Höhenangst: Kann sie überwunden werden?

Wenn Höhe mit einer unüberwindbaren Angst verbunden ist, kann das für Betroffene zur großen Qual werden. Menschen mit Höhenangst empfinden eine extreme Furcht vor dem Blick in die Tiefe. Bei den einen reichen ein paar Stufen aus, bei anderen äußern sich die Symptome erst am Felsvorsprung. Zu den möglichen Folgen gehören Schwindel, Schweißausbrüche oder Zittern. Kann man Höhenangst überwinden?

Blick auf eine Treppe von oben
Höhenangst kann behandelt werden Foto: istock/urbanglimpses

Im Gespräch: Expertin Marjenka Schuster, Chefärztin der Psychosomatik in Essen in der MEDICLIN Fachklinik Rhein-Ruhr, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie sowie Fachärztin für Physikalische und Rehabilitative Medizin.

Ab wann spricht man von Höhenangst?

Wer Höhe als unangenehm wahrnimmt, der leidet noch nicht automatisch unter Höhenangst, auch Akrophobie genannt. Nicht bei jedem zeigen sich mit der Furcht auch spezifische Symptome. „Der Übergang von schützender Angst und nicht mehr verhältnismäßiger Angst ist fließend”, sagt Marjenka Schuster, Chefärztin der Psychosomatik in Essen in der MEDICLIN Fachklinik Rhein-Ruhr. „Es kann schon von Höhenangst gesprochen werden, wenn jemand Leid beim Besteigen einer Haushaltsleiter erfährt.” Somit ist nicht die absolute Höhe das Maß, sondern die persönlich erlebte Ausprägung der Angst.

Bei der Höhenangst handelt es sich um eine Angsterkrankung, die sich auf benennbare Situationen oder Objekte bezieht. Sie zählt damit zu den Phobien und ist behandlungsbedürftig. Und wie? “Behandelt wird in der ganztägigen ambulanten psychosomatischen Rehabilitation – und zwar die Einschränkung der Wegefähigkeit, um die Teilhabe am Leben zu verbessern”, so Schuster.

Höhenangst und Höhenschwindel – darin liegt der Unterschied

Zwei Begriffe, die sich ähneln – und vielleicht sogar dasselbe meinen? Nein, hier besteht Differenzierungsbedarf. Höhenschwindel (auch: Entfernungsschwindel oder Vertigo Syndrom) ist eine Gleichgewichtsstörung, die sich durch ein leichtes Schwanken des Körpers äußert. „Der Höhenschwindel ist zunächst ein Normalphänomen, welches dadurch entsteht, dass die Augen dem Gehirn keinen festen Orientierungspunkt mehr liefern und der Gleichgewichtssinn dies nicht ausgleichen kann”, erklärt die Chefärztin. Die körperliche Symptomatik ähnelt der Seekrankheit. Diese Art der Gleichgewichtsstörung tritt auf, weil das Gehirn widersprüchliche Informationen von den Sinnesorganen erhält. Bei geschlossenen Augen verschwindet der Schwindel meist wieder von selbst. Das Gehirn bekommt dann keine widersprüchlichen Informationen mehr vermittelt. Ängstlichen Menschen kann es passieren, dass der schwere Schwindel Höhenangst auslöst.

Höhenangst wie auch andere Phobien beginnen mit bewertenden Gedanken, die Angst verursachen. Die Situation wird also wahrgenommen und als gefährlich eingestuft. Selbst, wenn derjenige genau weiß, dass keine Gefahr besteht, kann das große Angstgefühl nicht aus eigener Kraft verlassen werden.

Die Flugangst gehört ebenfalls zu den spezifischen Phobien und tritt meist gepaart mit der Klaustrophobie auf, der Angst vor geschlossenen Räumen. “Wer unter Flugangst oder Klaustrophobie leidet, ist oft in seiner Bewegungsfreiheit stark eingeschränkt”, sagt Schuster. Dabei lasse sich auch diese Phobie sehr gut therapeutisch behandeln.

Mögliche Ursachen der Höhenangst

Wie bei vielen anderen Angststörungen sind negative Gedanken die Auslöser des starken Angstgefühls. Die Gedanken können so sehr außer Kontrolle geraten, dass es zu einer unangenehmen Panikattacke kommen kann. Aber: Die Höhenangst ist kein seltenes Phänomen, denn sie sichert evolutionär gesehen unser Überleben. Ein gewisses Maß an Respekt vor Höhen ist uns also quasi in die Wiege gelegt worden. Ein natürlicher Schutz sozusagen. „Die durchlebten Erfahrungen eines Menschen können zur Entwicklung einer Höhenangst beitragen. Es wird allgemein von einer individuellen Vulnerabilität – anders gesagt: Verletzlichkeit – der Betroffenen ausgegangen”, berichtet Schuster.

