Jerusalem-Syndrom: Was ist das?

Redaktion PraxisVITA

Am sogenannten Jerusalem-Syndrom leiden Menschen, die sich für Figuren aus der Bibel halten. Plötzlich glauben sie, Jesus, Maria oder Moses zu verkörpern, fangen an zu predigen und kleiden sich in weite Gewänder. Das Krankheitsbild taucht allerdings nur in der heiligen Stadt auf.

Frauenhand mit Gewand
Das Jerusalem-Syndrom bezeichnet eine vorübergehende religiöse Wahnvorstellung Foto:  Praxisvita
 

Was ist das Jerusalem-Syndrom?

Ein junger Mann läuft nackt durch die Straßen Jerusalems. Er trägt ein Laken um den Körper und hat ein Schwert bei sich. Seine Mission: Er macht den Weg frei für den wiederauferstandenen König David. Ein anderer Mann in einem grünen Rock aus Cord hält sich für den Messias. Am Tage missioniert er regelmäßig in Jerusalems Gassen andere Touristen, nachts verkriecht er sich zum Schlafen in einer Höhle vor den Stadttoren. Ein anderer vorübergehender Prophet läuft die Via Dolorosa hinauf, ein Kreuz auf dem Rücken tragend. Eine Frau, die sich für die Jungfrau Maria hält, versucht, Gottes Sohn in der Grabeskirche zu gebären.

All jene Menschen kamen als Touristen in die heilige Stadt. Als vermeintliche Heilige wurden sie dann in die Psychiatrie eingeliefert. So wie ihnen ergeht es jährlich etwa 200 Besuchern Jerusalems. Gerade zu Zeiten der großen christlichen Feiertage wie Weihnachten, Ostern, Christi Himmelfahrt und Pfingsten häufen sich Fälle wie diese. Tempelberg, Klagemauer und Felsendom sind die Orte, an denen das Jerusalem-Syndrom vermehrt auftritt. Ein Hauptgrund für die lokale Verwirrtheit vieler Betroffener: Jesus Christus wurde in Jerusalem zum Tode verurteilt, gekreuzigt und anschließend in der Grabeskirche beerdigt. 

Hand mit Wasserglas
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Das Jerusalem-Syndrom – Psychose ohne anerkannte Diagnose

Die Wahnvorstellung, sich im Körper einer religiösen Figur zu befinden, deren Handlungen zu vollführen und auch alle anderen von der Echtheit der eigenen Gedanken zu überzeugen, ist als Erkrankung in die Kategorie der religiösen Wahnvorstellungen und Psychosen einzuordnen. Weil das Jerusalem-Syndrom im internationalen Diagnoseschlüssel jedoch nur als vorübergehende psychotische Störung aufgelistet ist, gilt es nicht als anerkannte Diagnose.

 

Symptome des Jerusalem-Syndroms

  • Die Identifikation mit einer biblischen Figur wird durch die Anpassung an den Kleidungsstil der damaligen Epoche und durch öffentliche Gebete oder Predigten komplettiert.
  • In vielen Fällen wollen die Betroffenen durch eine überbordende Selbstdarstellung Aufmerksamkeit erregen. Nicht selten wurden durch derartige Auftritte bereits Unruhen in Jerusalem ausgelöst.
  • Die Betroffenen sind häufig männlich, alleinlebend und größtenteils in einem streng protestantischen Elternhaus aufgewachsen.
  • Meist personifizieren sich die Betroffenen mit eher berühmten Persönlichkeiten aus dem Alten oder Neuen Testament.

Übrigens: Das gemeinsame Auftreten charakteristischer Symptome innerhalb eines gekennzeichneten Krankheitsbildes nennt man Syndrom.

