Inkontinenzformen: Worin besteht der Unterschied?

Michelle Kröger

Kaum gelacht und schon ist ein Tröpfchen entfleucht? Inkontinenz ist kein Tabuthema - vor allem nicht, weil es Betroffene im täglichen Leben beeinflusst. 

Inhalt
  1. Was genau ist eine Inkontinenz?
  2. Inkontinenzformen: Welche Ausprägungen gibt es?
  3. Die Formen der Harninkontinenz
  4. Belastungsinkontinenz
  5. Dranginkontinenz: Syndrom der überaktiven Blase
  6. Mischinkontinenz – was ist das und welche Therapie ist möglich?
  7. Die Stuhlinkontinenz – ein großes Tabuthema

So viele leiden darunter, doch kaum jemand spricht darüber: Inkontinenz. Ein sehr unangenehmes Thema. Welche Formen der Inkontinenz gibt es? Wie äußern sie sich und was hilft? 

 

Was genau ist eine Inkontinenz?

“Inkontinenz bedeutet den ungewollten Abgang von Urin, aber auch von Stuhl, und bezeichnet einen krankhaften Zustand”, sagt Dr.med. Ion-Andrei Müller-Funogea. Man spricht von Inkontinenz, wenn die Fähigkeit des Körpers, den Blasen- und/oder Darminhalt zu speichern mangelhaft ist - und wenn dieser nicht mehr selbst bestimmen kann, wann und wo er entleert werden soll. Die Folgen? Unwillkürlicher Urinverlust oder Stuhlabgang.

 

Inkontinenzformen: Welche Ausprägungen gibt es?

Mediziner unterteilen beim Thema Inkontinenz in Harn- und Stuhlinkontinenz. Sehr viel häufiger tritt die Harninkontinenz auf. “Hier sind die meist verbreiteten Formen die Belastungs- oder Stressinkontinenz, die Dranginkontinenz sowie die Mischformen”, sagt Dr. Müller-Funogea. “Andere Varianten von Inkontinenz sind wesentlich seltener.” Lassen Sie die Ursache und die daraus abgeleitete Therapie unbedingt von einem Facharzt abklären. “Unterschiedliche Inkontinenzformen benötigen ganz spezifische gezielte Therapien! Zum Beispiel wird eine Dranginkontinenz überwiegend medikamentös behandelt und nicht operativ”, so Dr. Müller-Funogea.

 

Die Formen der Harninkontinenz

Viele – oder sogar die meisten – Menschen leiden unter einer Harninkontinenz. “Die Harninkontinenz bedeutet unwillkürlicher Harnabgang und Verlust auf dem Weg zur Toilette, durch Dranggefühl oder ohne Drang”, sagt Dr. Müller-Funogea. “Insbesondere bei sportlichen Tätigkeiten, zum Beispiel beim Springen, Hüpfen oder Laufen.” Je nach Ursache unterscheidet man hier z.B. folgende Formen:

  • Dranginkontinenz
  • Belastungsinkontinenz
  • Mischinkontinenz
  • Überlaufinkontinenz
  • Supraspinale und spinale Reflexinkontinenz
  • Extraurethrale Inkontinenz
  • Enuresis (nächtliches Einnässen bei Kindern)
  • Nykturie (nächtliches Wasserlassen bei Erwachsenen)

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Belastungsinkontinenz

Wer beim Husten, Niesen, Lachen oder Heben häufiger unkontrolliert Urin verliert, der leidet womöglich unter einer Belastungsinkontinenz, auch als Stressinkontinenz bekannt. “Die Belastungsinkontinenz beruht meistens auf einer Koordinationsstörung in der Feinabstimmung des Gleichgewichts der Blasenmuskulatur, Schließmuskel und auch Beckenbodenmuskulatur”, sagt  Experte Dr. Müller-Funogea. Diese Form der Inkontinenz wird durch alltägliche körperliche Belastungen ausgelöst und kommt besonders häufig bei Frauen vor.

Bei einer Belastungsinkontinenz ist der sogenannte Musculus sphincter urethrae nur eingeschränkt funktionstüchtig. Der Schließmuskel ist für den Verschluss der Harnblase zuständig. Es kommt zu einem unwillkürlichem Urinabgang durch die Harnröhre. Zumeist erfolgt dieser in Spritzern. 

