Höhenkrankheit, Brüche und Blasen: Ärztin im Himalaya

Bergsteiger, die an der Höhenkrankheit leiden, kommen für mehrere Stunden in eine tragbare Unterdruckkammer.
Bergsteiger, die an der Höhenkrankheit leiden, kommen für mehrere Stunden in eine tragbare Unterdruckkammer. Hier normalisiert sich der Sauerstoffgehalt im Blut wieder © Corbis

Im Himalaya-Gebirge leitet Dr. Luanne Freer eine medizinische Notfallstation in 5300 Meter Höhe. Bei Praxisvita erzählt sie ihre Geschichte.

Der Wind peitscht um das grüne Zelt. Sorgfältig überprüft die zierliche Frau ein Sauerstoffgerät, Verbandsmaterial und Medikamente. Sie trägt einen dicken Anorak und ein warmes Stirnband, ihre Nase leuchtet rot vor Kälte. Luanne Freer ist Ärztin – und leitet die höchst gelegene Notfallstation der Welt, in 5300 Meter Höhe am Fuße des Mount Everest (8850 Meter).

 

Höhenkrankheit beginnt mit Kopfschmerzen

"Ich behandle Bergsteiger mit Husten und gebrochenen Beinen", erzählt die Amerikanerin, die immer schon jede freie Minute im Gebirge verbrachte, "aber natürlich auch Kletterer, die an der Berg- oder Höhenkrankheit leiden. Sie ist lebensgefährlich!" Die "Akute Bergkrankheit", beginnend mit leichtem Kopfweh und Übelkeit, kann sich in wenigen Stunden zu einem Höhenhirnödem (HACE) entwickeln. Ohne Behandlung führt es rasch zum Tod! Das Höhenlungenödem wiederum macht einen Abstieg unmöglich.

Für Dutzende Bergsteiger wurde Luanne in ihrem Zelt mit den drei Liegen und medizinischem Gerät zum Rettungsengel. Auch für den Deutschen Norbert M. , wie sie ihn aus Datenschutzgründen nennt, der sich, wie viele, überschätzt hatte. Je höher er und sein Begleiter, ein erfahrener Kletterer vom Stamm der Sherpa, stiegen, umso stärker wurden seine Kopfschmerzen. Er sah doppelt, übergab sich. Wenig später fiel der 30-Jährige ins Delirium. Der Sherpa wusste: HACE! Er schleppte den Kranken zu Dr. Freer. "Ich steckte ihn sofort in einen Gammo Bag", erzählt die Ärztin. Das ist ein länglicher Sack, der wie eine Unterdruckkammer funktionert. Er wirkt, als befinde sich der Patient auf niedriger Höhe. Nach 45 Minuten ging es Norbert besser. Doch die Angst blieb – er konnte keine Flüssigkeit bei sich behalten. Luanne legte eine Infusion. Erst zwölf Stunden später war klar: Norbert überlebt. Er hatte Riesenglück: 90 Prozent aller HACE-Patienten sterben am Berg.

 

Immer mehr Leichtsinne strömen auf den Berg

Deshalb war es der Ärztin, die schon in den USA leitende Positionen innehatte, so wichtig, 2003 zum 50. Jahrestag der Erstbesteigung des Mount Everest eine Notfallstation zu errichten: Es war zu erwarten, dass viele leichtsinnige Abenteurer aufs Dach der Welt strömen würden. Nach erstem Zögern willigte die Rettungsgesellschaft "Himalayan Rescue Association" in Luannes Plan ein und stellte der Medizinerin 30 000 Dollar Startkapital zur Verfügung. In der Nähe der Notfallstation hat sich die mutige Frau ein kleines Wohnzelt aufgebaut. Gemütlich ist es dort oben kaum. Wirft der Berg seinen Schatten aufs Lager, herrscht Eiseskälte. Scheint die Sonne, wird es in den Zelten bis zu 40 Grad heiß. Doch zumindest Gesellschaft hat Luanne: Sie trifft sich nach der Arbeit oft mit ihren zwei Helfern im Mannschaftszelt, wo ein Ofen steht. Dort lauschen sie dann den Lawinen, die oben am Mount Everest donnern.

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