Die Akrophobie wird in den meisten Fällen von einer Vorgeschichte in der Biografie des Betroffenen begleitet. Das kann etwa ein Schreckensmoment sein, den man in der Vergangenheit erlebt hat. Es findet eine gewisse Art der Konditionierung statt. Der aktuell stattfindende Blick in die Tiefe wird mit einer unangenehmen Erinnerung verknüpft. Hinzu kommt meist noch das erschütternde Wissen, dass ein tiefer Sturz durchaus tödlich sein kann.

Symptome der Höhenangst

Menschen mit Höhenangst empfinden eine unnatürlich starke Furcht vor Höhen beziehungsweise vor dem Blick in die Tiefe. Sich vom Boden zu entfernen, ist für Betroffene schwer zu ertragen. Daher vermeiden sie solche Situationen meistens gänzlich. „Da, wo andere den Ausblick genießen, erleben sie Angst, Schwitzen und Herzklopfen”, erklärt Expertin Schuster. In solchen Situationen können körperliche sowie auch psychische Symptome auftreten.

Zu den typischen, körperlichen Anzeichen gehören beispielsweise:

  • Atembeschwerden / Atemnot
  • Herzklopfen
  • Zittern
  • Hitze und Schwitzen
  • Mundtrockenheit
  • Beklemmungsgefühle in der Brust
  • Kloß im Hals
  • Schwindelgefühl
  • Innere Unruhe

Das sind mögliche psychische Anzeichen:

  • Angsterfüllte Gedanken
  • Todesangst
  • Die Befürchtung, aus dem Gleichgewicht zu geraten oder gar abzustürzen
  • Das Gefühl, in die Tiefe gezogen zu werden

„Psychisch treten ängstliche Gedanken bis hin zur Todesangst auf. Betroffene haben häufig große Angst, aus dem Gleichgewicht zu kommen und abzustürzen.” Symptomauslösend können bei manchen Menschen schon bei ein paar Stufen auf der Leiter sein.

Therapie: So lässt sich Höhenangst behandeln

Betroffenen erscheint es in den meisten Fällen so, als würde kein Weg aus der Höhenangst führen. Doch das stimmt nicht. Es gibt wirkungsvolle Behandlungsmöglichkeiten. Spezifische Phobien werden in der Regel psychotherapeutisch behandelt. „Das verhaltenstherapeutische Vorgehen ähnelt der Hyposensibilisierung bei Allergien. Es wird die kleinste verträgliche Dosis an Konfrontation ermittelt, um jederzeit sich selbst vertrauen zu können. Beziehungsweise, dass sie stärker sind als die Angstbedrohung”, so die Chefärztin.

Somit sei die Expositionstherapie oder auch Konfrontationstherapie im Rahmen der kognitiven Verhaltenstherapie sehr effizient. Die Methodik kann variiert werden. “Bei lähmender Panik bewährt sich die Simulation der gefürchteten Situation. Die Betroffenen erleben dann, dass sich Befürchtungen nicht bewahrheiten und die Angst allmählich abnimmt”, erklärt Schuster weiter. Mithilfe von Atemübungen können Therapeuten den Betroffenen anleiten, mit der Angstattacke umzugehen. Ja, um sich zu beruhigen. „Durch wiederholtes Auseinandersetzen mit der angsteinflößenden Situation ist es möglich, die Höhenangst zu besiegen.”

Sofort-Tipps, die Betroffenen helfen können

Es gibt Sofortmaßnahmen, die Betroffene ohne weitere Vorbereitung durchführen können und die sofort Linderung bringen. Diese von Chefärztin Marjenka Schuster empfohlenen Übungen helfen dabei, die Höhenangst in brenzligen Situationen zumindest kurzzeitig beiseitezuschieben:

  1. Atemübung: “Tief Ein- und Ausatmen, schließlich haben Sie Ihre Lunge immer dabei. Symptomunterbrechend wirkt sich die bewusste Steuerung der Atemtiefe aus”, so die Expertin.
  2. Realitätsabgleich: “Wenn Sie geübt sind, können Sie gleichzeitig mit der Realitätsprüfung starten. Sie schärfen Ihre fünf Sinne, indem Sie ihre direkte Umgebung sinnlich wahrnehmen.”

Grundsätzlich gilt: Je früher mit einer psychotherapeutischen Behandlung begonnen wird, desto besser. Wenn es nicht erkannt oder die Behandlung aufgeschoben wird, können sich die Symptome verschlimmern. Eine Verhaltenstherapie hat gute Erfolgschancen, auch wenn es sich am Anfang als unlösbare Aufgabe anfühlen mag. Leider warten viele Menschen mit Höhenangst viel zu lange mit einer Therapie und vermeiden so lange die Höhe. Doch das Vermeiden kann die Angst sogar noch verstärken. So kann schon eine Autobahnbrücke oder die zweite Stufe der Leiter zur Mutprobe werden.

Quellen: