"Ich habe es geschafft und konnte die Angst besiegen"

Angst-Betroffene Ulrike Soost in ihrem Blumenladen. Sie hat ihre Angst besiegt.
Ulrike Soost (45) konnte ihre Angst besiegen: "Es war ein langer Weg, aber endlich bin ich wieder ich selbst." © Fotolia

Angst beherrschte das Leben von Ulrike Soost. Stress, Sorgen, kreisende Gedanken – jeder Tag wurde zur unüberwindbaren Herausforderung. Lesen Sie hier, wie sie es schaffte, ihre Angst zu besiegen

 

Hier teilt sie ihre berührende Geschichte

Ulrikes Angstattacken begannen, als sie den Blumenladen übernahm, in dem sie seit Jahren arbeitete. Eine große Aufgabe, auch für die sonst so starke Frau. "Ich hatte immer alles gepackt. Nie hätte ich damit gerechnet, dass mich diese Selbstständigkeit so umhauen könnte. Ich glaube, es war alles zu viel auf einmal."

 

Existenzangst durch beruflichen Druck und Trennungsstress

Die Blumenhändlerin war damals frisch getrennt, ihr Mann gerade erst ausgezogen. Plötzlich war sie allein verantwortlich für die beiden 14 und 11 Jahre alten Töchter und dann noch das Geschäft. "Ich hatte das Gefühl, ständig arbeiten zu müssen und dennoch nicht genug zu schaffen. Die Zeit für die Kinder wurde knapp, wir stritten öfter als früher. Meine Sorgen wuchsen: Würde es mit der Selbstständigkeit klappen? Wie würde es mit meiner Familie weitergehen?" Als der Sommer kam, verflog der letzte Rest von Sicherheit. "Dann herrscht in Blumenläden Flaute, auch bei uns." Die Sorge um ihre Existenz wurde zur handfesten Angst, die Ulrike nicht mehr losließ.

 

Freunde begannen, sich Sorgen zu machen

Nicht einmal nachts fand Ulrike Ruhe vor ihrer Angst. Sie lag grübelnd im Bett und hatte für den nächsten Tag keine Kraft, weil sie nicht ausgeschlafen war. "Irgendwann schaffte ich es nicht mehr, pünktlich aufzustehen. Ich blieb einfach liegen. Den Wareneinkauf auf dem Blumen-Großmarkt machte ich immer häufiger auf den letzten Drücker." Ulrike verbrauchte ihre wenige Kraft dafür, nach außen hin den Schein zu wahren. "Ich erledigte nur noch das Nötigste. Und wenn die Kinder am Wochenende bei ihrem Vater waren und der Laden zu hatte, verbrachte ich ganze Tage und Nächte auf dem Sofa ­– zusammengerollt unter einer Decke." Ihre Freunde begannen, sich Sorgen zu machen. Doch Ulrike blockte alle Nachfragen ab, ging nicht ans Telefon und schlug Einladungen aus. Nur eine Freundin ließ sich nicht abwimmeln: Sandra. Immer wenn Ulrike absagen wollte, blieb sie hartnäckig, nahm die offensichtlich überforderte Freundin mit zu Spaziergängen in den Wald. "Eines Abends erzählte ich Sandra von der Angst, mein Leben nicht mehr zu schaffen. Bis wir beide weinten. Ich wegen meiner unlösbar scheinenden Probleme. Und Sandra, weil sie sah, wie schlecht es mir ging." Schließlich bat Sandra: "Geh zum Arzt. Du kriegst das allein nicht hin." Zuerst weigerte sich Ulrike. "Für eine Therapie hatte ich doch gar keine Zeit."

 

Angst war zum Normalzustand geworden

"Eines Morgens stand ich vor dem Spiegel und erwischte mich selbst dabei, wie mir die Tränen das Gesicht hinunterliefen. Sie hörten gar nicht mehr auf zu fließen. In diesem Moment war mir klar: So geht es nicht weiter. Es reicht." Ulrike griff zum Telefonhörer und rief ihren Hausarzt an.

Der erste und wichtigste Schritt war damit getan. Ihr Arzt erkannte, dass Ulrike unter anhaltendem Stress stand und ihre Mehrfachbelastung als Alleinerziehende und Selbstständige sie überforderten. Über drei Monate hatte Ulrike versucht, diesem Druck standzuhalten. "Der Arzt sagte, dass ich unter einer beginnenden Angststörung leide. Vermutlich als Folge der hohen Belastung. Aber er machte mir auch Mut. Er erklärte, dass meine Angst eine biochemische Reaktion seien. Der ständige Druck hatte so häufig Angstgefühle ausgelöst, dass mein Gehirn sich daran gewöhnt und auf ein höheres Angstlevel geschaltet hat. Angst war für meinen Körper zum Normalzustand geworden! Ich verstand: Mein reales Leben hatte nichts damit zu tun. Es war sozusagen mein Kopfkino, das da täglich ablief."

 

Viele Angst-Patienten gehen zu spät zum Arzt

Der Arzt verschrieb ihr ein pflanzliches Beruhigungsmittel und riet ihr, sich mehr Auszeiten zu gönnen und eine Entspannungstechnik zu erlernen. Um besser abschalten zu können, meldete sich Ulrike zu einem Yoga-Kurs an und spürte schnell, wie gut ihr die sanfte Sportart tat. "Das Gefühl der Angst um die Brust spürte ich seltener, ich konnte bald wieder durchschlafen." Außerdem reduzierte Ulrike ihr Arbeitspensum. "Mir wurde bewusst: Auf meine Mitarbeiter ist Verlass, ich muss nicht immer alles selbst machen."

 

Die Angst besiegen

Heute fühlt sich Ulrike wieder stark. "Es war ein langer Weg, aber endlich bin ich wieder ich selbst." Sie konnte ihre Angst besiegen. Aber sie weiß auch, dass sie in Zukunft sorgfältiger auf sich achten muss. "Und das werde ich auch. Schließlich möchte ich so etwas nie wieder erleben."

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