HIV – das Geheimnis der Elite Controller

Rasmus Cloes

Ein französisches Mädchen, das sich bei der Geburt mit HIV infiziert hat, ist kerngesund – auch wenn sie seit über zehn Jahren keine Medikamente mehr nimmt. Langsam entdecken Wissenschaftler, was für eine wichtige Rolle das Immunsystem beim Kampf gegen das tödliche Virus spielt.

Das HI-Virus konnte nicht mehr im Blut des Mädchens entdeckt werden, seit sie 21 Monate alt war, berichteten französische Forscher am Montag auf der International AIDS Society conference in Vancouver, Kanada. Heute ist sie über 18 Jahre alt und verzichtet seit 12 Jahren auf HIV-Medikamente.

„Das Mädchen ist in Remission“, sagt Asier Sáez-Cirión, der den Fall des Mädchens vorgestellt hat. Es sei nicht von der Krankheit geheilt, betont der Assistenzprofessor am Pasteur Institut in Paris. Remission bedeutet, dass Krankheitssymptome dauerhaft oder zweitweise verschwinden – aber nicht die Krankheit selber.

 

Immunität gegen HIV?

Für die Wissenschaft ist der Fall aus einem Grund besonders interessant: Es gibt keinen offensichtlichen Grund, warum das Mädchen die Krankheit kontrolliert. Als eine mögliche Ursache nennt Sáez-Cirión, dass das Kind zwar direkt nach der Geburt HIV-Medikamente bekam, kurze Zeit später (im Alter von sechs Wochen bis drei Monaten) die Gabe aber für einige Wochen unterbrochen wurde. Seine Vermutung: Vielleicht hat das Kind in diesem frühen Stadium seines Lebens eine Immunität gegen das Virus entwickelt.

Im Jahr 2013 berichteten Wissenschaftler von einem ähnlichen Fall, dem sogenannten „Mississippi girl“. Dabei versuchten Ärzte die Infektion zu unterdrücken, indem sie das Mädchen direkt nach der Geburt – die Mutter war HIV-positiv – mit der antiretroviralen Therapie behandelten. Scheinbar mit Erfolg: Blutproben, die direkt nach der Geburt entnommen wurden, zeigten noch Spuren der Krankheit – spätere Tests fielen negativ aus. Die Ärzte feierten, dass sie eine wirksame Heilung gegen HIV gefunden hätten. Doch 27 Monate später fanden sich im Blut des Kindes wieder erste Viren. Die Euphorie wich Enttäuschung.

 

Das Geheimnis der Elite Controller

Im aktuellen Fall können die Ärzte auch nicht mit Sicherheit sagen, wie lange die Remission anhält. Sáez-Cirión sieht aber Ähnlichkeiten zu sogenannten „Elite Controllers“. Zu dieser Gruppe zählen maximal ein Prozent der HIV-Infizierten. Ihr Körper schafft es, das Virus dauerhaft zu kontrollieren. Die Virenkonzentration in ihrem Blut bleibt auf einem sehr niedrigen Level, sie erkranken nicht an AIDS und benötigen keine Medikamente.

Seit Jahren versuchen Wissenschaftler, dem Geheimnis der Elite Controller auf die Spur zu kommen. Bislang mit mäßigem Erfolg. Die einzig sichere Erkenntnis: Ihr Immunsystem reagiert auf die Infektion mit einer starken, HIV-spezifischen Antwort der sogenannten T-Zellen. Diese sind besonders wichtig für eine Immunantwort des Körpers auf Krankheiten - und normalerweise das erste Opfer des HI-Virus. Doch bei den Elite Controllers scheinen sie die Gefahr rechtzeitig zu wittern und kommen der Attacke zuvor. So können sie die Virenkonzentration konstant gering halten. Verantwortlich für diese besondere Fähigkeit ist vermutlich eine besondere Ausprägung des „humanen Leukozytenantigen-Systems“. Das ist eine Gruppe menschlicher Gene, die bestimmt, wie das Immunsystem arbeitet. 

 

Können alle Elite Controller werden?

Eine französische Studie versucht jetzt, das Wissen über Elite Controller zu nutzen, um anderen HIV-Patienten zu helfen. Zwar können die Forscher noch nicht die körpereigene Abwehr der Elite Controller kopieren, doch sie haben einen anderen Weg gefunden, das Immunsystem der Betroffenen zu nutzen: Direkt, nachdem sich diese angesteckt hatten, gaben ihnen die Wissenschaftler eine hohe Dosis antiretroviraler Medikamente und drückten so die Virenlast auf ein sehr niedriges Niveau. Danach setzten sie die Medikamente ab.

Das ist jetzt zehn Jahre her – und noch immer lassen sich fast keine Viren in ihrem Körper nachweisen. Ihr Immunsystem beherrscht die tödliche Krankheit. Ärzte sprechen in einem solchen Fall von einer funktionellen Heilung. Wie lange sie anhält, lässt sich nicht sagen.

Vermutlich wird die Remission des französischen Mädchens einen ähnlichen Grund haben. Der Arzt Sáez-Cirión ist bei seiner jungen Patientin optimistisch: Je länger Menschen in Remission sind, desto höher die Chance, dass es auch so bleibt. Er glaubt, sie könne mit etwas Glück ein langes und gesundes Leben genießen.

Hamburg, 21. Juli 2015

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