Homöopathie bei ADHS statt Ritalin?

Mädchen mit ADHS
Kinder mit ADHS sind häufig aufgekratzt. Ruhig gestellt wurden sie meist mit Ritalin. Experten haben jetzt Alternativen zu Ritalin gefunden © Fotolia

ADHS-Kinder werden häufig mit Ritalin behandelt. Doch das Medikament, das direkt aufs Gehirn einwirkt und die Konzentration steigern soll, ist umstritten. Experten haben nun Alternativen zu Ritalin gefunden. Was Homöopathie bei ADHS bewirkt und welche Vorteile sie hat, verraten Dr. Frei und Dr. von Ammon bei Praxisvita.

Brauchen wir wirklich Alternativen zu Ritalin?

Dr. von Ammon: Geben Sie mal „Ritalin“ bei Google ein – Sie werden sofort etliche kritische Beiträge lesen über dessen Risiken und Nebenwirkungen. Denn Ritalin beeinflusst das zentrale Nervensystem des Kindes und hat dadurch Auswirkungen auf sein gesamtes Verhalten. Hinzu kommen die Langzeitfolgen des Medikaments. Womit die Kinder auf lange Sicht rechnen müssen, wissen wir heute nicht genau. Ziemlich sicher ist aber bereits, dass Ritalin Stoffwechselstörungen und Bluthochdruck verursachen kann. Eltern von verhaltensauffälligen Kindern sind also zurecht skeptisch und fordern Alternativen zu Ritalin.

Dr. Frei: Hinzu kommt, dass etwa 20 Prozent der Kinder Ritalin nicht vertragen. Es dämpft ihren Appetit, sie bekommen Kopfschmerzen, fühlen sich schlecht und sind teilnahmslos. Bei wieder anderen wirkt das Medikament wie ein Aufputschmittel, die Kinder kommen abends nicht zur Ruhe, können nicht einschlafen. Bei ihnen ist Ritalin fehlindiziert, sie brauchten eigentlich eine ganz andere Therapie.

Kinderarzt Dr. Frei
Kinderarzt Dr. Heiner Frei: „Homöopathie braucht Zeit. Aber sie wirkt.“© privat

Was empfehlen Sie statt Ritalin?

Dr. Frei: Ich behandle alle ADHS-Kinder bei mir in der Praxis immer zuerst mit homöopathischen Mitteln.

Warum Homöopathie bei ADHS?

Dr. Frei: Homöopathie wirkt – ohne das Kind in seiner Persönlichkeit zu verändern. Und die Kinder und Eltern müssen keine Angst vor Nebenwirkungen oder Spätschäden haben. Das sind doch sehr überzeugende Argumente. Wir behandeln ADHS-Kinder seit über 20 Jahren homöopathisch. Bereut habe ich das noch nie. Wenn man als Arzt allerdings Ritalin verschreibt, muss man sich immer fragen: Hätte es vielleicht doch noch einen anderen Weg gegeben, dem Kind auf sanftere Weise zu helfen?

Dr. von Ammon: Ritalin wird in erster Linie für das Umfeld verschrieben, wenn die Schule massiven Druck ausübt und die Eltern einfach nicht mehr weiterwissen. Natürlich wird auch dem Kind geholfen, weil es durch das Medikament weniger auffällig ist und deshalb weniger Probleme hat. Aber mit den Nebenwirkungen – den Schlafstörungen, den Kopfschmerzen, der Appetitlosigkeit –, damit müssen die Kinder klarkommen, nicht das Umfeld. Ich finde es viel wichtiger, in erster Linie an das Kind zu denken. Das soziale Umfeld kommt für mich erst an zweiter Stelle. Homöopathische Mittel helfen den Kindern, ohne dass sie einen hohen Preis dafür zahlen müssen. Und wir können damit alle Kinder behandeln, unabhängig davon, ob sie ADHS oder ADS haben. Also auch diejenigen, die nicht hyperaktiv sind, aber Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen haben. Es gibt hier keine Fehlindikationen – ist das richtige homöopathische Mittel bei ADHS gefunden, wird es dem Kind helfen. Bis eine Besserung eintritt, kann es allerdings drei bis sechs Monate dauern. Und so lange müssen sich Eltern, Lehrer und alle anderen eben gedulden.

