„ICH-Aussetzer“: Die Error-Codes des Gehirns

Blackouts, Kurzschlussreaktionen, Panikattacken, Persönlichkeitsstörungen – dahinter stecken gravierende Fehlleistungen unseres Gehirns. Neurologen haben jetzt entschlüsselt, wie es dazu kommt und was wir gegen die Fehlermeldungen in unseren Köpfen unternehmen können.

 

Was habe ich da wieder gemacht? Wie konnte mir das passieren?

Wenn Ihr Gehirn ein PC wäre, dann würden Sie ständig ein Wort vor Ihrem geistigen Auge aufblitzen sehen: Fehlermeldung! Genauso ratlos, wie uns die Fehlermeldungen eines Computers machen, genauso irritiert beobachten wir häufig unser eigenes Handeln. Und fragen uns hinterher: Was habe ich da wieder gemacht? Wie konnte mir das passieren? Sicher: Unser Gehirn gleicht einem gigantischen Super-Prozessor, an den in Sachen Schnelligkeit, Leistung und Speicherkapazität keine Maschine auch nur annähernd herankommt. Das Gehirn speichert nicht nur unendlich viele Eindrücke und Erlebnisse, sondern trifft Vorhersagen über künftige Situationen und Ereignisse und wandelt sich dabei ständig.

 

Hirnforscher schätzen: Nur 0,1 Prozent von dem, was unser Gehirn tut, wird uns bewusst

Das Gehirn filtert die Flut von Sinneseindrücken und wählt aus, welche davon ans Bewusstsein weitergeleitet werden. Wissenschaftler haben versucht, die reale Flut der Eindrücke zu schätzen. Die Zahlen, die dabei herauskommen, sind jedoch unvorstellbar groß, bedenkt man, dass allein die Augen pro Sekunde mindestens 10 Millionen Bits an das Gehirn schicken.

Fest steht aber auch, dass diese vorbewusst stattfindende Auswahl unser Verhalten beeinflusst und steuert – oft völlig an unserem Verstand vorbei. Und dann passiert es. Fast ist es so, als hängte sich der Computer in unserem Kopf auf und bräuchte einen Neustart. Dann wiederum laufen die Systeme heiß – und stürzen ab. So kommt es, dass Menschen in bestimmten Situationen durchdrehen oder gravierende Fehlentscheidungen treffen. Dass sie unnötig in Panik geraten oder versagen, obwohl sie ihr Handwerk beherrschen.

 

Stressforscher, Neurologen und Psychologen weltweit haben jetzt erforscht, welche biochemischen Prozesse für diese Falschmeldungen im Gehirn verantwortlich sind

Was wird im Kopf an- und abgeschaltet, wenn wir in Panik geraten, extreme Reaktionen zeigen, nicht mehr „wir selbst“ sind? Wohin verschwindet die Persönlichkeit bei einem Blackout? Forscher sind auf zentrale Fehlermeldungen im Gehirn gestoßen. Sie erklären, warum wir oft zusehen müssen, wie wir völlig irrational handeln und dabei uns und anderen schaden.  Hier erfahren Sie, was im Gehirn geschieht, wenn die verschiedenen Error-Codes aufblinken.

 

Der Impuls-Code

Symptom: Wenn das Gehirn sich vor dem Einfluss anderer Menschen schützen will. Beispiel: totaler Rückzug nach einem kleinen Konflikt. Wutausbrüche oder Aggressionsschübe, auch gegen sich selbst.

Roter Bereich: Streitlust – auch bei Bagatellen, Unfähigkeit, Konflikte zu lösen, häufig wechselnde Freundschaften oder Bekanntschaften, Häufung von juristischen Auseinandersetzungen – etwa mit Nachbarn, ehemaligen Freunden. Ein Gehirn, das auf zwischenmenschliche Probleme derart extrem reagiert, ist möglicherweise dabei, die Schwelle zu überschreiten, ab der Experten von einer Borderline-Persönlichkeitsstörung sprechen.

