Interview: Volkskrankheit Rückenschmerzen

Chronische Rueckenschmerzen oft bei Menschen mittleren Alters
Volkskrankheit Rückenschmerzen: Von chronischen Rückenschmerzen sind Menschen zwischen 30 und 50 Jahren sowie Übergewichtige am häufigsten betroffen © Fotolia

Selcuk Bas ist Arzt des Medizinischen Versorgungszentrums SZ Schmerzzentrum Berlin. Dort arbeitet er mit Ärztinnen, Ärzten, Medizinischen Fachangestellten, Schwestern und Pflegern zusammen, um chronische Schmerzpatienten zu betreuen. Seine Schwerpunkte bei der Behandlung der Volkskrankheit Rückenschmerzen: Chronische Beschwerden, Migräne, Schmerzpumpen-Therapie und Mipas-Training.

Rückenschmerzen sind eine Volkskrankheit – doch wer ist eigentlich am meisten davon betroffen?

Rückenschmerzen zählen in Deutschland zu den häufigsten Beschwerden. Laut einer repräsentativen Umfrage leiden nahezu zwei Drittel aller Deutschen unter der Volkskrankheit Rückenschmerzen. Oft treten sie in Form eines Hexenschusses oder als Nackenverspannungen auf. In 90 Prozent der Fälle klingen die Symptome nach wenigen Wochen von selbst wieder ab. Wie eine Studie belegt, sind 65 Prozent der Frauen und 57 Prozent der Männer von gelegentlichen Rückenschmerzen betroffen. Chronische Rückenschmerzen treten bei Frauen häufiger auf: Jede Fünfte hat andauernde Schmerzen. Männer leiden zu etwa 15 Prozent an chronischen Beschwerden. Am stärksten betroffen sind Menschen mittleren Alters zwischen 30 und 50 Jahren, ebenso Übergewichtige.

Nimmt die Zahl der Patienten, die an der Volkskrankheit Rückenschmerzen leiden, zu?

Zwar sind die genauen Ursachen nicht bekannt, aber es zeigt sich, dass die Zahl der unter 30-Jährigen, die an der Volkskrankheit Rückenschmerzen leiden, besonders stark zunimmt. Bei 65 Prozent der Jugendlichen unter 18 Jahren wurden bereits Haltungsschäden unterschiedlicher Ausprägung festgestellt. Insgesamt verursachen Krankheiten von Wirbelsäule und Rücken jährlich 3,7 Millionen Krankschreibungen, die sich auf 75,5 Millionen Arbeitsunfähigkeitstage summieren.

Wann gelten Rückenbeschwerden als chronisch?

Bei einem Schmerz, der länger als 3 Monate anhält, muss man von einer Chronifizierung ausgehen. Der Schmerz verliert dann seine Warnfunktion und wird selbst zu einer eigenständigen Krankheit.

Hexenschuss, Ischias, Bandscheibenvorfall – kann man die Unterschiede spüren?

Nein, man kann in der Regel keinen Unterschied spüren. Oft gehen Patienten wegen eines starken Schmerzes zum Arzt. Wenn der Schmerz sehr intensiv ist und die Begleitumstände es erfordern, wird eine bildgebende Untersuchung veranlasst, bei der oft ein Bandscheibenvorfall gefunden wird. Leider können wir Ärzte nicht feststellen, seit wann er da ist und ob er mit den akuten Schmerzen in Zusammenhang steht. Denn auch etwa 40 Prozent der Schmerzfreien haben, ohne es zu wissen, schon einen Bandscheibenvorfall gehabt.

Rueckenschmerzen vorbeugen durch Krafttraining
Mit regelmäßigen Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur kann man Rückenschmerzen effektiv vorbeugen© Fotolia

Wie kann man Rückenbeschwerden gezielt vorbeugen?

