Ich bekomme ein Baby – trotz HIV

Die Münchner Werbekauffrau Tatjana (41) weiß seit 13 Jahren, dass sie HIV-positiv ist. Dennoch ist ihr größter Wunsch, ein eigenes Kind zu haben. Jetzt ist sie schwanger und zweifelt, ob sie das Glück verdient.

Mit HIV angesteckt hatte sie sich beim eigenen Ehemann. Irgendwann Anfang der 90er. Sie wusste von seiner Infektion. Fühlte sich aber getragen von dem Gedanken: „Wenn er sterben muss, will ich auch nicht mehr leben. Also ist es egal, wenn wir ohne Kondom miteinander schlafen – so oder so ähnlich waren meine verwirrten Gedanken damals. Heute kann ich nichts von dem mehr nachvollziehen“, sagt sie.

1994 starb ihr Mann. Da ging Tatjana selbst überhaupt erst zum Arzt, um sich testen zu lassen. „Mir fehlte vorher der Mut, meiner Dummheit ins Gesicht zu sehen“, sagt sie. Sie hatte das HI-Virus – verdrängte aber die Diagnose, so gut sie konnte. Nahm ihre Tabletten und vertraute sich nur einer einzigen Freundin an.

 

Die Wahrheit kommt ans Licht: HIV positiv

Ende 1997 wird sie sehr krank – und beginnt endlich zu reden. Eltern, Geschwister, Freunde trifft die Wahrheit wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Seitdem halten Tabletten das HI-Virus in Schach. Nur die sind nicht ohne Nebenwirkungen. Tatjana fühlt sich schlapp, hat Magen-Darm-Probleme. Anfang 2000 ist sie ein Jahr krankgeschrieben. Am Ende des Jahres sagt ihr Chef: „So leid es mir tut, ich muss deine Stelle neu besetzen.“ Seitdem lebt sie von Sozialhilfe und gibt Yoga-Stunden, um einigermaßen über die Runden zu kommen. „Geld ist mir nicht mehr so wichtig. Ich musste zu viele andere Träume begraben“, sagt sie.

Einen Wunsch aber konnte die Krankheit nicht auslöschen: den, ein eigenes Baby in den Armen zu halten. 2002 ist sie mit einem Betriebswirt zusammen. „Ich habe schon drei Kinder“, antwortet er, als sie das Thema anspricht. Wenig später lernt sie Stephan* kennen. „Wenn du nicht krank wärest, dann hätten wir sicher ein Baby“, sagt er. „Aber so traue ich dir und mir das einfach nicht zu. Was, wenn du das Baby nicht versorgen kannst? Länger ins Krankenhaus musst? Mich mit dem Kind allein lässt? Es wäre egoistisch und verantwortungslos.“ Auch diese Liebe scheitert.

„Klar habe auch ich diese Gedanken immer wieder hin- und herbewegt: Kann ich eine Schwangerschaft gesundheitlich überhaupt durchstehen? Was, wenn das Baby infiziert ist? Werde ich mein Kind begleiten können, bis es erwachsen wird? Und: Habe ich als kranke Frau ein Baby überhaupt verdient?“ Ihrer Ärztin erzählt sie von diesen Zweifeln. „Keine werdende Mutter weiß sicher, was sein wird“, hat sie geantwortet. „Das half“, sagt Tatjana.

 

Kennenlernen beim Seminar Aids Hilfe 

Im März schließlich trifft sie Andreas (49) – bei einem Seminar der Aids Hilfe. „Da lag die Wahrheit gleich auf dem Tisch.“ Auch er ist positiv. Und hat den gleichen Wunsch nach Familie wie sie. Sie gehen zum Arzt, lassen sich beraten. „Zwei Monate später bekam ich plötzlich Heißhunger auf Mohrenköpfe. Überhaupt fühlte sich alles sehr komisch an“, sagt Tatjana. Sie ist schwanger. „Die ersten Ultraschallbilder zu sehen, war ein irres, warmes, unbeschreibliches Gefühl. Ich wusste: Ganz genau das hatte ich immer gewollt.“

Perfekt hätte es sein können, das Glück. Freunde und Familie freuen sich unendlich für sie. Andreas schleppt die ersten Strampler an. Doch Tatjana nimmt sich drei Wochen Zeit, um bewusst zu entscheiden, ob sie ihrem Kind ein Leben mit einer infizierten Mutter überhaupt zumuten kann. Und – ob sie dieses Kind verdient hat. „Einmal bin ich nachts aufgewacht, weil ich träumte, mein Kind steht vor mir und sagt: Wie konntet ihr nur? Ihr habt doch gewusst, dass ihr krank seid.“

Irgendwann aber wird eine andere Stimme lauter. „Und die sagte: Du bist so schnell schwanger geworden. Das ist Schicksal“, erzählt Tatjana. „Ich glaube heute daran, dass es nicht grundlos passiert ist. Dass das Baby mir Kraft geben wird. Genauso wie ich ihm. Ich kenne infizierte Frauen, die es schaffen, ihren Babys eine ganz normale Kindheit zu schenken. Genau dafür werde auch ich alles tun – für eine ganz normale Kindheit.“

 

Äußerste Vorsicht bei Geburt, wenn Mutter HIV-infiziert ist

Ende Januar soll Tatjanas Baby per Kaiserschnitt in der Münchner Uni-Klinik auf die Welt geholt werden. Die Ärzte dort sind erfahren. Sie wissen, wie man vermeidet, dass das Blut von Mutter und Kind in Kontakt kommt. Außerdem darf Tatjana ihr Baby nicht stillen. Dann liegt das Risiko, dass es sich mit den HI-Virus anstecken könnte, bei weniger als zwei Prozent. Tatjanas Baby ist ein Junge. Ein neues Leben, das wahrscheinlich nie fragen wird: Wie konntet ihr nur?

 

HIV positiv: Mit ärztlicher Hilfe zum Kind

Immer mehr Infizierte in Deutschland erfüllen sich diesen Traum. Ist die Mutter HIV-positiv, raten Ärzte zur künstlichen Befruchtung oder zur Selbstinsemination. Dabei werden die Spermien direkt vor dem Muttermund platziert. Wenn der Mann infiziert ist, empfehlen Mediziner eine Befruchtung mit aufbereitetem Sperma. Sind beide Partner positiv, können sie nur zum Zeitpunkt des Eisprungs und bei wenig nachweisbaren Viren ungeschützt Geschlechtsverkehr haben.

* Name von der Redaktion geändert

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