In der Regel liegt der Belastungsinkontinenz bei Frauen eine Schwäche des Beckenbodens zugrunde – durch Schwangerschaft und Geburt oder durch die hormonelle Umstellung während der Wechseljahre. Eine weitere mögliche Ursache: Übergewicht. Männer haben häufig infolge einer Prostata-Operation damit zu kämpfen.

Was steckt hinter dem Begriff der Lachinkontinenz? “Lachinkontinenz ist nichts anderes, als eine Form der Belastungsinkontinenz, welche beim Lachen zu unwillkürlichem Harnverlust ohne Drang führt”, sagt Dr. Müller-Funogea.

Die Belastungsinkontinenz lässt sich in vier Grade einteilen:

  • Stadium 1: Urin geht vor allem bei schweren körperlichen Belastungen (z.B. Husten, Lachen, Heben oder Springen) ab
  • Stadium 2: Urin geht bereits bei leichteren körperlichen Belastungen ab
  • Stadium 3: Urin geht schon im Stehen ab
  • Stadium 4: Urin geht ebenfalls unwillentlich im Liegen ab

Therapie einer Belastungsinkontinenz

Der Experte erklärt: “Die Belastungsinkontinenz kann zunächst durch Training der Beckenbodenmuskulatur und auch teilweise durch Einlage von Pessare in die Vagina behandelt werden. Wenn konservative Maßnahmen nicht mehr helfen, dann kann die Belastungsharninkontinenz durch Einlage eines künstlichen Bandes unter die Harnröhre operativ behandelt werden. Belastungsinkontinenz kann allerdings kaum durch Medikamente behandelt werden.”

Eine Belastungsinkontinenz lässt sich durch folgende Methoden behandeln:

  • Beckenboden-Training (z.B. in Kombination mit Elektrostimulation)
  • Pessartherapie
  • Operative Wiederherstellung der Beckenboden- und Harnröhrenfunktion
  • Stabilisierung der Harnröhre (Einbringung eines Gel-Implantates)
  • medikamentöse Therapie bei leichter Belastungsinkontinenz

Inwieweit kann Stress zur Belastungsinkontinenz führen?

“Es gibt leider immer wieder Personen, die Stressinkontinenz mit phychischen oder beruflichen Stress verbinden”, sagt Dr. Müller-Funogea. “Richtig ist, dass der Begriff Stressinkontinenz aus dem Englischen stammt und soviel wie Belastung bedeutet – also: Stressinkontinenz heißt Belastungsinkontinenz!” Damit werde der Zustand bezeichnet, in dem Verschlussmechanismen der Blase nicht mehr den erhöhten Druck der Bauchhöhle (beim Lachen, Niesen, Sport, u.s.w.) standhalten können. Die Blase leert sich unwillkürlich.

 

Dranginkontinenz: Syndrom der überaktiven Blase

Eine weitere häufige Art der Inkontinenz ist die Dranginkontinenz, sie wird auch den Blasenspeicherungsstörungen zugeordnet. Sie äußert sich meist durch überfallartigen Harndrang. Der Gang zur Toilette wird zum Spießrutenlauf, häufig verlieren Betroffene ihn schon auf dem Weg dorthin. “Die Dranginkontinenz ist am Häufigsten durch eine überaktive Tätigkeit der Blasenmuskulatur bedingt, häufig durch chronische Entzündungen, aber auch aus unbekannten Gründen”, sagt Dr. Müller-Funogea. Mögliche Auslöser sind zudem Entzündungen der Harnblase oder der Harnröhre, neurologische Erkrankungen oder Tumore. Die häufigste Ursache: der physiologische Alterungsprozess.

Schon bei geringem Füllstand der Blase zieht sich der Muskel ohne Einfluss des Betroffenen zusammen und es kommt zum unkontrollierten Urinverlust. Bei Frauen gehört diese Form der Inkontinenz im zunehmenden Alter zur häufigsten Ausprägung. Der Urin geht bei einer überaktiven Blase meist in einem Schwall durch die Harnröhre ab.

