Ich bin zwar gelähmt – klettere aber trotzdem steile Wände hoch

Gelähmte Frau im Rollstuhl
Die Lähmung ist für Silvia P. kein Grund aufzugeben © Fotolia

Silvia P. (34) sitzt seit ihrer Jugend im Rollstuhl. Für sie kein Grund zur Verzweiflung, denn trotz Lähmung beweist sie ein hohes Maß an Mut, Energie und Lebensfreude. Wie Sie es schafft auch schwierige Herausforderungen zu meistern und mit ihrer selbstgebastelten Ausstattung hoch hinaus zu kommen, erfahren Sie hier.

Wenn Silvia P. (34) klettert, sieht es auf den ersten Blick ganz leicht aus: fließende, kraftvolle Bewegungen, mit denen sie selbst die steilsten Wände bezwingt. Nur wer genau hinschaut, erkennt, dass sie eine Behinderung hat. Anstatt die Füße selbstständig zu heben, greift sie bei jedem Zug mit ihrer Hand an eine Schlaufe am Bein und zieht es hoch.

Seit ihrem 16. Lebensjahr sitzt die Frau aus Saarbrücken im Rollstuhl. Grund: ein Zeckenbiss und ein seltener Gendefekt, der erst durch die Borreliose ausgelöst wurde.

Andere wären womöglich daran verzweifelt – nicht aber Silvia: „Ich war schon immer ein positiver Mensch, und das Größte, was mir geholfen hat, war der Sport."

 

Trotz Lähmung aktiv

Sie geht gern schwimmen, macht regelmäßig Hanteltraining. Vor zwei Jahren kam sie auf die Idee, es mit dem Klettern in der Steilwand zu versuchen. Zunächst übte Silvia an künstlichen Kletterwänden, dann wagte sie sich nach draußen. Zugute kommen ihr dabei ihre durchs Rollstuhlfahren gestärkten Arme. Das Klettern gibt ihr ein Stück Freiheit zurück: „Ich liebe es, in der Natur zu sein. Und klettern kann ich ohne große Hilfsmittel. Die Schlaufen an meinen Beinen sind Hunde- und Katzenleinen. Viele lachen darüber, aber für wenig Geld habe ich mir so meine Ausrüstung zusammengestellt."

Zusammen mit ihrem Kletterpartner Bernd Eichenseer (38) war sie z. B. schon am Unglücksfelsen am Kirkeler Felsenpfad (Saarland).

 

Voller Kraft auch mit Lähmung

Nur mit der Kraft ihrer Arme zieht sie ihre 52 Kilogramm Körpergewicht nach oben. Ihre gefühllosen Beine und Füße benötigt sie, um am Berg Halt zu finden. Für einen kurzen Moment halten ihre Gliedmaßen die Spannung, quasi ein Vorteil der spastischen Lähmung.

Was sie schafft, ist selbst für die meisten gut trainierten Sportler ohne Behinderung undenkbar. Hat Silvia P. denn gar keine Angst, an einer steilen Felswand zu hängen und zu fallen? „Warum sollte ich? Ich bin gesichert und könnte mir höchstens die Beine aufschrammen, aber das ist auch alles."

Um sich selbst macht die junge Frau kein Aufhebens. Andere schwärmen von ihr. Ihr Freund Peter (53), mit dem sie seit ein paar Monaten zusammen ist: „Silvia ist so ein positiver Mensch - das ist ansteckend."

Die Sozialpädagogin arbeitet im Gesundheitsamt von Saarbrücken. Nebenher engagiert sich Silvia ehrenamtlich als Behindertenbeauftragte der Stadt. Sie fährt zum Beispiel zu Architekten und hakt nach, wenn Türen zu schmal sind, wenn statt einer Rampe Treppen gebaut werden. „Ich wünsche mir die absolute Barrierefreiheit. Menschen mit Behinderung müssen jeden Tag aufs Neue mit diesen kleinen Hürden des Alltags fertigwerden. Oft fehlt den Verantwortlichen das nötige Bewusstsein. Dafür werde ich weiterkämpfen."

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