 

Ursprung und erste Dokumentation des Jerusalem-Syndroms

Erstmals hat der Jerusalemer Psychiater Heinz Herman die Symptome in den 1930er-Jahren zu einem Krankheitsbild zusammengefasst und diese dokumentiert. Anfangs beschrieb er es noch unter dem Namen Jerusalem-Fieber. Seit den 1980er-Jahren forscht man in Jerusalem auch intensiv an dem Phänomen. Der israelische Arzt Yair Bar-El war maßgeblich an der Forschung beteiligt und prägte schließlich auch den Begriff Jerusalem-Syndrom. Er war es auch, der die Betroffenen in drei Typen einteilte:

 

Typen des Jerusalem-Syndroms

Typ I

Die Patienten haben eine medizinische Vorerkrankung – meist im Bereich des Manisch-Depressiven oder der Schizophrenie.

Typ II

Die Betroffenen haben keine eindeutige psychische Krankheit. Sie kommen aber oft bereits mit einer fixen Idee und einem klaren Plan nach Jerusalem.

Typ III

Den Patienten würde niemand zutrauen, dass sie sich wenige Tage später für eine biblische Figur halten würden. Erst bei der Einreise nach Jerusalem befällt sie der religiöse Wahn, Jesus, Moses oder König David darzustellen. Bei Typ III des Jerusalem-Syndroms sind sich Forscher und Psychiater jedoch uneins. Viele Wissenschaftler sind sich sicher, dass es eine derartige Psychose ohne Vorerkrankung nicht geben könne. Eine Stadt allein könne so eine Wahnvorstellung nicht auslösen, sagt etwa der Jerusalemer Psychiater Moshe Kalian.

 

Behandlung des Jerusalem-Syndroms

Es passiert immer wieder: Pilger und Touristen fühlen sich von der religiösen Wucht der Stadt geradezu übermannt. Hinzu kommen die vielen historischen Stätten mit ihrer unglaublichen Bedeutung für viele Christen. Das Zusammenspiel raubt ihnen geradezu den Verstand, meist aber nur vorübergehend. Sobald die Betroffenen in einer psychiatrischen Klinik behandelt werden, lösen sich die Symptome wieder auf und die Patienten können als “geheilt” entlassen werden. Bis zu einer stationären Aufnahme können oft Tage vergehen. Denn nicht immer lassen sich die unter dem Jerusalem-Syndrom leidenden Menschen so einfach von ihrem Pfad abbringen.

 

Eigene psychiatrische Abteilung für das Jerusalem-Syndrom

Beim Großteil aller Fälle ist die psychische Störung nach wenigen Tagen wieder vorüber – meist aber nur durch medikamentöse Behandlung, oft mit Beruhigungspräparaten. Viele der selbst ernannten Heiligen werden ins Kfar-Shaul-Krankenhaus für Psychiatrie gebracht – dort existiert mittlerweile sogar eine eigene Abteilung für das Jerusalem-Syndrom.

Sobald die Patienten entlassen wurden, kehren sie “geläutert” und “geheilt” in ihre Heimatländer zurück. Der junge Mann, der mit Schwert bewaffnet den Weg für König David freimachen wollte, fliegt zurück in die USA. Der Herr im grünen Cordrock tritt die Reise zurück nach Glauchau ins beschauliche Sachsen an. Dort ahnt niemand, dass er – wie jährlich so viele andere – für kurze Zeit der Heilsbringer war.

 

Ähnliche Phänomene wie das Jerusalem-Syndrom

Ganz ähnliche Phänomene wie das Jerusalem-Syndrom gibt es auch in anderen Städten zu beobachten: Bei dem Venedig-Syndrom wird der Fakt beschrieben, dass hier mehr Touristen Suizid begehen als in irgendeiner anderen italienischen Stadt. Unter dem Paris-Syndrom leiden hingegen vor allem asiatische Touristen. Der Grund für die vorübergehende Psychose: Die romantischen Erwartungen der Paris-Besucher an die Stadt der Liebe werden oft nicht erfüllt. Im Gegenteil: Die französische Hauptstadt begrüßt die Touristen häufig mit einer äußerst unromantischen Realität.

Quellen:

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