Hüftdysplasie: Wenn das Baby eine Spreizhose braucht

Dr. med. Nadine Hess

Wer kennt sie nicht, die Bilder auf denen kleine Babys ihre Füße fast in den Mund nehmen können, weil sie so gelenkig sind. Doch bei Kindern, die eine Hüftdysplasie haben, ist dies nicht möglich. Was ist eine Hüftdysplasie? Wie wird sie festgestellt? Und muss operiert werden?

Dr. Nadine Hess
Expertin Dr. Hess: „Kinder, die in Beckenendlage gelegen haben, haben ein höheres Risiko für eine sogenannte Hüftdysplasie.“ © Fotolia
 

Das sagt die Kinderärztin Dr. Nadine Hess

Kürzlich stellte sich eine Mutter mit Ihrer neugeborenen Tochter vor. Das Kind war putzmunter, die Vorsorgeuntersuchung U3 (die erfolgt, sobald das Baby drei bis vier Wochen alt ist) war komplett zufriedenstellend verlaufen – nur eine Sache machte mir Sorgen: Die Hüfte des Babys.

 

Untersuchung der Hüfte

Zur U3 gehört nicht nur eine klinische Untersuchung der Hüfte (hierbei wird nach der Beweglichkeit der Hüfte geschaut, ebenso wird kontrolliert ob die Pobacken symmetrisch sind oder es andere Auffälligkeiten gibt), sondern es erfolgt auch eine Ultraschalluntersuchung beider Hüftgelenke.

 

Wenn das Kind „verkehrt herum“ liegt

Die Mutter berichtete, dass Ihre Tochter durch einen geplanten Kaiserschnitt zur Welt kam, da sie „anders herum“ im Bauch lag. Also nicht mit dem Kopf voran, sondern in einer sogenannten Beckenendlage. Da es ihr erstes Kind war, wurde ein Kaiserschnitt empfohlen. Es gibt nur wenige Kliniken, die bei einer Erstgebärenden eine Spontangeburt aus der Beckenendlage durchführen, da die hierbei möglicherweise entstehenden Komplikationen für Mutter und Kind den meisten Kliniken zu groß sind.

Eine Geburt aus Beckenendlage ist nicht risikofrei. Sie sollte nur dann durchgeführt werden, wenn das Geburtshelferteam sich mit dieser besonderen Geburtslage und den möglichen Komplikationen auskennt. Auch bei Zweit- oder Mehrgebärenden, bei denen das Becken durch die vorangegangenen Geburten schon vorgedehnt ist, empfehlen die meisten Kliniken einen Kaiserschnitt, um für Mutter und Kind kein Risiko einzugehen.

 

Mit der Beckenendlage steigt das Risiko für eine Hüftdysplasie

Kinder, die in Beckenendlage gelegen haben, haben ein höheres Risiko für eine sogenannte Hüftdysplasie. Diese kann, wenn sie nicht rechtzeitig erkannt wird, einen dauerhaften Schaden für das Kind bedeuten. Der Begriff „Hüftdysplasie“ ist eine Sammelbezeichnung für angeborene oder erworbene Fehlstellungen der Hüftgelenke bei Neugeborenen. Dabei ist der Hüftkopf nicht richtig in der Hüftpfanne eingebettet.

Bei meiner kleinen Patientin war der Mutter bereits aufgefallen, dass sie das linke Beinchen beim Wickeln nicht so weit zur Seite drehen konnte, was das Säubern des Popos schwierig machte. Außerdem bewegte die Kleine das linke Bein nicht genau so, wie das rechte.

Kleines Baby bei der Vorsorgeuntersuchung
Wird eine Hüftdysplasie bei einem Baby nicht rechtzeitig erkannt und behandelt, kann dies einen dauerhaften Schaden für das Kind bedeuten© Fotolia
 

Wenn der Hüftkopf aus der Hüftpfanne herausrutscht

In der klinischen Hüftuntersuchung bestätigte sich, was die Mutter berichtet hatte – das linke Bein wies eine sogenannte Abspreizhemmung auf – das beutet, das sich das Bein nicht wie normal in gebeugter Kniestellung nach außen drehen lies.

Die kurz darauf durchgeführte Ultraschalluntersuchung bestätigte meinen Verdacht – es lag eine sogenannte ausgeprägte Hüftluxation, eine Form der Hüftdysplasie, vor. Bei einer Hüftluxation ist der Hüftkopf komplett aus der Hüftpfanne herausgerutscht. Das kleine Mädchen musste rasch einem Kinderorthopäden vorgestellt und mit einer sogenannten Spreizhose versorgt werden.

 

Was bewirkt eine Spreizhose?

Bei einer Spreizhose handelt es sich um eine gepolsterte Kunststoffschale, die zwischen den Beinen des Kindes angebracht wird. Sie wird über der Kleidung getragen und nur zum Wickeln und Baden abgenommen.

Zwar sieht eine Spreizhose nicht schön aus, aber durch die Behandlung mit einem solchen Hilfsmittel ist es möglich, dass die Beine im gewünschten Winkel gespreizt werden und der Hüftkopf wieder in der Hüftpfanne fixiert werden kann, ohne das eine Operation notwendig ist. Zusatzeffekt: Bänder, Muskeln und Sehnen werden gedehnt, sodass sie den Gelenkkopf nicht mehr aus der Hüftpfanne ziehen.

Wie lange die Spreizhose bei den kleinen Patienten notwendig ist, ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Meistens muss man sich aber auf einige Monate einstellen. Auch wenn es für die Eltern schwer vorstellbar ist, Babys gewöhnen sich sehr schnell an diese Behandlung. Sehr selten ist auch statt einer Spreizhose eine Gipsbehandlung notwendig. Aber auch hier gewöhnen sich die Kinder schnell daran und es ist für sie viel weniger schlimm, als die Eltern denken.

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