Hungriges Gehirn: Stress und Gewichtszunahme sind Kopfsache

Was wäre, wenn eine geheimnisvolle Kraft in unserem Kopf bestimmt, wie viel wir essen? Kaum vorstellbar – doch so ist es.

Denn ob wir dick werden oder nicht, hängt vor allem von zwei Faktoren ab: Dem körpereigenen Stress-System und den Zusatzstoffen in unserem Essen.

Wie sich unser Denkorgan mit Energie versorgt – und was passiert, wenn seine Schaltkreise gestört werden.

 

Macht Stress mein Gehirn zum Fress-Süchtigen?

Um zu verstehen, wie genau Stress unser Körpergewicht manipuliert, muss man zunächst die Energiepolitik des Gehirns entschlüsseln. Genau das gelang dem Lübecker Hirnforscher Achim Peters. Gemeinsam mit seinem Team hat er mehr als 10.000 Studien ausgewertet. Ergebnis: Unser Gehirn versucht mit allen Mitteln, seinen Willen durchzusetzen und versorgt sich notfalls mit Energie auf Kosten aller anderen Organe. "Wir sprechen deshalb vom selfish brain, vom egoistischen Gehirn", sagt Peters.

 

Das Stresshormon Cortisol kann auf Dauer gefährlicher werden als ein paar Kilo zu viel

Die wichtigste Energiequelle für den Kopf ist Zucker (Glukose). Obwohl das Hirn nur zwei Prozent unseres Körpergewichts stellt, beansprucht es die Hälfte des Glukosebedarfs. In belastenden Stresssituationen fordert das Gehirn sogar 90 Prozent des Zuckerbedarfs. Wird dieser Stress zum Dauerzustand, hat dies Folgen für unser Gewicht. So unterscheiden Forscher zwischen zwei verschiedene Stresstypen, dem "ausgeglichenen" Stress-Typus A und dem "atemlosen" Stress-Typus B. Beide reagieren vollkommen verschieden auf dauerhaften Stress und entwickeln über die Jahre zwei verschiedenen Körpertypen. Doch Stress ist nicht der einzige Faktor, der die Schaltkreise im Gehirn manipulieren und das Körpergewicht beeinflussen kann.

 

Zucker, Fett oder Hormone – was macht mich wirklich dick?

Wissenschaftler fanden heraus: Es gibt verschiedene Systeme im Gehirn, die alle nur ein Ziel haben: Den Menschen zwingen, so viele Kalorien wie möglich aufzunehmen, um das Gehirn mit so viel Energie wie möglich zu beliefern. "Hungry Brain Syndrom", nennt Neurobiologe Hans Berthoud dieses Phänomen. Kalorien bezieht der Körper aus Fetten, Kohlenhydraten und Zucker. Je mehr wir davon aufnehmen, desto gieriger wird das Gehirn. Dadurch wirkt Essen wie eine Droge. Studien haben ergeben, dass Übergewichtige immer höhere Dosen Kalorien benötigen, um befriedigt zu sein, während sich bei Normalgewichtigen schon bei geringen Essrationen ein Belohnungsgefühl einstellt.

 

Wie Zusatzstoffe in Lebensmitteln unser Gehirn manipulieren

Essen kann süchtig machen
Essen als Sucht: Übergewichtige brauchen immer höhere Dosen Kalorien, um befriedigt zu sein, während sich bei Normalgewichtigen schon bei geringen Essrationen ein Belohnungsgefühl im Hirn einstellt© Fotolia

Achim Peters ist dennoch überzeugt: "Mit Kalorien allein lässt sich Übergewicht nicht hinreichend erklären." Und tatsächlich: Auch chemische Signale, die in Nahrungsmitteln stecken, spielen eine bisher unterschätzte Rolle. So konnte nachgewiesen werden, das Geschmacksverstärker wie Glutamat sowie Weichmacher und sogar Pestizide im Essen einen indirekten Einfluss auf unser Körpergewicht haben können. Diese Botenstoffe können sich ins Gehirn schleusen. Dort lösen sie Falschsignale aus, die den Energiestoffwechsel des Gehirns stören und dazu beitragen, dass das Gehirn immer mehr Kalorien fordert. Der Körper wird so auf Gewichtszunahme programmiert. Dies muss jedoch nicht unbedingt ein dauerhafter Zustand sein.

 

Wie man kann ich mein Gehirn schützen und dadurch abnehmen?

Statt Diäten empfiehlt Achim Peters bewusst auf die Zusatzstoffe der Lebensmittel zu achten: "Wer mehr natürliche Lebensmittel konsumiert, also weniger chemische Botenstoffe isst, setzt sein Gehirn weniger Falschsignalen aus. Dadurch bekommt das Denkorgan die Möglichkeit, den Energiehaushalt besser zu regulieren. Es tritt eine Art Selbstheilung ein."

