Hilfe, ich habe Halluzinationen!

Zusammenhalt trotz Halluzinationen
Henriette wurde aufgrund ihrer Halluzinationen in der Psychiatrie behandelt. Heute ist ein normales Leben mit ihrem Mann wieder möglich © Fotolia

Henriette Bruhns war 28, als sie plötzlich Halluzinationen bekam. Immer weiter entfernte sie sich von der Wirklichkeit – und ihrer Familie. Hier erzählen sie und ihr Mann, wie sie gemeinsam einen Weg zurück fanden.

Henriette Bruhns (46)*:

 

"Es war Thomas’ Geduld, die mich trotz Halluzinationen ins Leben zurückholte"

,,Ich war 28 – und mein Leben schien perfekt. Ich war verheiratet, wir hatten einen süßen vierjährigen Sohn. Und ich konnte mir meinen Traum verwirklichen: Ich studierte Kunst! Doch an diesem Wintertag brach meine Welt zusammen.

Ich kam morgens in den Seminarraum an der Kunstschule. Plötzlich hatte ich das Gefühl, dass alle mich voller Hass anstarrten und mit giftigen schwarzen Pfeilen auf mich schossen. Ich spürte, wie diese Pfeile meinen Körper durchbohrten. Heute weiß ich: Das war meine erste Halluzination. Aber damals war der Angriff für mich Wirklichkeit. Ich hatte Todesangst, rannte davon.

Was sollte ich tun? Meinem Mann etwas davon erzählen? Nein, das ging nicht. Ich rutschte immer weiter in meine Wahnvorstellung hinein. War davon überzeugt, dass ich meinen Mann nicht mehr liebte. Stattdessen gab es für mich nur noch meinen Kunstlehrer. Dabei gab es nichts zwischen ihm und mir – keine Treffen, keine Beziehung. Trotzdem steigerte ich mich in den folgenden Wochen in diese Gefühle hinein. Ständig erzählte ich meinem Mann von ihm – und merkte dabei überhaupt nicht, wie weh ihm das tat. Holger, glaubte ich, war meine Bestimmung. Um mich herum bildeten sich geheimnisvolle Muster, die mit mir sprachen. Ich hatte meine eigene Welt.

Der Knall kam sechs Monate später. Ich war völlig verwirrt – und an diesem Sommertag trieb mich alles zu Holger. Mein Mann rief meine Eltern an. Gemeinsam hielten sie mich in der Wohnung fest. Sie waren völlig hilflos, konnten mich nicht beruhigen. Schließlich alarmierten sie die Polizei. Kurze Zeit später wies mich ein Arzt in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie ein.

 

"Es hat lange gedauert, bis ich akzeptiert habe, dass ich aufgrund meiner Halluzinationen ein Leben lang Tabletten nehmen muss"

,Woher wissen Sie, dass Ihre Wirklichkeit die Wirkliche ist?', fragte ich den Arzt. Ich bekam Tabletten – und endlich wurde ich ruhiger, schlief besser. Und je länger ich schlief, umso klarer kam die Realität zu mir zurück. Langsam begriff ich, was ich meinem Mann, meinem Sohn und den anderen Menschen in meinem Leben angetan hatte. Es war schlimm. Ich brauchte vier Monate Therapie, um das zu verstehen und zu akzeptieren.

Nach meiner Entlassung musste ich alles neu lernen. Mein altes Leben kam mir total fremd vor. Aber die Medikamente, das spürte ich, gaben mir dafür Kraft. Es ging mir immer besser. So gut, dass ich glaubte, ohne Tabletten leben zu können. Ein Irrtum. Ich fing an, Dinge zu vergessen, wusste nicht, wo mein Sohn gerade war, kochte nicht, versäumte Arzttermine. Ich hatte einen Rückfall. Wieder musste ich in die Klinik.