Erklärung: Oft sind traumatische Erfahrungen in der Kindheit die Ursache für ein "Kippen". Aktuelle Studien belegen: Diese Erfahrungen programmieren die Gene im Angstgedächtnis um. Betroffene weisen eine massiv erhöhte Zelldichte in den Angstzentren des Gehirns auf. Bei Bildertests, haben Studien mit einem Magnetresonanztomografen (MRT) gezeigt, reagiert ihr Gehirn viel intensiver auf bedrohliche Gesichter als das Gehirn von Kontrollpersonen.

Escape: In diesem Fall empfiehlt es sich, einen Experten zurate zu ziehen. Eine ausgeprägte Borderline-Störung ist eine pathologische Persönlichkeitsstörung, die psychiatrisch behandelt werden kann.

 

Der Panik-Code

Symptom: Wenn das Gehirn nur noch im Fight-or-Flight-Modus (Kampf oder Flucht) läuft. Alle momentanen Anforderungen werden als Bedrohung verarbeitet, es kommt zu panischen Reaktionen (Beispiel: ein sonst guter Fahrer verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug).

Roter Bereich: Jede Art von Gefahrensituation - unter extremen Belastungen kann es zum Abschalten der Großhirnrinde kommen. Folgen: entweder panische Reaktionen oder Entscheidungsunfähigkeit (Apathie). Aus der Stressforschung weiß man, dass bei keinem Soldaten vorhergesagt werden kann, wie sein Gehirn im ersten Gefecht reagieren wird.

Erklärung: Ein konstant hoher Pegel von Stresshormonen im Gehirn, besonders von solchen, die von einem Gefühl von Hilflosigkeit freigesetzt werden, führt zu einer Überproduktion des Eiweißmoleküls Vasopressin im Gehirn. Vasopressin ist ein Schlüsselfaktor für die Steuerung von Stresshormonen, für Gedächtnis und Emotionen. Die gesamte Ruhe-Angst-Regulation läuft aus dem Ruder.

Escape: In jeder Situation gibt es Möglichkeiten, Kontrolle auszuüben. Wer sich darauf konzentriert und versucht, diesen Bereich auszubauen, schützt sein Gehirn am besten vor Panik-Reaktionen. In der Psychologie nennt man dieses Vorgehen "Ressourcenanalyse": Welche Möglichkeiten, Einfluss zu nehmen, stehen mir zur Verfügung? Alles andere kann man vernachlässigen.

 

Der Seitensprung-Code

Symptom: Wenn das Gehirn keinem sexuellen Reiz aus dem Weg gehen will. Beispiel: Untreue bis hin zur Sexsucht.

Roter Bereich: In einem Versuch betritt eine attraktive Person den Raum. In weniger als 100 Millisekunden laufen Signale von den Augen direkt in das limbische System. Dort, im Emotionszentrum, wird die Begegnung bewertet. Alle Informationen gelangen in den Belohnungskern, der eine opiumähnliche Substanz ausschüttet, die einen rauschartigen Zustand verursacht.

Erklärung: Im Stirnhirn wird in der Regel auch das rationale System aktiviert, das ein Veto gegen die Versuchung einlegen kann. Eine Studie ergab jedoch: Bei Männern, die durch eine Genvariante einen niedrigeren Vasopressinspiegel hatten, fiel das Veto im Gehirn wesentlich schwächer aus als in einer Kontrollgruppe.

Escape: Wenn Seitensprünge in Sexsucht ausarten und mit Kontrollverlust einhergehen, ist professionelle Hilfe nötig. Einem starken Drang zum Fremdgehen kann auch eine versteckte Depression zugrunde liegen.

 

