"Ich habe endlich keine Schmerzen mehr"

Insulinspritze und Tabletten
Für einige Diabetiker kommt irgendwann der Punkt, an dem eine Therapie mit blutzuckersenkenden Tabletten nicht mehr ausreicht: Sie müssen sich spritzen © Fotolia, http://www.freestylelibre.de/

FreeStyle Libre macht Blutzuckermessung ohne Stechen möglich und bietet darüber hinaus einen besseren Einblick in den Glukoseverlauf. Doch überzeugt das Messsystem wirklich? Wir haben den Test gemacht.

In Deutschland sind acht Millionen Menschen an Diabetes erkrankt. Etwa 400.000 der Patienten haben einen Typ-I-Diabetes – und ich bin einer von ihnen. Im Unterschied zum Typ-II-Diabetes produziert meine Bauchspeicheldrüse überhaupt kein Insulin mehr. Das bedeutet, ich muss bis zu acht Mal am Tag meinen Blutzucker kontrollieren und entsprechend der Mahlzeiten, die ich zu mir nehme, Insulin spritzen. Eigentlich ist das für mich keine große Sache: Mit neun Jahren wurde die Erkrankung diagnostiziert und seitdem – inzwischen schon 24 Jahre – lebe ich sehr gut damit.

 

Pieksen für ein längeres Leben

Diabetes lässt sich im Alltag gut handhaben, die Therapie hat mittlerweile immense Fortschritte gemacht. Musste ich als Kind noch zu festgesetzten Zeiten spritzen und mich an einen strikten Essensplan halten, bin ich mittlerweile vollkommen frei in der Gestaltung meiner Ernährung. Egal, was ich wann esse: Wenn ich die entsprechenden Einheiten Insulin zu mir führe und den Glukosespiegel im Blick behalte, lassen sich starke Entgleisungen – also Über- oder Unterzuckerungen – relativ gut vermeiden und körperliche Langzeitschäden verhindern. So unkompliziert die Therapie mittlerweile ist: Die Blutzuckermessungen sind nervig. Denn jede Messung bedeutet, dass ich mich in den Finger steche, um an einen Tropfen Blut für das Messgerät zu gelangen. Sehr schmerzhaft wird es, wenn ich dabei einen Nerv erwische. Außerdem empfinde ich es als sehr unangenehm, meinen Fingern, die sich in der U-Bahn festhalten, die auf einer Tastatur herumtippen, die Türklinken anfassen – die also überall sind, wo auch Bakterien lauern – eine blutende Wunde zuzufügen.

Meine Fingerkuppen sind durch die Jahre des ständigen Picksens verhärtet. Wie bei einem Gitarrenspieler, der permanent an scharfen Saiten herumzupft, hat sich eine Art Hornhaut gebildet mit kleinen schwarzen Punkten an den Einstichstellen. Da bleibt es nicht aus, manchmal mehrere Versuche machen zu müssen, um an einen Bluttropfen heranzukommen. Das ist auch notwendig, wenn die Hände kalt sind – ganz zu schweigen von dem ewigen Herumkneten, bis die Fingerspitzen einigermaßen durchblutet sind. Muss das sein? Ist es wirklich notwendig, in einer Zeit, in der die medizinischen Erfindungen grenzenlos scheinen, eine so einfache Messung wie die des Glukosespiegels auf diese jahrzehntealte, schmerzhafte und umständliche Art zu machen?

freestyle libre
Mit dem neuen Messsystem Freestyle Libre haben Diabetiker den Glukosewert immer im Blick – ohne routinemäßiges Stechen© http://www.freestylelibre.de/

FreeStyle Libre: Neue Freiheit für Menschen mit Diabetes

Seit fast zwei Jahren zum Glück nicht mehr. 2014 hat die Firma Abbott mit dem FreeStyle Libre den Markt für Diabetes-Patienten revolutioniert. Ich wurde damals sofort von meiner Ärztin informiert: Es gibt nun ein Gerät, mit dem man ohne Stechen Blutzucker messen kann. Dafür wird ein Zwei-Euro-Stück großer Sensor an die Rückseite des Oberarms angeklebt, der einen 5 mm langen Fühler unter der Haut platziert und den Blutzucker zu jeder Zeit misst und die Werte speichert. Der Sensor kann 14 Tage getragen werden, er ist wasserdicht – Duschen oder Schwimmen sind also kein Problem. Zum Auslesen der Daten hält man einen handgroßen Scanner für eine Sekunde über den Sensor und schon erscheint auf dem Display der aktuelle Blutzuckerwert. Doch nicht nur das: Auch die Verlaufskurve der Zuckerwerte seit der letzten Messung wird angezeigt sowie die Tendenz, in welche sich der Glukosespiegel gerade bewegt. Das klingt zu schön, um wahr zu sein. Also wo ist der Haken? Es sind die Kosten.

