Interferone: Wie wirken die Medikamente?

Dr. med. Dierk Heimann Facharzt für Allgemeinmedizin

Interferone sind körpereigene Proteine, die zur Produktion von Medikamenten künstlich hergestellt werden. Medizinisch werden sie eingesetzt, um die Arbeit des Immunsystems zu beeinflussen. Anhand eines Praxisbeispiels erläutert Allgemeinmediziner Dr. med. Dierk Heimann, was bei der Behandlung zu bedenken ist.

Eine Frau setzt sich eine Spritze in den Bauch
Interferone werden unter die Haut gespritzt Foto:  iStock/nensuria

Meine 29-jährige Patientin leidet unter einer Multiplen Sklerose (MS), einer chronisch-entzündlichen neurologischen Autoimmunerkrankung, die in Schüben immer wieder auftritt. Um den Krankheitsverlauf abzumildern, spritzt sie sich dreimal pro Woche das Interferon beta unter die Haut. Ihr Neurologe hat es verschrieben. Vor Jahren schon. Ein bewährtes Therapieverfahren. Aber nun berichtet sie mir von einer sich verschlechternden Stimmung – ich werde hellhörig.

 

Was sind Interferone?

Interferone sind Botenstoffe des Immunsystems. Sie gehören zur Familie der Zytokine und weisen Zellen an, Proteine zur Immunabwehr zu bilden. Damit helfen sie, die Immunabwehr zu steuern und Viren zu vernichten. Rund um die Corona-Pandemie haben sie eine traurige Berühmtheit erlangt, da der sogenannte Zytokin-Sturm, eine potentiell lebensgefährliche Entgleisung des Immunsystems, die Krankheit so gefährlich macht.

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Interferone in der MS-Therapie

Beta-Interferone werden entweder in Hamsterzellen hergestellt oder aus gentechnisch veränderten Bakterien gewonnen. Je nach Typ. Bei der Multiplen Sklerose mildern sie erfolgreich die Wirkung des eigenen Immunsystems ab, das versehentlich die Nervenzellen angreift.

 

Interferone: Welche Nebenwirkungen sind möglich?

So gut das Interferon beta wirkt – leider kann es viele Nebenwirkungen auslösen. Am häufigsten sind zum Glück meist harmlose grippeähnliche Beschwerden wie Fieber oder Muskelschmerzen. Bei den meisten Patienten werden sie im Lauf der Zeit schwächer. Meine Patientin jedoch nimmt nach jeder Injektion bis heute immer eine fiebersenkende Paracetamol-Tablette. Leider können auch Leber oder Nieren geschädigt werden. Durch regelmäßige Blutuntersuchungen würden wir das jedoch frühzeitig bemerken.

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Die Stimmung im Blick

Auch psychische Probleme wie Schlafstörungen oder Depressionen können auftreten. Wie bei meiner Patientin. Sie schläft schlecht, grübelt viel und steckt in einem echten Stimmungstief. Der Lockdown tut sein Übriges. Aus Angst vor einer Verschlimmerung der MS möchte sie das Interferon jedoch weiter spritzen – ich vereinbare mit ihr einen Plan aus regelmäßigen Telefonaten, Psychotherapie und Medikamenten gegen die Depressionen.

 

Therapie mit Interferonen: Ist eine Corona-Impfung möglich?                   

Da Interferone bei der Abwehr einer Corona-Infektion eine wichtige Rolle spielen, stellen viele Betroffene die Frage, ob unter einer Therapie mit einem Interferon nach einer Corona-Impfung überhaupt eine Schutzwirkung entstehen kann. Ich rate meiner Patientin, sich am Tag der Impfung kein Interferon zu spritzen. Ob die Schutzwirkung genauso hoch ist wie ohne Interferon, muss die Zukunft zeigen. Zur Not heißt es, nochmals zu impfen.

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Was der Antikörper-Test nicht zeigt                                                                                         

Lassen sich nach einer Corona-Impfung entsprechende Antikörper im Blut nachweisen, ist von einer Schutzwirkung auszugehen – doch auch ohne sie kann der Körper durchaus immun geworden sein, quasi ‚im Stillen‘. Dann sind es die sogenannten T-Zellen, die aktiv werden. Sie sind jedoch nicht so leicht aufzustöbern. Hier wissen wir vieles noch nicht. Klar scheint aber zu sein: Die gängigen Impfstoffe werden gut vertragen, daher sollte sich meine Patientin einen Termin geben lassen.

 

Interferone: Kosten werden übernommen

Gerade in diesen Tagen weiß meine Patientin die Leistungen ihrer Krankenkasse sehr zu schätzen. Etwa 16.000 Euro kosten ihre Spritzen pro Jahr. Ihre Krankenversicherung erstattet die Kosten ohne Probleme. Meine Patientin ist dankbar.

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