Ist die Kabinenluft im Flugzeug tödlich?

Kabinenluft ist giftig
Forscher haben in der Kabinenluft von Passagierflugzeugen Giftstoffe gefunden, die in der Vergangenheit für die Produktion von Nervenkampfstoffen – wie Sarin oder Tabun – verwendet worden sind © Fotolia

Die Atemluft in Passagierflugzeugen enthält giftige Stoffe und kann potenziell tödlich sein. Darüber berichten US-amerikanische Forscher in einer aktuellen Studie. Demnach konnte der Tod eines britischen Piloten erstmals direkt mit einer gefährlichen Krankheit in Verbindung gebracht werden: Das sogenannte Aerotoxische Syndrom. Flugzeugbauer und Airlines leugnen bis heute, dass es diese Krankheit überhaupt gibt. Doch das könnte sich nun ändern.

Der britische Pilot Richard Westgate starb 2012 im Alter von 43 Jahren nach rund einjähriger Leidenszeit. Er litt bis zu seinem Tod an unterschiedlichen Symptomen, die die Merkmale gleich mehrerer tödlicher Krankheiten – wie z.B. Multipler Sklerose, Herzmuskelentzündung, Leukämie oder Pestizidvergiftung – widerspiegeln. Der Fall war so ungewöhnlich, dass die Leiche von Westgate einer umfassenden Autopsie unterzogen wurde und gleich mehrere namhafte medizinische Institute sich der Frage annahmen: Wieso starb Richard Westgate?

 

Tödliche Gefahr in der Kabinenluft

Der US-amerikanische Forscher Professor Mohamed B. Abou-Donia von der Duke Universität in North Carolina veröffentlichte nun einen Bericht, der die Todesursache des erfahrenen Piloten weitestgehend aufgeklärt hat und zeigt, dass er mit großer Wahrscheinlichkeit an den Folgen von giftigen Stoffen starb, die er über Jahre während seiner Arbeit im Cockpit von Passagierflugzeugen eingeatmet hatte.

Die Autopsie ergab ein erschreckendes Bild. Bei Westgate fanden sich schwerste Schädigungen des Nervensystems. Die festgestellten Nervenschäden waren örtlich nicht begrenzt und erstreckten sich auf das Rückenmark, das Gehirn und auf weitere größere Nervenverbünde im Körper. Als Grund für die sogenannten neuropathischen Schäden nennt Professor Abou-Donia eindeutig hochgiftige Stoffe, die der Pilot über die Kabinen- und Cockpitluft aufgenommen hatte. Damit ist erstmals das sogenannte Aerotoxische Syndrom als eindeutige Todesursache bei einem Menschen medizinisch bestätigt worden.

 

Wie kommt das Gift in die Kabinenluft?

Da der Passagier- und Cockpitbereich in einem Flugzeug während eines Fluges – aufgrund des flughöhenbedingten Druckabfalls der Außenluft um fast 70 Prozent – luftdicht abgeschlossen ist, muss die Atemluft durch ein spezielles System künstlich zugeführt werden. Dazu wird bei großen Passagiermaschinen in der Regel Luft von den Triebwerken ungefiltert in den Innenbereich geleitet. Auf diese Weise gelangen allerdings auch giftige Substanzen in die Kabinenluft, die in Turbinenölen und Hydraulikflüssigkeiten vorhanden sind.

Gefährlich sind bei diesem Luftgemisch vor allem die sogenannten Organophosphate, die in der Vergangenheit unter anderem als Insektizid oder als militärisches Giftgas – beispielsweise in Form von Sarin oder Tabun – eingesetzt worden waren. Besonders bei veralteten oder beschädigten Dichtungssystemen am Hydrauliksystem der Triebwerke gelangen größere Mengen des giftigen Stoffs in die Flugzeugluft.

Pestizid-Studien haben in der Vergangenheit bewiesen, dass Organophosphate bei einem langfristigen Kontakt zu schweren Nervenschäden und Krebs führen können – was vor allem Flugpersonal und Vielflieger betrifft. Doch auch für alle anderen Passagiere besteht Gefahr, da auch kurzfristig Symptome wie Konzentrations- und Wahrnehmungsstörungen, allgemeines Unwohlsein, starke Kopfschmerzen und Husten auftreten können.

Kabinenluft ist giftig
Trotz mittlerweile eindeutiger Belege weigern sich Airlines und Flugzeughersteller anzuerkennen, dass über Triebwerke in die Flugzeuge weitergeleitete Atemluft tödliche Giftstoffe enthalten© Fotolia
 

Krankheit wurde nicht anerkannt

Trotz aus medizinischer Sicht eindeutiger Beweise ist das Aerotoxische Syndrom bis heute keine anerkannte Krankheit – weder von den Airlines oder Flugzeugbauern noch von der Weltgesundheitsorganisation (WHO).

Die gesamte Flugzeugindustrie weist sogar bis heute jede Verantwortung von sich. Offiziell heißt es, dass den Airlines und Flugzeugherstellern bis heute keine wissenschaftlichen Belege für den Zusammenhang von Gift in der Kabinenluft und in den letzten Jahren vermehrt auftretenden Erkrankungen bei ihrem Flugzeugpersonal bekannt seien. Darüberhinaus wären auch unter Umständen nachgewiesene giftige Substanzen in der Atemluft von Cockpit und Kabinen für den Menschen nicht gesundheitsschädlich. Eine Sichtweise, die vor dem Hintergrund der neuesten Ergebnisse von Professor Abou-Donia einer baldigen Überholung bedarf.

Weitere Hintergründe zu potenziell giftigen Stoffen in der Kabinenluft von Flugzeugen sowie auch anderer potenzieller Gefahren beim Fliegen, finden Sie hier.

Hamburg, 31. Juli 2014

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