FreeStyle Libre – ein teurer Spaß?

Die Krankenkasse übernimmt diese für das Gerät und die Sensoren zur Zeit noch nicht. Der Anschaffungspreis für das Lesegerät beträgt 60 Euro. Ein Sensor, der aller 14 Tage ausgetauscht werden muss, kostet ebenfalls 60 Euro. Das sind 120 Euro im Monat. Für mich war das damals Grund genug, mich dagegen zu entscheiden. Ich war an die Messungen per Stechen gewöhnt, das ganze Prinzip klang fremd für mich, warum sollte ich so viel Geld ausgeben, wenn ich das Messen auch „kostenlos“ haben kann?

Doch dann nahm ich vor zwei Monaten an der obligatorischen, alljährlichen Diabetes-Schulung teil. In dieser Schulung saßen zwei Teilnehmer, die einen dieser Sensoren trugen. So live und in Farbe war ich innerhalb kürzester Zeit überzeugt. Wie schnell und unkompliziert sie ihren Blutzucker messen konnten! Unglaublich. Ich habe mir dieses Gerät noch am selben Tag bestellt und den Sensor an meinen Arm geklebt. Die erste Blutzuckermessung ohne Stechen nach all den Jahren fand bei einer Freundin statt, nahezu euphorisch hielt ich das Lesegerät über den Sensor – danach sind wir gemeinsam durch die Wohnung getanzt. In den nächsten Tagen habe ich wohl etwa alle halbe Stunde meinen Blutzucker gemessen – einfach nur zum Spaß. Es ist ja nun kein Problem mehr, so ganz ohne Stechen, ohne Blut. Und es ist egal, ob ich eine dicke Jacke anhabe, gerade unter der Dusche war, beim Sport bin oder Urlaub mache. Ich muss einfach nur das Gerät über den Arm halten – und niemand schaut mehr komisch.

Mit FreeStyle Libre mehr Lebensqualität

Außerdem kann ich schnellstmöglich auf einen Anstieg oder ein Sinken des Zuckers reagieren. Das Gerät schenkt mir also nicht nur Komfort und Lebensqualität, sondern auch ein Höchstmaß an Sicherheit. Ich kann meine Insulininjektionen viel genauer auf mein Leben abstimmen. Für diesen Zugewinn an Gesundheit, für diesen Komfort bezahle ich selbst – die Krankenkassen übernehmen die Kosten für Freestyle Libre bisher nur für Kinder zwischen vier und achtzehn Jahren. Bleibt die Hoffnung, dass es nicht mehr lange dauert, bis auch bei ihnen angekommen ist, welche Erleichterung das FreeStyle Libre bietet – und jeder Diabetiker die Chance bekommt, mit seiner Erkrankung im Alltag bestmöglich zu leben.

 

Wissenschaftlich nachgewiesener Nutzen

Inzwischen hat auch eine wissenschaftliche Studie die Vorteile der Anwendung durch FreeStyle Libre belegt. Die Studie zeigt, dass Patienten mit Diabetes, die das pieksfreie Messsystem verwenden, verglichen mit Patienten, die ihren Blutzucker mit herkömmlichen Systemen kontrollieren, 38 Prozent weniger Zeit in Hypoglykämie verbringen. 

Die in der medizinischen Fachzeitschrift The Lancet veröffentlichten Ergebnisse zeigen auch, dass das routinemäßige und häufig unangenehme Stechen in den Finger durch FreeStyle Libre  fast nicht mehr nötig ist. Auch schwere Hypoglykämien (<55 mg/dl) konnten um 50 Prozent gesenkt werden. 252 Probanden aus fünf Ländern hatten das Messsytem sechs Monate lang getestet. 

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