Die Patienten können zur Vorbeugung selbst viel beitragen: Durch Umgestaltung ihres Arbeitsplatzes, rückenschonendes Verhalten und regelmäßige Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur ließe sich eine effektive Vorsorge treffen. Aber so einfach, wie das klingt, ist es tatsächlich nicht. Zunächst fehlt der Nachweis, dass regelmäßige Übungen eine effektive Vorbeugung darstellen. Und dann stellt sich die Frage: Was genau ist rückenschonendes Verhalten? Haben wir woanders nicht gehört, dass es gerade falsch sei, den Rücken zu schonen? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht und hängt immer vom Einzelfall ab.

Lässt sich die Spirale aus Schmerz, Schonhaltung und weiteren Verkrampfungen auch ohne Tabletten unterbrechen?

Ein Teil der Betroffenen bekommt seine Schmerzen mit Entspannungsübungen, Yoga und Meditation in den Griff. Hier muss jeder sein persönliches Hilfeprogramm finden.

Wann sollte man zu Medikamenten, Tabletten, Salben, Wärmepflastern greifen?

Es gibt verschiedene Empfehlungen der Fachgesellschaften, nach denen schrittweise eine individuell zugeschnittene Therapie aufgebaut werden soll. In der Praxis sieht das allerdings meist so aus, dass der Arzt verschiedene Wirkstoffe nacheinander ausprobiert, um so die wirksamsten Substanzen herauszufinden. Dabei sollte man allerdings auch physiotherapeutische Aspekte nicht vergessen und Maßnahmen ergreifen, um die psychische Situation des Betroffenen zu bessern. Schließlich sagt man nicht umsonst: „Der Rücken ist ein Tummelplatz der Seele.“

Immer wieder hört man von gravierenden Nebenwirkungen, die Schmerzmittel mit sich bringen. Wie sieht es damit aus?

Selcuk Bas: Also Wirkstoffe wie Ibuprofen oder Diclofenac sind bereits so lange auf dem Markt, dass sie äußerst preiswert zu haben sind. Anhand von so genannten Meta-Analysen, das heißt von Zusammenfassungen vorhandener Daten aus bereits gelaufenen Studien, konnte man aber feststellen, dass der Dauergebrauch von hohen Dosen das Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall erhöhen kann. Außerdem kann es zu Magenproblemen kommen.

Wie wirken muskelentspannende Medikamente?

Die Nerven sind bei Schmerzen hoch aktiviert und führen zu einer erhöhten Muskelanspannung. Man kann diese Erregbarkeit auch medikamentös verringern, so dass es zu einer deutlichen Entspannung kommt – beispielsweise mit dem Wirkstoff Flupirtin. Er wirkt auf Schmerz verarbeitende Nervenfasern sozusagen „abdichtend“ und vermindert deren Erregbarkeit. Diese Wirkstoffe wurden in den vergangenen Jahren zunehmend verordnet.

Selcuk Bas, Arzt, Schmerzzentrum Berlin
Selcuk Bas, Arzt, Medizinisches Versorgungszentrum SZ, Schmerzzentrum Berlin© privat

Welche Erfolge haben alternative Behandlungsmethoden wie Akupunktur?

Akupunktur hat in einer großen Studie eine Überlegenheit gegenüber den aktuellen Leitlinien gezeigt. Allerdings hat die Studie nur Patienten eingeschlossen, die der Methode äußerst aufgeschlossen gegenüberstanden. Grundsätzlich geht die Akupunkturwirkung über einen Placeboeffekt sicherlich nicht hinaus.

Inwieweit sind Rückenbeschwerden auch ein Zeichen psychischer Überlastung?

Die genauen Zusammenhänge sind nicht bekannt, aber sie bestehen. Meine persönliche Theorie ist, dass wir als biologische Wesen in Situationen, die uns nicht gefallen, etwa ein schlechter Arbeitsplatz oder eine unglückliche Beziehung, einen Fluchtreflex entwickeln. Der geht mit einem erhöhten Muskeltonus einher – der Muskel wird sozusagen auf „Warmlaufen“ geschaltet. Dann kommt aber nichts mehr, denn die soziale Prägung verbietet uns sozusagen die Flucht. Ein Teufelskreis entsteht.

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