Homöopathie verändert die Persönlichkeit von ADHS-Kindern nicht
Homöopathie bei ADHS wirkt – ohne das Kind in seiner Persönlichkeit zu verändern© Fotolia

Hilft Homöopathie allen ADHS-Kindern?

Dr. Frei: Nicht jedem. Zumindest nicht ausreichend. Mit unserer Studie konnten wir belegen, dass etwa 75 Prozent der ADHS/ADS-Kinder langfristig allein mit Homöopathie erfolgreich behandelt werden können.

Dr. von Ammon: Das bedeutet aber nicht, dass es bei den anderen 25 Prozent gar nicht wirkt. Bei der homöopathischen Behandlung sind wir sehr auf den Austausch mit den Eltern und deren Wahrnehmungen angewiesen. Wenn wir fragen „Haben sich die Symptome in den letzten drei Wochen verändert?“, verneinen sie vielleicht. Sie sehen, dass ihr Kind immer noch nicht „normal“ ist, dass die Konzentration nach wie vor schneller nachlässt. Aber sie haben womöglich nicht mehr vor Augen, wie schlimm es vor Beginn der Behandlung war. Sie vergleichen den aktuellen Status nicht mit der Ausgangssituation, sondern sehen nur, dass noch Beschwerden vorhanden sind – und bewerten eine Verbesserung dementsprechend zurückhaltend.

Ob Homöopathie bei ADHS wirkt, entscheidet also die Wahrnehmung der Eltern?

Dr. von Ammon: Nein, so vereinfacht kann man das nicht sehen. Aber der Behandlungserfolg ist sehr stark abhängig von den Eltern und ihrer Bereitschaft, uns zu unterstützen. Nur wenn sie ihre Kinder genau beobachten, uns im Detail Symptome schildern und jede Veränderung mitteilen, können wir das beste homöopathische Mittel bei ADHS in der passenden Dosis finden. Das erfordert Vertrauen, Zuwendung und Kooperationsbereitschaft.

Dr. Frei: Bei einem Medikament wie Ritalin bemerken Sie die Veränderungen des Kindes sofort – kurz nach der ersten Einnahme. Das ist wie ein Schalter, den man umlegt. Homöopathie hingegen braucht Zeit. Die Symptome verringern sich langsam, aber stetig. Das verlangt dem Umfeld und insbesondere den Eltern und Lehrern Geduld ab. Der Behandlungserfolg hängt auch von deren Durchhaltevermögen ab: Sie müssen bereit sein, der Homöopathie bei ADHS eine Chance zu geben.

Und Globuli sind eine Alternative zu Ritalin, weil die Symptome damit komplett verschwinden?

Dr. Frei: Es werden sich nicht alle Symptome in Luft auflösen. Sie verringern sich um durchschnittlich 63 Prozent. Das mag vielleicht nicht ausreichend klingen für jemanden, der 100 Prozent erwartet. Aber die werden sie auch mit Ritalin nicht bekommen. Kinder mit ADHS oder ADS haben Probleme mit der Verarbeitung von Sinnesreizen. Wenn wir durch die Therapie die Reizverarbeitung verbessern, verringern sich ihre Symptome. Aber ihre Persönlichkeit wird sich nicht ändern. Sie werden vielleicht immer noch lebhaft sein, aber sie schaffen es besser, sich in der Schule zu konzentrieren. Und sie bleiben immer sie selbst. Wir geben ihnen allerdings die Chance, sich altersgerecht zu entwickeln, indem wir ihre Defizite verringern.

Ritalin bei ADHS
Mittlerweile verschreiben Ärzte Ritalin eher zurückhaltend – vor allem, weil Eltern häufig skeptisch sind© Fotolia

Wie wirkt denn Homöopathie bei ADHS genau?

Dr. von Ammon: Bei ADHS denken viele Eltern anfangs, das Kind habe eine Art körperliche Störung, die es dazu veranlasst, sich so viel zu bewegen. Da liegt der Gedanke nahe, dass eine medikamentöse Ruhigstellung die richtige Lösung ist, damit die Kinder den Schultag gut meistern können. Das ist allerdings ein Irrglaube. Bei ADHS handelt es sich nicht um einen physiologischen Defekt. Das Problem besteht darin, dass die Verarbeitung von Reizen im Gehirn gestört ist. Das richtige homöopathische Mittel bei ADHS wird das kindliche Gehirn unterstützen, diesen Prozess zu verbessern – es wird aber niemals die Persönlichkeit unterdrücken oder „umprogrammieren“.