Dieser Prozess verläuft jedoch nicht innerhalb weniger Tage, es dauert Wochen, manchmal sogar Monate, bis das Gehirn von den Falschsignalen der chemischen Trojaner befreit ist. Wer sich dabei jedoch gestresst fühlt, sollte die Selbstheilung lieber abbrechen. Denn unter Belastung übernimmt dann ein anderer Trojaner das Kommando – das Stresshormon Cortisol. Und das kann auf Dauer weitaus gefährlicher sein als ein paar Kilo zu viel.

 

Können Kartoffelchips mein Gehirn zum Fress-Despoten machen?

Glutamat ist in fast allem enthalten, was haltbar und salzig ist:

Übergewicht und Glutamat
Der Zusatzstoff Glutamat, z. B. in Kartoffelchips, deaktiviert das Sättigungszentrum im Gehirn. Häufige Folge: Egal, wie viele Chips wir gegessen haben, wir greifen zur nächsten Kalorienbombe© Corbis

Soßen, Wurst, Chips. Wirkung: Glutamat gilt als die Allzweckwaffe unter den Geschmacksverstärkern. Dabei schmeckt es eher salzig-süß, verändert also den Geschmack von Speisen, anstatt ihn zu verstärken. Studien belegen, dass Glutamat das Sättigungszentrum im Gehirn deaktiviert, indem es die Konzentration des "Schlankheitshormons" Leptin verringert. Daraufhin sendet das Gehirn den Befehl: Iss etwas! Folge: Egal, wie viele Chips wir gegessen haben, wir greifen zur nächsten Kalorienbombe.

 

Warum macht mich Diät-Cola schneller dick als normale Cola?

Aspartam ist u. a. in Diät-Softdrinks und Kaugummi enthalten und ist 200-mal so süß wie Zucker bei etwa gleicher Kalorienzahl. Der synthetische Süßstoff wird daher in viel geringeren Mengen als natürlicher Zucker verwendet und hat deshalb praktisch keine Kalorien. Er regt den Appetit an. Aber anders als natürlicher Zucker bietet er dem Körper nichts, was das Hungergefühl während des Konsums wieder drosselt. Das Gehirn denkt dadurch, dem Körper mangele es an Nährstoffen, da ja der Zucker fehlt – und befiehlt uns, mehr zu essen. So kommen die Kalorien, die durch die Diät-Cola eingespart wurden, über andere Wege in unseren Körper.

 

Kann ein Verpackungsstoff eine Hunger-Attacke auslösen?

Phthalate finden sich u. a. in Weichmachern für Kunststoffverpackungen, in Folien, Tüten und Deckeln. Pthalate sind nicht fest mit dem Plastik verbunden. Der Stoff kann sich z. B. von einem Plastikdeckel lösen und so direkt in den Körper gelangen. Viele der Kunststoffverbindungen ähneln chemisch gesehen den körpereigenen Hormonen, die Hungergefühle auslösen. Das Gehirn wird verwirrt, wenn diese Plastikstoffe den Hormonhaushalt verändern. Die Sättigungshormone werden "ausgeschaltet", der Mensch bekommt Hunger.

 

Wie wird das Gehirn zum Salz-Junkie?

Guanylsäure wird u. a. in Pommes, Soßen und Fertiggerichten verwendet. Der Geschmacksverstärker Guanylsäure entfaltet seine volle Wirkung in stark salzhaltigen Lebensmitteln. Das Problem: "Salz macht süchtig", erklärt Wolfgang Liedtke von der Duke University in North California. Tatsächlich löst Salz im Körper ein Bedürfnis ganz ähnlich einer Drogensucht, etwa nach Opiaten und Kokain, aus. Denn je mehr Salz wir essen, desto mehr Salz fordert das Gehirn. Da Fertignahrungsmittel sehr viel Salz erhalten, damit die Guanylsäure wirkt, werden wir schnell süchtig nach Pizzen, Pommes etc.

 

Kann ein Mikroben-Killer meine Fettzellen verrückt machen?

Tributylzinn ist in Pestiziden und Konservierungsmittel für Holz, Textilien und Glas enthalten. Der Stoff ist für Mikroben und Pilze hochgradig giftig und wird deshalb etwa in Wassersystemen und Brauereien, aber auch bei der Plastikherstellung verwendet. Ist unserKörper Tributyltzinn ausgesetzt, steigt die Anzahl der Fett zellen unkontrolliert. Diese produzieren immer mehr Hormone, die dem Gehirn die Botschaft übermitteln: "Fütter mich!" "Wir nennen solche Stoffe 'Obesogens' – Chemikalien, die Fettleibigkeit fördern", erklärt Bruce Blumberg, Biologe und Zellforscher an der University of California.

 

Macht Fruchtzucker meinen Körper zum Fett-Lager?

Fruktose findet man u. a. in Obst, aber auch als Süßungsmittel in Diätprodukten. Das Gehirn hat eine "Kontrollstelle" im Körper, die bestimmt, was mit aufgenommenem Zucker geschieht. Traubenzucker (Glukose) z. B. wird je nach Bedarf zur Energiegewinnung eingesetzt oder in Fettsäuren verwandelt. Fruktose dagegen kann das Gehirn und seine Kontrollstelle austricksen. Es wandelt sich nicht nur sehr viel schneller in Fett als Traubenzucker, es stimuliert auch die Einlagerung von Fettzellen aus der Nahrung viel stärker als Glukose.