Behandlung der Dranginkontinenz

Im ersten Schritt sollte eine neurologische Erkrankung durch einen Arzt ausgeschlossen werden. Anfangs therapiert man die Dranginkontinenz meist ohne den Einsatz von Medikamenten – und zwar mithilfe von  Verhaltenstherapie (bzgl. idealer Blasenentleerung und Trinkverhalten) und Beckenbodentraining.

Eine reine Dranginkontinenz ist in der Regel gut medikamentös therapierbar. Zum Einsatz kommen verschiedenste Antimuskarinika (Oxybutynin, Trospiumchlorid, Propiverinhydrochlorid, Tolterodin, Darifenacin, Solifenacin und Fesoterodin). Der behandelnde Gynäkologe oder Urologe entscheidet, welches Medikament verwendet wird. Seltener wird ein operativer Eingriff in speziellen Kliniken vorgenommen (einschließlich Nervenstimulation/-modulation). “Dranginkontinenz zu operieren, kann zu einer Verschlechterung führen”, sagt Dr. Müller-Funogea.

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Mischinkontinenz – was ist das und welche Therapie ist möglich?

“Mischinkontinenz bedeutet eine Kombination in unterschiedlichen Graden von Belastungs- und Dranginkontinenz”, sagt Dr. Müller-Funogea. “Diese Kombination tritt häufig durch eine Schwächung des Halteapparates des Beckenbodens (Bindegewebe und Muskel) und gleichzeitig auch durch eine unkoordinierte, überaktive Blasenmuskeltätigkeit auf.” Dies passiere tatsächlich häufiger bei älteren Menschen, aber nicht nur. Häufig entwickelt sich eine Mischinkontinenz im fortgeschrittenem Alter, vor allem sind Frauen ab 50 Jahren betroffen.

Ein Facharzt sollte feststellen, welche Kombination von Therapiemethoden Erfolg verspricht. Die Symptome beider Inkontinenzformen können unterschiedlich stark ausgeprägt sein, oftmals überwiegen jedoch die Beschwerden der Belastungsinkontinenz (z.B. Urinverlust durch Lachen oder Bewegung).

Die Therapie fällt im Gegensatz zu den einzeln vorkommenden Inkontinenzformen etwas schwieriger aus – etwa aufgrund der vielen verschiedenen Ursachen und Beschwerden. Patienten sollten im ersten Schritt ein Miktionsprotokoll anfertigen, in dem sie all ihre Trinkgewohnheiten und Toilettengänge festhalten. Dann wird in der Regel die vorherrschende Inkontinenzform behandelt. Sollten beide Formen gleich stark ausgeprägt sein, so wird häufig eine Kombination aus Beckenbodentraining und medikamentöser Therapie angestrebt.

 

Die Stuhlinkontinenz – ein großes Tabuthema

In Bezug auf diese Form der Inkontinenz herrscht ein starkes gesellschaftliches Tabu. “Auch die Stuhlinkontinenz bedeutet unwillkürlichen Stuhlabgang, entweder durch ununterdrückbaren Drang oder auch bei körperlicher Anstrengung durch unvollständigen Verschluss des Schließmuskels”, erklärt Dr. Müller-Funogea. Auch Flatulenzen (Blähungen) können nicht kontrolliert werden. Die persönliche Lebensqualität der Betroffenen wird stark in Mitleidenschaft gezogen, genauso wie die eigene Körperhygiene.

Eine Stuhlinkontinenz kann angeboren sein, sich aber auch alters- und krankheitsbedingt zeigen. Zudem ist ein temporäres Auftreten bei bestimmten Belastungen des Körpers möglich.

Der Therapieansatz sollte abhängig von Ursache und Schweregrad der Stuhlinkontinenz gewählt werden. Auch eine Kombination verschiedener Methoden kann erfolgreich sein. Durch eine Behandlung soll die Lebensqualität des Patienten größtmöglich erhöht werden. Empfehlenswert sind Inkontinenzslips und -vorlagen.

Unser Experte

Dr. med. Ion-Andrei Müller-Funogea, Ph.D.: Facharzt für Gynäkologie und Geburtshilfe (Spezialgebiet Urogynäkologie) sowie Leiter des Kontinenz- und Beckenboden-Zentrums am St.-Antonius-Hospital Eschweiler.

 

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