Haben Sie Beispiele?

Dr. Frei: Nehmen wir einen Jungen mit ADHS, dessen Reizselektion vermindert ist. Alles, was um ihn herum passiert, prasselt ungefiltert auf ihn ein. Er ist einer ständigen Reizüberflutung ausgesetzt, die letztendlich für seine Konzentrationsprobleme verantwortlich ist. Hier fördert das homöopathische Mittel – vereinfacht gesagt – seine Fähigkeit, Reize zu selektieren. Dadurch kann der Junge seine Aufmerksamkeit besser fokussieren. Ein anderer Junge hat Schwierigkeiten, die eintreffenden Reize entsprechend zu verarbeiten, weil die Koordination der beiden Hirnhälften nicht ausreichend funktioniert. Damit ist es für ihn schwierig, auf die jeweiligen Sinnesreize angepasst zu reagieren. Hier wird das homöopathische Mittel die Koordination im Gehirn fördern. Wie das funktioniert, wissen wir nicht. Wir können die Wirkmechanismen der Homöopathie derzeit nicht erklären, weil wir sie noch nicht kennen. Wir wissen nur, dass sie wirkt.

Sehen andere Schulmediziner das genauso?

Homöopathie hilft Kindern mit ADHS
Studien bescheinigen Homöopathie eine erstaunliche Wirkung bei Kindern mit ADHS© Fotolia

Dr. Frei: Leider nein, der Großteil hält Homöopathie für Humbug. Homöopathische Mittel werden potenziert, also stark verdünnt. Tatsächlich ist am Ende eventuell kein Molekül der Ausgangssubstanz mehr in den Globuli. Für Schulmediziner liegt da klar auf der Hand: Wo nichts drin ist, kann auch keine Wirkung auftreten. Nachgewiesene Behandlungserfolge führen sie allein auf den Placebo-Effekt zurück – eine Besserung, die eintritt, weil der Patient sie erwartet. Dass Homöopathie bei ADHS etwas bewirken und heilen kann, halten die meisten Schulmediziner für unwahrscheinlich. Deshalb haben wir die Studie nach streng wissenschaftlichen Kriterien durchgeführt und von der Universitätskinderklinik verifizieren lassen. Bei den beteiligten Ärzten hat das schon ein Umdenken bewirkt.

Dr. von Ammon: Es haben über 60 Kinder mit einer ADHS-Diagnose teilgenommen, die zuvor ausschließlich von nichthomöopathischen Ärzten betreut wurden. Abgesehen von der Bestimmung des richtigen Mittels, kam kein Homöopath zum Einsatz. Alle Kinder haben während der Studie abwechselnd Placebos und das jeweilige homöopathische Medikament erhalten. Neurologen haben die Veränderung der Symptome währenddessen protokolliert. Das Ergebnis der Studie beruht allein auf Feststellungen von Schulmedizinern – und im Gegensatz zur Placebogruppe verbesserten sich jeweils unter homöopathischer Behandlung bei 75 Prozent der Kinder die Symptome deutlich, also um mehr als 50 Prozent.

Auch wenn Homöopathie wirkt: Gibt es Fälle, wo Ritalin die bessere Wahl ist?

Dr. Frei: Ich sehe Ritalin nur als Notfallmedikament, wenn schnell eine Wirkung eintreten muss. Etwa, weil das Kind sonst von der Schule fliegt oder weil die Eltern am Ende ihrer Kräfte sind. Dann würde ich allerdings immer empfehlen, parallel zum Ritalin mit der homöopathischen Behandlung zu beginnen. Sobald diese Mittel wirken, kann man das Ritalin langsam reduzieren und schließlich absetzen.

Dr. von Ammon: Für mich steht immer das Kind im Mittelpunkt. Hat es große Probleme und braucht schnell Hilfe, würde ich ihm niemals die letzte Option, also Ritalin, verweigern.

Im Interview:

Dr. Heiner Frei ist Kinderarzt und Homöopath mit eigener Praxis in Laupen (Schweiz). Website: www.heinerfrei.ch/praxis/

Dr. von Ammon ist Neurochirurg und Homöopath, vom Institut für Komplementärmedizin an der Universität Bern.

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