 

Schalten Plastikflaschen meinen Alarmschalter für Übergewicht aus?

Bisphenol A wird bei Beschichtungen von Plastikbehältern, Getränke- und Konservendosen verwendet. Der Stoff unterdrückt das Hormon Adiponectin, das den Körper "instinktiv" vor Gefahren wie Bluthochdruck, schlechten Cholesterinwerten, Diabetes und eben auch Übergewicht schützt. Das Gehirn – und damit der gesamte Körper – ist verwirrt. Durch die Unterdrückung der für die Gewichtskontrolle wichtigen Hormone können wir nicht mehr entscheiden, welche Nahrung gesund für uns ist und welche nicht.

 

Warum dick nicht gleich dick ist

Roberts Arzt hatte ihn gewarnt. Mit 105 Kilo bei eine Körpergröße von 1,79 Meter sei er stark herzinfarktgefährdet. Der 45-Jährige fühlte sich jedoch wohl in seiner Haut, warum sollte er daran etwas ändern? Seit drei Tagen liegt er nun nach einem Herzinfarkt im Krankenhaus, zur Beobachtung. Er habe Glück gehabt, sagt die Krankenschwester. Das kann man von Jörg wiederum nicht behaupten. Wie Robert war auch der 47-Jährige nach einem Herzinfarkt vor wenigen Tagen in die Klinik eingeliefert worden. Die Ärzte verloren den Kampf um sein Leben. Dabei deutete bei Jörgs äußerem Erscheinungsbild nichts auf eine derartige Katastrophe hin. Der Industrietechniker war zwar von der Doppelbelastung Arbeit und Familie extrem gestresst, ging dafür jedoch zweimal pro Woche ins Fitnessstudio, rauchte nicht und wog bei einer Größe von 1,82 Meter 74 Kilo.

Zugegeben, vergleicht man die körperliche Verfassung der beiden Männer, wirken die Krankheitsverläufe irritierend. Tatsächlich haben Studien jedoch ergeben: Dickere Patienten haben bei Herzinfarkten, Nierenversagen und Schlaganfällen tendenziell höhere Überlebenschancen als schlanke. Auch der Auslöser für dieses Gewichtsparadoxon wurde erkannt: Dauerhafter Stress greift ins Betriebssystem des Körpers ein und hat einen massiven Einfluss auf unser Körpergewicht und das Sterberisiko.

Generell unterscheiden Wissenschaftler zwischen zwei verschiedene Stresstypen – und damit auch zwischen zwei verschiedenen Übergewichtstypen: Dem "ausgeglichenen" Stress-Typ A und dem "atemlosen" Stress-Typ B. Wissenschaftler schätzen, dass 80 Prozent der Erwachsenen zu einen dieser beiden Typen gehören. Das bedeutet im Klartext: 4 von 5 Menschen leiden unter derartigem Stress, dass auch ihr Körpergewicht bzw. ihre Körperform davon beeinflusst wird. Die Merkmale – und damit die Indizien, zu welchen der beiden Typen man gehört – bilden sich im Alter zwischen 20 und 30 Jahren heraus. Aber welche sind das genau? Und was passiert bei diesem Umbau im Körper?

 

Stresstyp A – Der Ausgeglichene

Unter Stress – sei es unter beruflichen, privaten oder finanziellen Belastungen – schüttet der Körper das Hormon Cortisol aus. Der "ausgeglichene" Typ A reagiert auf Stress und den damit verbundenen erhöhten Energiebedarf, indem er mehr isst, also mehr Kalorien zu sich nimmt. Dadurch senkt er dauerhaft seinen Cortisolspiegel, und das Stressempfinden lässt nach. Nebeneffekt: Der Mensch wird "überall" dick, setzt also in allen Körperregionen zusätzlich Fett an. Dies entspricht zwar nicht dem (heutigen) körperlichen Idealbild, ist jedoch nach neuestem Stand der Forschung gesünder, als wenn der Körper dauerhaft vom Stresshormon Cortisol umgebaut wird.

 

Stresstyp B – Der Atemlose

Karriere, Beziehungsprobleme, der hohe Kredit der Hausbank: Der "atemlose" Stresstyp B bekommt den anhaltenden Stress nicht in den Griff. Dadurch bleibt auch die Cortisolausschüttung unverändert hoch. Das führt zu einem erhöhten Ernergiebedarf. Folge: Muskel- und Hautgewebe aus Beinen und Armen wird in Fett umgewandelt und sammelt in der Bauchregion, das sogenannte abdominale Fett. Es gilt als besonders gefährlich, dass es das Herzinfarktsowie Krebs und Alzheimerrisiko erhöht. Über die Jahre verändert sich das Erscheinungsbild von Typ B: Er wird an den Gliedmaßen dünner, bekommt jedoch einen Bauchansatz, früher auch "Bierbauch" genannt.

 

Buch-Tipp

Achim Peters: Das egoistische Gehirn, Ullstein Verlag, 330 Seiten, gebundene Ausgabe, 19,99 Euro

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