Interview: Dicksein schützt vor Stress!

Redaktion PraxisVITA
Kapitel
  1. 1. Überblick
  2. 2. Stoffwechsel
  3. 3. Gefühle
  4. 4. Interview
  5. 5. Die wichtigsten Fragen
  6. 6. Rezepte

Ein anstrengender Chef, ständig Streit mit dem Partner, herausfordernde Kinder: Warum ein Schokoriegel dann die richtige Wahl ist, erklärt der Arzt und Wissenschaftler Prof. Dr. Achim Peters

Eben wurde ich wieder schwach – bei einem Schokoriegel. Mit dieser fehlenden Disziplin kann es nichts werden mit der Traumfigur, oder?
Mit Disziplin hat das gar nichts zu tun. Wenn der Mensch Stress hat, dann benötigt das Gehirn mehr Energie. Ein Schokoriegel ist dafür optimal: In ihm steckt reiner Zucker, der schnell ins Gehirn geht.

Das Gehirn macht uns also dick?
Vereinzelte Stressmomente können dafür sorgen, dass wir mehr essen. Aber davon werden wir nicht dick. Die Energie wird sofort vom Gehirn aufgenommen und verbraucht. Erst wenn wir dauerhaft Stress erleiden – wenn sich also dieses Gefühl der Unsicherheit, ob wir einer Bedrohung entgehen können, verfestigt – stellt das Gehirn den Stoffwechsel um.

Frau isst Schokoriegel
Wenn der Mensch Stress hat, dann benötigt das Gehirn mehr Energie. Ein Schokoriegel ist dafür optimal© istock

Dauerhafter Stress – wie sieht das genau aus?

Nehmen wir als Beispiel einen anstrengenden Chef. Der kommt mit einer Unmenge an Arbeit ins Büro und teilt uns mit, dass wir das bis morgen alles erledigt haben müssen. Unser Körper reagiert darauf mit einer Stressantwort: Herzschlag und Blutdruck gehen hoch, wir regen uns auf, fangen an zu schwitzen. Aber wenn der Chef dann über Monate jeden Tag hereinkommt, wenn also die Stressbelastung dauerhaft wird, schüttet das Gehirn  bei vielen Menschen – aber nicht bei allen – die Stresshormone Adrenalin und Cortisol gar nicht mehr aus: Sie bleiben gelassen. Im Gehirn wurde zum eigenen Schutz ein Schalter umgelegt. Man kann hier auch von einer Gewöhnung sprechen.

Hat diese Anpassung Nebenwirkungen?
Ja, dieser Schutzmechanismus hat seinen Preis. Denn auch der Brain-Pull arbeitet dann nicht mehr richtig. Der Brain-Pull ist die Kraft des Gehirns, Energie aus den Körperdepots wie Muskel- oder Fettgewebe zu gewinnen. Dafür bedient er sich des Stresssystems. Beide, also Stresssystem und folglich auch Brain-Pull, sind in ihrer Funktion durch solch eine Gewöhnung nun eingeschränkt. Um das Gehirn trotzdem mit ausreichend Zucker zu versorgen, müssen wir mehr essen und nehmen zu.

Sabotiert sich der Körper damit nicht irgendwie auch selbst?
Ganz im Gegenteil. Wenn das Stresssystem durch einen belastenden Job oder immer wiederkehrende Probleme im privaten Umfeld ständig agieren muss, vergiften Adrenalin und Cortisol unseren Körper – sie mergeln ihn aus. Zwar nehmen Menschen, deren Gehirn den Schutzschalter betätigt hat, zu – ihr Körper hat aber gleichzeitig eine Lösung gefunden, ohne gesundheitliche Schäden in einem Leben voller Unsicherheit zu bestehen.

Kalkablagerungen
Wenn das Blut bei Dauerstress permanent zu schnell durch die Gefäße rauscht, entstehen Kalkablagerungen, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen können© istock

Wie äußern sich die giftigen Wirkungen von Cortisol und Adrenalin?
Beide sind hochwirksame Hormone, ähnlich wie Medikamente, allerdings mit massiven Nebenwirkungen. Cortisol beschleunigt Alterungsprozesse, Muskel-, Knochen- und Bindegewebe werden verstärkt abgebaut. Ein hoher Adrenalinspiegel sorgt dafür, dass das Blut schneller durch die Gefäße fließt. Wenn es bei Dauerstress aber permanent zu schnell durch die Gefäße rauscht, bilden sich Turbulenzen. An diesen Stellen entstehen Kalkablagerungen, die einen Herzinfarkt oder Schlaganfall auslösen können.

Ist Übergewicht nicht ebenfalls ungesund?
In diese Falle tappen viele hinein – nicht nur Laien, sondern auch Wissenschaftler. Doch große, qualitativ wertvolle Studien haben mittlerweile zweifelsfrei belegt, dass es keinen Anhalt für einen kausalen Zusammenhang zwischen Sterblichkeit und Übergewicht gibt. Ebenso ist es nachgewiesen, dass Menschen, deren Gehirn den Schutzschalter nicht umgelegt hat – also die dünnen Gestressten –, zur absoluten High-Risk-Gruppe gehören in Bezug auf schwere gesundheitliche Beeinträchtigungen.

Wir sollten für ein paar Kilo zu viel auf den Hüften also dankbar sein?
In diesem Sinne: Ja. Etwas an unserem Stresserleben zu ändern, sollte aber trotzdem Priorität haben. Dass dies möglich ist, zeigt eine große Studie aus Schweden. Dafür mussten Herzinfarktpatienten über ein Jahr ein Anti-Stress-Programm absolvieren. Das Programm zeigte den Teilnehmern, wie man mit einer schwierigen Situation besser umgeht. Die Patienten bekamen keinen weiteren Infarkt – im Gegensatz zur Kontrollgruppe, die nur ein Scheintraining erhielt. Deren Teilnehmer erlitten einen zweiten, gar dritten Infarkt. Der Nebeneffekt eines richtigen Stressmanagements: Auch unser Gewicht wird günstig beeinflusst.

Gesund abnehmen bedeutet also, den Stress zu reduzieren?
Ja, das stimmt. Ist ein Leben in Stress die Ursache für ein Dicksein, wird es das Gewicht günstig beeinflussen, wenn wir diese Ursache zurückdrehen.

Was können wir noch tun?
Von regelmäßiger Bewegung wissen wir, dass sie den Brain-Pull stärkt. Deshalb führt regelmäßiges Training zur Gewichtsabnahme.

Was passiert, wenn ich einfach weniger esse, um mein Körpergewicht zu kontrollieren?
Dann verweigern wir unserem Gehirn das, was es am dringendsten benötigt – Energie. Davon betroffen sind oft normalgewichtige Frauen, die gezügelt essen, also immer einen Tick zu wenig Nahrung aufnehmen. Sie verspüren ständig ein leichtes Hungergefühl. Doch nicht nur das: Sie verfügen aufgrund des Energiemangels im Gehirn nicht über ihre volle kognitive Leistungsfähigkeit. Häufig wissen sie das aber gar nicht. Würden sich diese Menschen satt essen, könnte ihr Gehirn viel effektiver arbeiten – auch wenn das fünf Kilo mehr Gewicht mit sich brächte.

Schlanke Frau isst Salat
Schlanke Frauen, die gezügelt essen, verfügen aufgrund des Energiemangels im Gehirn nicht über ihre volle kognitive Leistungsfähigkeit© istock

Würde es denn bei den fünf Kilo mehr bleiben?
Ja, wenn der Stress nicht stärker wird. Dann regelt sich die Körperphysiologie bei diesem Neutralgewicht ein.

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