann Viren ‚entwaffnen’

Der menschliche Körper bedient sich dazu eines Tricks. Die Untersuchung der beiden HIV-Patienten von Marseille zeigte, dass die Ausbreitung und Vervielfältigung des Virus im Körper durch das Immunsystem gestoppt wurde, indem es die Weitergabe der Erbinformationen der HI-Viruspartikel in den Wirtszellen unterdrückte. Dadurch konnten sich die HIV-Erreger nicht fortpflanzen, obwohl das Virus (die HIV-RNA) in der Zell-DNA noch vorhanden blieb – also nicht wirklich ausgelöscht wurde.

Um das zu können, tat das Immunsystem der beiden geheilten HIV-Patienten aus Frankreich etwas, das bisher als unmöglich galt: Die Aktivierung eines bestimmten Enzyms (APOBEC) – normalerweise durch ein Virus-Protein (Vif-Protein) gehemmt –, das die Virus-Replikation unterdrückt.

 

Ein alter Trick der Natur

Professor Raoult erklärt, dass es sich bei diesem „Selbstheilungsprozess des Körpers“ – so beeindruckend er auch ist – um einen sehr alten Trick der Natur handele. Seit Jahrmillionen ist der menschliche Körper dazu in der Lage, das Erbgut von sogenannten Retroviren (Viren, deren gesamte Erbinformation in RNA-Strängen vorliegt) in die eigene DNA zu integrieren – bei gleichzeitiger Unterdrückung der Fortpflanzungsfähigkeit der Erreger.

Dieser sehr einfache, aber effektive Trick des Immunsystems, einen Virus unschädlich zu machen, indem man ihn praktisch zu einem Teil des Körpers macht, ist auch der Grund, wieso nach vielen Millionen Jahren Evolution mehr als „acht Prozent des menschlichen Genoms aus der RNA deaktivierter Retroviren besteht“, erklärt Professor Raoult. Unklar blieb dagegen, wie es dem Immunsystem der beiden HIV-Patienten aus Marseille plötzlich gelang, das entscheidende Vif-Protein des HI-Virus zu blocken und dadurch den HI-Virus zu stoppen.

Nach Ansicht der Forscher ergeben sich aufgrund dieser Erkenntnisse völlig neue Möglichkeiten zur Behandlung von HIV-Patienten. Durch die gezielte Aktivierung des APOBEC-Enzyms könnten demnach schonende Therapiemöglichkeiten gefunden werden, die einen Ausbruch von AIDS zuverlässig  verhindern.

Hamburg, 6. November 2014

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