Internetsucht: Wann der Computer zur Gefahr wird

Gefahr Computer-Sucht
Wer privat mehr als 35 Stunden pro Woche im Internet ist, gilt als süchtig © Fotolia

Faszination Computer: Immer mehr Deutsche gelten als internet- und computerspielsüchtig. Der Therapeut Wolfgang Bergmann spricht im Interview über die Gefahren einer unterschätzten Abhängigkeit.

Über 80 % aller Familien in Deutschland verfügen über einen Computer samt einem umfangreichen Spielesortiment – Umfragen zufolge für Eltern wie für Kinder die Freizeitbeschäftigung Nr. 1. Wann sprechen Sie von Faszination am Internet, wann von Sucht, Herr Bergmann?

„Wenn sich jemand privat mehr als 35 Stunden pro Woche im Internet bewegt, wird er als süchtig eingestuft – derzeit rund 1,5 Millionen Deutsche. Und einer Untersuchung der Humboldt-Universität zufolge stehen zehn Prozent der vernetzten Jugendlichen an der Schwelle zur Sucht.“

Warum wurde die Gefahr so lange unterschätzt?

„Weil die Grenze zwischen Faszination und Abhängigkeit bei der Online-Sucht fließend verläuft. Und weil uns erst heute Forschungsergebnisse vorliegen, die die alarmierenden Auswirkungen übermäßigen Computerkonsums auf unser Leben dokumentieren.“

Zum Beispiel?

„Unser Gehirn verändert sich. Durch häufige Computernutzung werden die dabei aktivierten Nervenzellverschaltungen immer stärker gebahnt und erfolgreicher stabilisiert. Es entwickelt sich eine enorm schnelle Intelligenz mit großem Reaktionsvermögen.“

Im Computerzeitalter ist es ja nicht die schlechteste Intelligenz.

„Aber sie entwickelt sich auf Kosten von Hirnarealen, die seltener aktiv sind. Unser Gehirn wird so, wie wir es benutzen. Je einseitiger die Nutzung, desto einfacher ist es strukturiert.“

Was bleibt denn auf der Strecke?

„Das Sprachzentrum schrumpft, unsere Wahrnehmung und Gefühlswelt verändern sich. Achtsamkeit und Behutsamkeit, Verhaltensweisen die durch komplizierte Verschaltungen im Gehirn zustande kommen, gehen verloren. Ebenso Einfühlungsvermögen und Neugier. All das, was uns zu sozialen Wesen macht. In dem Moment können wir mit einer Maschine besser umgehen als mit Menschen. Ein Zustand, der Ehe- und Familiendramen programmiert.“

Aber gefährdet nicht auch das Fernsehen unser soziales Leben?

„Nicht in dem Maß. Vor dem Fernseher sitzt man meist zusammen, plaudert über dies und jenes, Fernsehen erlebt man immer noch miteinander – den Computer nicht. Er beansprucht den Spieler total: Entweder bist du ganz und gar drin – oder draußen.“

Von der Computersucht sind doch nur Jugendliche betroffen, oder?

„Irrtum. Bei einem Drittel der Internetsüchtigen handelt es sich um Frauen zwischen 30 und 45 Jahren, die versuchen, im Internet Bekanntschaften zu finden, etwa 20 Prozent der süchtigen Männer suchen im Netz Videochats mit Stripperinnen, fünf Prozent sind im Internet ständig auf Schnäppchenjagd. Überall entwickelt sich das gleiche Gefühl der Unersättlichkeit wie bei den Online-Spielen, bei denen auch immer mehr Familienväter in entgrenzten Fantasiewelten versinken, die sie als faszinierender erfahren als ihr wirkliches Leben.“

Was erklärt diese Faszination?

„Es ist eine Welt der unbegrenzten Möglichkeiten, von der die Menschen schon immer geträumt haben. Und es ist das schnelle Glück, das fasziniert: Wunscherfüllung per Knopfdruck. Wo erlebt man das schon?“

Das Internet als Ersatzglück?

„Sucht war nie etwas anderes als die Suche nach einem Ersatzglück, einer Lebenskrücke. Wenn das Verlangen nach künstlichen Spiel-, Kauf- oder Erotikwelten das seelische Leben überlagert, ziehen sich die Betroffenen aus dem realen Leben zurück – von der Familie, den Eltern oder Partnern. Schule und Beruf werden vernachlässigt, sie nehmen sich keine Zeit mehr für Freunde und Essensrituale. Zeichen der Sucht.“

Muss dann der Computer weg?

„Das ist riskant. Denn häufig verbirgt sich hinter einer krankhaften Computernutzung eine Depression oder andere psychische Störungen, weshalb ich immer zu einer Therapie rate. Auch die von Gabriele Farke Anfang des Jahres gegründete Organisation HSO (Hilfe zur Selbsthilfe für Onlinesüchtige) ist zu empfehlen.“

Aber bei Kindern und Jugendlichen müssten die Eltern doch auch helfen können, oder?

„Natürlich helfen die Eltern mit ihrer Unterstützung, ihrer Aufmerksamkeit und ihrer Liebe. Die wichtigste Hilfe aber heißt, das Problem zu erkennen und anzupacken. Bislang konnte noch jedem aus der Sucht geholfen werden.“

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