"Ich habe mein Stottern besiegt – endlich fühle ich mich frei"

Endlich bestellen ohne dabei zu stottern
Annemarie ist glücklich, dass sie ihre Sprechstörung überwunden hat und heute ohne zu stottern bestellen kann © Fotolia

Einkaufen, telefonieren, bestellen – die einfachsten Dinge des Alltags stellten für die Marburgerin unlösbare Probleme dar. Bis ihr eine neue Therapie half.

 

Stotterer müssen den Spot anderer ertragen

Eine junge Frau sitzt im Restaurant. Gleich wird sie bestellen. "Ein Wasser, den kleinen Salat ...” In Gedanken hat sie es längst vor sich hin gesagt. Zehnmal, 20-mal. Ohne Probleme. Aber als die Bedienung vor ihr steht, kommen ihr diese Worte nur stockend über ihre Lippen. Sie beginnt zu stottern.

Unzählige Male hat Annemarie Gerhardt* (28) aus Marburg Situationen wie diese erlebt und durchlitten. Warteschlangen in der Bäckerei hinter sich, stumme Abende inmitten von fröhlichen Freunden. Annemarie: "Manchmal brauchte ich eine halbe Minute, wenn ich nur ein einziges Wort herausbringen wollte.”

Handicap Stottern. 800 000 Menschen in Deutschland leiden an dieser Sprechstörung. Behandlungen bleiben in vielen Fällen erfolglos. Wie auch bei Annemarie – bis sie eine Therapie fand, durch die sie gelernt hat, endlich flüssiger und freier zu sprechen.

Annemarie ist Mama Odas (heute 61) großer Stolz. Sie plappert wie jedes Kind, lernt schon früh sprechen. Als sie vier ist, beginnt sie plötzlich zu stottern. Die Mutter macht sich zunächst keine Sorgen: Das machen andere Kinder auch, das gibt sich wieder, denkt sie. Doch Annemaries Stottern wird schlimmer. Auch die ersten Therapien zeigen keine Wirkung.

Schon früh muss die kleine Annemarie den Spott der anderen Kinder ertragen: "Sie äfften mich nach, die Jungs riefen ,Stotterliese, Stotterliese!` Das hat mich so verletzt, dass ich sie verhauen habe.”

 

Eines Tages erkennt sie "Du kannst dich mit deinem Stottern nicht verstecken"

Doch Annemarie will nicht anders sein, sie kämpft: "Einmal habe ich das Gedicht vom Zauberlehrling gelernt. Für den Vortrag in der Klasse übte ich wochenlang vor dem Spiegel.” Über die ersten beiden Zeilen kommt sie nicht hinaus. Annemarie: "An diesem Tag war ich todunglücklich.”

Zuflucht findet sie in einer Selbsthilfegruppe. Dort fühlt sie sich sicher – und erkennt eines Tages: "Du kannst dich nicht verstecken.”

Annemarie geht weg von zu Hause, so schwer es auch ist. Sie macht eine Ausbildung zur medizinisch-technischen Assistentin, studiert Humanbiologie an der Marburger Uni. Am Zellbiologischen Institut bekommt sie einen Job. Annemarie: "Die Gespräche mit Kollegen dauerten eine Ewigkeit. Meistens schrieb ich alles auf. Und telefonieren konnte ich überhaupt nicht. Aber glücklicherweise hatte ich immer Freunde, die mich akzeptierten und mir über das Schlimmste hinweghalfen.”

 

Mit einem Spezialprogramm gegen das Stottern angehen

Mit ihrem Handicap hat sich die junge Frau längst abgefunden. Bis ihr eine Ärztin die "Kasseler Stottertherapie” empfiehlt. Sie basiert auf einem Computerprogramm. Anneli nutzt die Chance, auch wenn es hart ist. "Ich war in einer kleinen Gruppe von zehn Leuten. Wir hatten täglich sieben Stunden Sprechübungen. Aber wir waren auch gemeinsam essen und hatten ein abendliches Freizeitprogramm. Nur so habe ich es überstanden.”

Drei Wochen dauert die Intensivtherapie. Annemarie lernt eine ganz neue, langsame Art zu sprechen. Sie muss jetzt jede Silbe auf zwei Sekunden ausdehnen. Der Computer zeichnet die Laute auf: "Ich sah sofort jeden Fehler und erkannte zum Beispiel, wann ich falsch atmete.”

Annemarie ist selbst erstaunt, wie schnell sie lernt: "Nach einer Woche wurden aus Silben schon kurze Sätze. Die neue Sprache klang zwar anfangs etwas eigenartig, aber es funktionierte.”

Bald meistert Annemarie die erste Herausforderung: "Ich sollte ein Restaurant anrufen und mich nach den Öffnungszeiten erkundigen. Es klappte wunderbar.” Auch einkaufen, nach dem Weg fragen und andere Situationen werden geübt: "So habe ich eine Hemmschwelle nach der anderen verloren.” Noch immer übt sie täglich mindestens eine Viertelstunde. Annemarie:  "Endlich kann ich mich überall unterhalten, habe ein völlig neues Selbstwertgefühl. Und ich fühle mich frei.”

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