Immer mehr Ärztepfusch in Deutschland

Rasmus Cloes
Ärzte behandeln einen Patienten
Wer sich in die Hände von Chirurgen begibt, der hofft auf eine bestmögliche Behandlung – bisweilen wird man dabei bitter enttäuscht © Fotolia

Die Zahl der Behandlungsfehler in Deutschland steigt. Zu diesem Ergebnis kommt der Medizinische Dienst der Krankenversicherungen (MDK) in einem Gutachten, das er heute in Berlin vorgestellt hat.

 

Steigende Zahl von Behandlungsfehlern

Die Zahlen sind eindeutig: Im Jahr 2014 wurden mehr Behandlungsfehler vorgeworfen (14 663 Fälle statt 14 585 Fälle) als im Vorjahr. Gleichzeitig stieg die Zahl der bestätigten Fehler auf 3 796 Fälle an (2013: 3 687).

„Die Zahl der begutachteten Behandlungsfehlervorwürfe ist anhaltend hoch – insoweit können wir als Medizinischer Dienst keine Entwarnung geben“, sagt Dr. Stefan Gronemeyer, Leitender Arzt und stellvertretender Geschäftsführer des MDK. „Auch bei größter Sorgfalt passieren Fehler im Krankenhaus, in der Arztpraxis und in der Pflege. Uns geht es um einen offenen Umgang mit Fehlern, damit die Patienten entschädigt werden. Zudem müssen die Fehler systematisch analysiert werden, damit sie in Zukunft vermieden werden können“, so Gronemeyer.

 

Falsche Medikation oft nicht erkannt

Knapp zwei Drittel der Vorwürfe betrafen Behandlungen in Krankenhäusern. Ein Drittel richtete sich gegen einen niedergelassenen Arzt. Die meisten Behandlungsfehlervorwürfe bezogen sich dabei auf chirurgische Eingriffe. „Dies hat nach unserer Erfahrung damit zu tun, dass bei einem postoperativen Behandlungsverlauf, der nicht den Erwartungen entspricht, der Verdacht auf einen Behandlungsfehler nahe liegt, während Fehler bei der Medikation von Patienten oft nicht wahrgenommen werden“, erläutert Prof. Dr. Astrid Zobel, leitende Ärztin des MDK Bayern.

 

Vorwürfe in der Pflege am häufigsten bestätigt

Gutachten des MDK

Gutachterteams des MDK gehen nach einem Vorwurf der Frage nach, ob die Behandlung nach dem anerkannten medizinischen Standard abgelaufen ist. Liegt ein Behandlungsfehler vor, wird außerdem geprüft, ob der Schaden, den der Patient erlitten hat, durch den Fehler verursacht worden ist. Nur dann sind Schadensersatzforderungen aussichtsreich. Auf der Basis des MDK-Gutachtens kann der Patient entscheiden, welche weiteren Schritte er unternimmt. Gesetzlich Versicherten entstehen durch die Begutachtung keine zusätzlichen Kosten. Beauftragt werden die MDK durch die Krankenkassen.

In der aktuellen Statistik der MDK-Gemeinschaft standen 7 845 Fälle in direktem Zusammenhang mit einem operativen Eingriff. Ein Behandlungsfehler wurde in 24,3 Prozent der Fälle gutachterlich festgestellt. Die höchste Quote an bestätigten Behandlungsfehlern findet sich jedoch nicht in der Chirurgie. Am häufigsten wurde ein Fehlervorwurf in der Pflege bestätigt (57,8 Prozent von 590 Fällen), gefolgt von der Zahnmedizin mit 39,2 Prozent von 1 419 Fällen, der Allgemeinchirurgie mit 27,5 Prozent von 1 642 Fällen sowie der Frauenheilkunde und Geburtshilfe mit 27,0 Prozent von 1 144 Fällen.

 

Hohe Dunkelziffer

„Die Zahlen der MDK-Gemeinschaft spiegeln jedoch nicht die Behandlungsqualität wider, da sie nicht die Gesamtzahl der Behandlungen und Behandlungsfehler repräsentieren. Zudem ist von einer hohen Dunkelziffer auszugehen, weil Fehler zum einen nicht immer als solche zu Tage treten und somit weder für Patienten noch für Behandler erkennbar sind. Zum anderen sind Patienten vermutlich oft nicht in der Lage oder können sich nicht entschließen, einem Fehlerverdacht nachzugehen“, macht Zobel deutlich.

 

Wie kann ich mich vor Behandlungsfehlern schützen?

Die Erfahrung zählt

Entscheidend für den Erfolg einer Krankenhausbehandlung ist die Häufigkeit der dort durchgeführten Eingriffe. Das zeigt sich eindrucksvoll bei Hüftgelenks-Operationen. Das Fünftel der Krankenhäuser mit den wenigsten Eingriffen weist im Vergleich zum Fünftel mit den meisten Behandlungen eine um 37 Prozent höhere Rate an Wiederholungsoperationen auf. Ein derartiger Eingriff ist nur dann nötig, wenn bei der ersten OP nicht alles nach Wunsch verlaufen ist.

Qualitätsberichte einsehen

Seit 2005 müssen alle deutschen Krankenhäuser Berichte veröffentlichen, mit deren Hilfe sich Versicherte über das jeweilige Leistungsniveau der Kliniken informieren können. So lässt sich beispielsweise herausbekommen, welche Ausstattung eine Klinik besitzt, wo man über besonders umfangreiche Erfahrungen mit komplizierten Eingriffen verfügt und wie selten oder häufig es in einem Krankenhaus zu Komplikationen kommt. Zugang zu diesen Informationen bieten die Seiten www.g-qb.de oder www.klinik-lotse.de. Sie können aber auch telefonisch oder schriftlich in der jeweiligen Klinik angefordert werden.

Spezialisierte Kliniken

Ein Problem ist auch, dass einige Krankenhäuser versuchen, sich zu kleinen Unikliniken zu entwickeln. Sie bieten ein umfangreiches Angebot, verfügen aber nicht immer über das geeignete Personal. Für eine hochwertige medizinische Versorgung ist jedoch Spezialisierung besonders wichtig.

Auf Hygiene achten

Auch mangelnde Hygiene ist nach wie vor ein großes Problem. Etwa vier Prozent aller Krankenhaus Patienten stecken sich dort mit multiresistenten Keimen an. Im Krankenhaus-Qualitätsbericht kann sich jeder vorab über die hygienischen Standards eines Krankenhauses informieren. Ideal ist eine Klinik, die einen Hygienebeauftragten hat.

Hamburg, 20. Mai 2015

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