Ich bin nicht ungezogen, ich bin autistisch

Verena Elson Medizinredakteurin

Aufdringliches Klirren, Klopfen und Rauschen, hektisch wechselnde Bilder: Dieses Video zeigt weder eine Geisterbahn noch einen Actionfilm. Es zeigt einen ganz normalen Bummel in einem Einkaufszentrum – aus der Sicht eines autistischen Jungen.

„Can you make it to the end?“ (Halten Sie es bis zum Schluss aus?) So heißt das Video der britischen National Autistic Society, das bereits über eine Million mal angeklickt wurde. Was der Betrachter hier auszuhalten hat, sind eineinhalb Minuten ganz normale Alltagswelt, gesehen durch die Augen eines autistischen Jungen, der sich auf einem Einkaufsbummel mit seiner Mutter befindet.

Fallende Münzen, glitzernde Luftballons, eine frisch aufgetragene Parfümprobe – zahllose Reize drängen sich ihm ununterbrochen auf und es gibt kein Entrinnen. Wo er hinsieht, ist es laut, hektisch und aufdringlich bunt.

Wie viele andere Menschen im Autismus-Spektrum hat der Junge im Video Schwierigkeiten damit, aus der Flut von Bildern, Geräuschen und Gerüchen diejenigen herauszufiltern, die relevante Informationen für ihn bergen. Während nicht-autistische Menschen alle überflüssigen Reize einfach ausblenden, nimmt er alle gleich stark wahr. Die Folge: eine Überreizung. Und die ist mit voranschreitender Dauer immer schwerer zu ertragen.

 

„Einfach zu viele Informationen“

Mit der Zeit stauen sich immer mehr Reize auf und als Folge wird der Junge noch empfindlicher gegenüber Geräuschen und Bildern. Autisten sprechen in solchen Situationen von einem „Overload“, einer sensorischen Überbelastung.

Der Junge versucht, sich selbst zu beruhigen, indem er laut vor sich hinzählt. Doch irgendwann funktioniert das nicht mehr und die Überreizung wird überwältigend. Wie bei einem Ventil, das den Druck nicht mehr aushält, kommt es zum Ausbruch, einem sogenannten „Meltdown“. Unter kritischen und genervten Blicken von Passanten schreit der Junge und versucht, sich von seiner Mutter zu lösen und wegzulaufen. Für Außenstehende sieht das aus wie ein Wutanfall eines trotzigen Jungen – doch in Wahrheit ist es ganz einfach eine Flucht aus einer unerträglichen Lage. „Ich bin nicht ungezogen, ich bin autistisch. Und ich kriege einfach zu viele Informationen“, erklärt er.

 

Autisten brauchen Ruhezonen

Das Video zeigt, wie viele Autisten die Welt empfinden: als laut und hektisch. Sich in der lärmenden, schwatzenden und polternden Außenwelt aufzuhalten, ist anstrengend. Darum sind Ruhezonen für sie besonders wichtig: Das kann zu Hause sein, am (ungestörten) Arbeitsplatz – aber auch ein Mensch, der ihnen Sicherheit vermittelt. Viele Autisten haben weniger Probleme, sich dem Alltagschaos auszuliefern, wenn eine bestimmte vertraute Person, zum Beispiel der Partner, bei ihnen ist. Kommt es dennoch zu einem Overload, ist es wichtig, dass der Betroffene schnellstmöglich die Situation verlassen kann – aus dem Raum gehen, nach draußen oder in ein ruhiges Zimmer – so ist ein Zusammenbruch noch zu verhindern.

Hamburg, 5. April 2016

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