Der Aggressions-Code

Symptom: Wenn das Gehirn einen Gegner oder Kon- kurrenten zum Feind erklärt (Beispiel: Ein Fußballer, der nach einem am Boden liegenden gegnerischen Spieler tritt).
Roter Bereich: Jedes Gehirn hat seinen eigenen Punkt, an dem der Aggressions-Code aktiviert wird – und das ohne Vorwarnzeit. Forscher haben festgestellt, dass bestimmte Signalwörter (etwa ein Schimpfwort, das persönliche Erfahrungen wachruft) in Zusammenhang mit einer Niederlage oder einem Unterlegenheitsgefühl die Frustrationsschwelle des Gehirns dramatisch absenken. Es kommt zum Kurzschluss.
Erklärung: Das Stress-System legt alle hemmenden Instanzen des Großhirns lahm, wie bei einer Terror-Attacke von innen. Über die Sinneskanäle registriert der Cortex, eine Region des Stirnhirns, die Bedrohung. Diese schicken innerhalb von Millisekunden Signale zur Amygdala, einer Art Alarmknopf, der eine Kettenreaktion in Gang setzt. Stress-Hormone wie das Noradrenalin lassen Blut in die Muskeln schießen, die Pupillen weiten sich. Die Großhirnrinde – der Sitz unseres Verstands – hat keine Zeit mehr, einzugreifen.
Escape: Der Schlüssel zur Kontrolle liegt hier in der persönlichen Frustrationsschwelle. Sport, vor allem Kampfsportarten, wirken nachweislich aggressionsmindernd.

 

Der Blackout-Code

Symptom: Wenn das Gehirn plötzlich zu Totalausfällen neigt: Das Gehirn vergisst Abläufe oder ganze Wissensbereiche, die es vorher beherrscht hat. Das kann Teile der eigenen Biografie betreffen oder Faktenwissen. (Beispiel: Blackout bei einer Prüfung).

Roter Bereich: besonders soziale Stressoren, Ausgrenzungen, Mobbing oder schlechte familiäre Konstellationen (auch vergangene Erfahrungen) setzen über eine Kaskade von Stresshormonen mit der Zeit wichtige Hirnzentren außer Kraft.

Erklärung: Eine der wichtigsten Hirnregionen verkümmert: der Hippocampus. Es ist die Schaltzentrale des Gedächtnisses und so etwas wie der Jungbrunnen des Gehirns. Hier werden ständig neue Nervenzellen gebildet. Versiegt der Jungbrunnen, nimmt man positive Veränderungen nicht mehr wahr. Die Aufnahmefähigkeit sinkt. Das Gehirn schaltet den Antrieb runter, es kommt zu Erinnerungs-Blackouts.

Escape: Stressbedingte Blackouts sind Symptome eines akuten Energiemangels. Bei 10 Minuten Prüfungsstress verbraucht das Gehirn 15 Prozent seines gesamten Tagesbedarfs an Zucker! Ein Zuckerschub (irgendetwas Süßes) fährt hier innerhalb von Sekunden die Konzentration wieder hoch.

 

Der Opfer-Code

Symptom: Wenn das Gehirn sich nicht mehr verteidigen will (Beispiel: Ein Pausenhof-Opfer, das schon fast auf seine Peiniger wartet, weil es keinen Ausweg sieht).
Roter Bereich: Jeder dritte Schüler ist Opfer von Angriffen Gleichaltriger. Sie lassen sich ihr Taschengeld abnehmen oder werden sogar verprügelt. Doch auch bei Erwachsenen gibt es einen Opfer-Code. Sie lassen sich von ihren Kollegen mobben, vom Chef anschreien oder sogar von Fremden beleidigen. Die US-Wissenschaftler James Gruber von der Michigan-Dearborn-Universität und Susan Fineran von der Southern-Maine-Universität führen diesen Opfer-Code auf ein vermindertes Selbstwertgefühl zurück.
Erklärung: Das Zentrum für emotionale Intelligenz und Selbstvertrauen im limbischen System ist nicht vollständig ausgebildet. Da dort auch die körpereigenen Endorphine, also Wohlfühl-Hormone, ausgeschüttet werden, pumpt das Gehirn weniger Adrenalin ins Blut. Das führt zu einer schwächlichen, nichtdynamischen Körpersprache. Angreifer identifizieren einen solchen Menschen als leichtes Opfer.
Escape: Jeder kann an seiner Körpersprache und seiner Stimme arbeiten. Besonders Selbstverteidigungskurse wirken nicht nur zum Selbstschutz; das Gehirn erlernt wieder den Impuls, das eigene Ego zu behaupten und zu verteidigen. Neurologen konnten positive Veränderungen in den Zellstrukturen der motorischen und der gefühlssteuernden Hirnzentren nachweisen.

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