Tabletten gegen Halluzinationen
Henriette hat akzeptiert, dass sie aufgrund ihrer Halluzinationen ein Leben lang Tabletten nehmen muss© Fotolia

Es dauerte lange, bis ich gelernt hatte, schon kleinste Anzeichen zu erkennen: ein merkwürdiger Druck im Kopf, unruhiger Schlaf, ein Alltag, der mühsam wird. Dann brauche ich Ruhe, vielleicht andere Tabletten, so geht die Gefahr vorüber. Es liegt an mir, ob das Gewitter losbricht. Dies zu wissen, ist eine große Beruhigung. Für mich. Für meinen Mann, der unter der Angst vor einem erneuten Rückfall litt. Für meinen Sohn, der eine gesunde Mutter braucht.

Es war Thomas’ Geduld, die mich ins Leben zurückholte. Seine Beständigkeit, seine Zuverlässigkeit. Er brachte mich auch dazu, endlich wieder zu malen. Die Bilder halten mich in der Wirklichkeit. Und da will ich bleiben."

Thomas Bruhns (50):

 

"Unsere Ehe hat sich durch die Halluzinationen verändert, wir sind uns wieder ganz nah"

,,Wie schlecht es Henriette ging habe ich erst verstanden, nachdem sie vier Monate in der Psychiatrie war. Da sagte ihr Arzt zu mir: ,Herr Bruhns, Ihre Frau ist schwer krank.'

Als Henriette ihre ersten Halluzinationen hatte, wusste ich nur aus dem Film ,Psycho' von Alfred Hitchcock, dass so eine Störung existiert. Aber das es so etwas in Wirklichkeit gibt, dass es mich betreffen könnte – das hätte ich nie geahnt.

Damals waren meine Frau und ich uns etwas fremd geworden. Ich bin ein logischer, sachlicher Mensch. Henriette wurde für mich immer mehr zu einer Künstlerin, die verrückte Ideen hat. Wir sprachen kaum noch miteinander. Ich war überzeugt, dass sie sich nur so anders verhielt, weil sie glaubte, dass Künstler so sind.

Plötzlich hatte sie nur noch diesen Holger, ihren Lehrer, im Kopf. Es war schrecklich: Ständig lud sie ihren Liebeskummer bei mir ab. Ich glaubte wirklich, dass zwischen den beiden etwas läuft. Hatte das Gefühl, dass ich für sie nicht mehr existierte. Sie war übernächtigt, hatte Ringe unter den Augen. Oder sie war total aufgedreht. So hatte ich sie noch nie erlebt.

Das normale Leben – Haushalt, Kochen – fand nicht mehr statt. Irgendwann musste ich unseren Sohn zu meinen Eltern bringen. Das ist mir sehr schwer gefallen. Aber ich war überzeugt, dass Henriette nicht mehr für ihn da sein konnte.

 

"Als meine Frau in die Psychiatrie kam, glaubte ich nicht, dass sie krank ist. Ich war zu verletzt"

Ich weiß noch, wie traurig ich damals war. Aber gleichzeitig war da auch diese Wut. Ich vergrub mich in meine Arbeit und schaltete einen Anwalt ein, der die Scheidung in die Wege leiten sollte. Als meine Frau dann in die Psychiatrie kam, dachte ich noch nicht an eine Krankheit. Ich war einfach zu verletzt.

Erst vier Monate später besuchte ich sie in der Klinik. Ihr Arzt hat lange mit mir gesprochen. Das war furchtbar – und ein Wendepunkt, weil ich erkannte, wie ungerecht ich zu Henriette gewesen war. Ich hatte sie für Dinge gehasst, für die allein ihre Halluzinationen verantwortlich waren. Ich schämte mich und wollte ihr helfen, ins Leben zurückzukehren. Hoffte, dass unsere Liebe zurückkehren kann. Aber da war auch die Angst, ob ich dieser Aufgabe gewachsen sein würde.

Nach ihrer Entlassung wollte ich Henriette bei der kleinsten Veränderung zum Arzt schicken. Heute weiß ich, dass sie sich genau beobachtet und weiß, wann sie die Medikamente braucht. Ich vertraue ihr. Die Krankheit beherrscht uns nicht mehr – sondern wir die Krankheit.

Natürlich hat sie unsere Beziehung verändert. Sie hat uns stärker gemacht. Wir gehen heute ganz offen mit den Halluzinationen um und halten Vorträge darüber. Ein normales Leben ist möglich. Ich bin froh, dass Henriette und ich das gemeinsam genießen können."

*Namen von der Redaktion geändert

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