Jeder Schmerz kann chronisch werden

Rückenschmerzen ist eine der häufigsten Arten chronischen Schmerzes
Chronische Schmerzen sind dauerhafte Schmerzen, die selbst dann noch bestehen, wenn der Schmerzauslöser nicht mehr besteht. Rückenschmerzen ist eine der häufigsten Arten chronischen Schmerzes © Fotolia

Der Schmerz-Experte Prof. Dr. Walter Zieglgänsberger erklärt, warum jeder akute Schmerz sofort behandelt werden muss und chronisch werden kann.

Warum ist es so wichtig, Schmerzen sofort zu behandeln?

Jeder Schmerz aktiviert bestimmte Strukturen im Gehirn und kann sich so in unser Gedächtnis einprägen. Entsteht ein solches Schmerzgedächtnis, können die Schmerzen chronisch werden, deshalb ist es so wichtig, jeden akuten Schmerz entsprechend zu behandeln.

Das heißt, es gibt zwei Arten von Schmerzen – chronische und akute?

Genau. Akute Schmerzen haben eine lebenswichtige Funktion: Sie melden einen Schaden am Organismus und lösen eine Schutzreaktion aus. So lernen schon Kinder, die Hand von der heißen Herdplatte wegzuziehen und nicht in eine offene Wunde zu fassen. Chronische Schmerzen hingegen haben diese Schutzfunktion verloren. Sie sind nicht mehr das Symptom einer Erkrankung, sondern eine eigenständige komplexe Erkrankung.

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Schmerz-Experte Prof. Dr. Dr. h.c. Walter Zieglgänsberger, Max-Planck-Institut für Psychiatrie, München© privat

Wie entsteht diese?

Nervenzellen, die über eine längere Zeit Schmerzsignale empfangen, können eine Eigenaktivität entwickeln. Bei Schmerzen, die mehrere Monate anhalten, sprechen Mediziner von chronischen Schmerzen. Die Nervenzellen leiten dann nicht mehr Signale weiter, die durch Reize wie die heiße Herdplatte ausgelöst werden, sondern sie feuern die Signale auch ohne solche Reize ab. Sie drehen sozusagen durch.

Und wie kann man das verhindern?

Die beste Möglichkeit ist, jeden akuten Schmerz zu behandeln – ohne Ausnahme.

Und wenn das nicht geschieht?

Dann kann es sein, dass Patienten später von Arzt zu Arzt laufen, und keiner findet mehr eine Ursache. So werden sie immer frustrierter. „Sie haben nichts“, ist das Schlimmste, was ein Arzt einem Schmerzpatienten sagen kann. Gelegentlich wird ihnen sogar unterstellt, dass sie simulieren oder sich ihre Schmerzen nur einbilden. Das stimmt aber nicht. Diese Patienten sind schwer krank – chronisch schmerzkrank.

Was heißt das für ihre Lebensqualität?

Chronische Schmerzen werden fast immer von Angst, extremem Stress und Schlafstörungen begleitet. Durch den ständigen Schlafmangel sind Betroffene tagsüber müde und nicht leistungsfähig. Viele müssen ihren Beruf aufgeben und entwickeln Depressionen. Sie fühlen sich dem Schmerz hilflos ausgeliefert, einige haben sogar Selbstmordgedanken.

Wie kann man den Patienten helfen?

Das Gehirn hat keine Löschtaste. Wir können es aber dazu bringen, gespeicherte Informationen zu überschreiben. Diese Methode nennt sich Re-Learning: Die Patienten erleben in der Therapie einen sogenannten Vorhersagefehler. Der in bestimmten Situationen erwartete Schmerz bleibt aufgrund einer individuellen Medikation aus. Dadurch korrigiert das Gehirn die Erwartungshaltung.

Was macht eine gute Therapie aus?

Durch die Kombination von individueller Medikation und Psychotherapie lassen sich beim Patienten neue Verhaltensstrategien aufbauen. Er soll ermuntert werden, aktive Anstrengungen zu unternehmen, um seine unbefriedigende Situation zu verändern.

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