„Ich lebe, weil Mama und Papa ihre Lungen opferten“

Eltern und Sohn mit Mukoviszidose
Weil beide Eltern das Mukoviszidose-Gen in sich tragen, hat Tobias die Stoffwechselkrankheit geerbt. Eine Lungentransplantation rettete ihm jetzt sein Leben © Fotolia

Medizin-Sensation in Hannover! Noch nie zuvor wagten Ärzte in Deutschland eine derartige Transplantation. Auf Praxisvita berichtet der behandelnde Chirurg.

Tobias* litt an einer unheilbaren Krankheit und war dem Tode geweiht, als die Mediziner einen bahnbrechenden Eingriff an ihm vornahmen. Sie transplantierten erstmals in Deutschland Lungenteile von lebenden Menschen. Die Spender: Tobias’ eigene Eltern.

Mukoviszidose – eine tödliche Stoffwechselkrankheit. Zäher Schleim verklebt die Lunge, macht das Atmen unmöglich. Eines von 1.500 Kindern in Deutschland ist davon betroffen. So wie der kleine Tobias. Die Krankheit wurde ihm von seinen Eltern vererbt, die beide das Mukoviszidose-Gen in sich tragen.

Tobias Kindheit ist überschattet von dem Leiden. Im Oktober 2011, da ist er elf Jahre alt, ist klar: Der Junge braucht eine neue Lunge. Dringend! Doch die Wochen verstreichen, ohne dass ein passendes Organ gefunden wird. Der Zustand des kleinen Schalke-Fans verschlechtert sich zusehends. Im April 2012 ist er so dramatisch, dass sich die besten Spezialisten der Medizinischen Hochschule Hannover um ihn kümmern. Aus der Not heraus zieht Dr. Gregor Warnecke (38), der Leiter des Transplantationsbereichs, die Möglichkeit einer Lebendspende in Betracht. „Dem Kind ging es sehr schlecht, und ich war überzeugt, dass wir es nicht rechtzeitig schaffen würden, ein passendes Organ zu bekommen", so Dr. Warnecke, der behandelnde Chirurg.

 

Spender für den mukoviszidosekranken Jungen: Die Eltern

Tobias liegt auf der Intensivstation, eine Herz-Lungen-Maschine hält ihn am Leben. Bei Mukoviszidose muss immer beidseitig transplantiert werden. Man braucht also zwei Spender mit passenden Blutgruppen. Dann kommen die Ärzte auf eine Idee: Weil sowohl die Blutgruppe als auch die Größe ihrer Lungen passen, kommen die Eltern als Spender infrage. „Es war sofort klar, dass wir das machen. Ich denke, jeder, der Kinder hat, kann das nachvollziehen", so der Vater.

Nur 16 Tage später wird Tobias in einer sensationellen Operation der rechte Lungen-Unterlappen der Mutter und der linke Unterlappen seines Papas verpflanzt. 20 erfahrene Ärzte operieren gleichzeitig alle drei Familienmitglieder in drei OP-Sälen – sechs Stunden lang. Eine logistische Meisterleistung.

 

Nur zwei Tage später atmet der an Mukoviszidose erkrankte Schüler wieder eigenständig

Fünf Monate nach der Transplantation kann er zum ersten Mal in seinem Leben wie ein ganz gesunder Junge Fußball spielen, toben, einfach Kind sein.

Sein Körper hat die Organspende gut angenommen. Aber anfangs war sein Immunsystem schwach. In geschlossenen Räumen trägt er einen Mundschutz. Außerdem muss er circa 30 Tabletten am Tag nehmen, um die Abstoßung der Lungenlappen zu verhindern. Auch den Eltern geht es gut. Es fehlt jeweils nur ein Lungenlappen, also 20 Prozent der Lunge. Das können gesunde Menschen gut verkraften, ohne etwas davon zu merken.

Tobias ist erleichtert und seinen Eltern unendlich dankbar: „Ich bin froh, dass alles so gut geklappt hat und dass ich so tolle Eltern habe.“

*Name von der Redaktion geändert

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