Ist Daumenlutschen doch gesund?

Phyllis Kuhn
Kleines Mädchen lutscht am Daumen
Daumenlutschen kann ungeahnte gesundheitliche Vorteile für das Kind haben. © Alamy

Forscher haben gezeigt, dass Daumenlutschen und Nägelkauen bei Kindern auch gesundheitliche Vorteile haben kann.

Es ist eine der instinktivsten Bewegungen bei Kindern: Daumenlutschen. Schon Embryos tun es im Mutterleib. Eltern sehen das Daumenlutschen allerdings selten gerne. Sie befürchten, dass es zu Zahnfehlstellungen und Sprechstörungen führen kann. Eine neuseeländisch-amerikanische Studie hat jedoch noch eine weitere mögliche Nebenwirkung des Daumenlutschens herausgefunden. Und die dürfte bei Eltern sehr willkommen sein. 

In der Langzeitstudie wurden seit Anfang der 1970er Jahre mehr als 1000 Teilnehmer beobachtet. Bei der Auswertung der Daten zeigte sich, dass die Teilnehmer, die in ihrer Kindheit am Daumen genuckelt oder an den Nägeln gekaut hatten, weniger Allergien entwickelten. Die Kinder wurden vom Tag ihrer Geburt an in Abständen von zwei Jahren untersucht, bis sie 13 Jahre alt waren. Bei einer abschließenden Untersuchung im Alter von 32 zeigte sich eindeutig, dass diejenigen, die in ihrer Kindheit am Daumen gelutscht hatten, besser vor Allergien, etwa gegen Pollen, Gräser und Tierhaare geschützt waren. Die Kinder, die am Daumen gelutscht und Nägel gekaut, entwickelten am wenigsten Allergien. Andere Einflussfaktoren wie Haustiere in der Kindheit, sozioökonomischer Status und Stillen spielten für den festgestellten Effekt keine Rolle. Stattdessen scheint der direkte orale Kontakt mit Dreck unter den Fingernägeln und am Daumen die Allergieresistenz begünstigt zu haben.

Kind mit Autospielzeug
Um das Daumenlutschen bei Kindern einzuschränken, helfen Ablenkungsstrategien wie das Tragen eines Autospielzeugs oder Balls© istock
 

Daumenlutschen schützt vor Allergien

Robert J. Hancox, Professor an der neuseeländischen Dunedin School of Medicine und einer der Autoren der Studie, stellt dazu fest: „Die Hygiene-These ist interessant, weil sie nahelegt, dass Lebensstil-Faktoren dafür verantwortlich sein könnten, dass in den letzten Jahrzehnten allergische Erkrankungen auf dem Vormarsch sind. Natürlich hat Hygiene viele Vorteile aber unsere Erkenntnisse könnten einen echten Nachteil aufzeigen“. Malcolm Sears, ein weiterer Autor der Studie ergänzt: „Ein früher Kontakt mit unterschiedlichen Umgebungen scheint mehr Schutz zu bieten, als Schaden anzurichten. Wir haben mit unserer Untersuchung einen weiteren Teil zu dieser Erkenntnis beigetragen“.

 

Sollen jetzt alle Kinder am Daumen lutschen?

Sollten Eltern ihre Kinder nun zum Daumenlutschen und Nägel kauen ermutigen? Natürlich nicht. Die Autoren der Studie weisen selbst darauf hin, dass ihr größtes Interesse im empirischen Aspekt der Untersuchung bestand: Wie lassen sich Auswirkungen auf das spätere Leben bei Kindern messen, die über einen langen Zeitraum beobachtet wurden. Die Ergebnisse zeigen eindeutig, dass die Umwelt und frühe Verhaltensweisen die spätere gesundheitliche Verfassung eines Menschen prägen können. Sears ergänzt: „Meine Begeisterung bezieht sich gar nicht mal auf die Vorteile des  Daumenlutschens, sondern vielmehr auf die Aussagekraft einer Langzeitstudie“.

 

Bei Daumenlutschen im Alter helfen Ablenkungsstrategien

Eltern, deren Kinder am Daumenlutschen oder Nägel kauen, müssen sich in den meisten Fällen ohnehin wenig Sorgen um ihren Nachwuchs machen. In der Mehrheit der Fälle verwachsen sich die Angewohnheiten im Laufe der Kindheit. Besteht das Problem auch noch bei älteren Kindern, helfen Ablenkungsstrategien wie das Tragen eines Ball, den das Kind über den Tag in den Händen halten soll.

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