Hilfe für pflegende Angehörige

Redaktion PraxisVITA
Pflege von Familienangehörigen
Die Pflege hilfsbedürftiger Angehöriger bringt Erfüllung, fordert aber auch viel Kraft © iStock

Es gibt unterschiedliche Hilfsangebote, die pflegenden Angehörigen passende Unterstützung im Alltag anbieten. Es lohnt, sich darauf einzulassen

Vielen Familien ist es wichtig, hilfsbedürftige Angehörige zu Hause zu pflegen. Sie gehen ganz in ihrer Aufgabe auf und vergessen dabei häufig ihre eigenen Bedürfnisse. Dabei gibt es eine Vielzahl an Unterstützungsmöglichkeiten, auch in der gewohnten Umgebung.

„Pflegende Angehörige sollten ohne ein schlechtes Gewissen solche Hilfsangebote annehmen“, betont Professorin Dr. Gabriele Wilz. Es gehört zur Selbstsorge und ist kein Zeichen von Schwäche. Im Gegenteil. Es macht allen Beteiligten das Leben leichter und man beugt vor, von der Pflege überfordert zu werden.

„Es gibt eine große Bandbreite an Möglichkeiten. Darunter kann jeder die Lösung finden, die zur momentanen Situation passt, aber natürlich auch zu den finanziellen Mitteln, die man zur Verfügung hat“, erklärt Raquel Reng von der Unabhängigen Patientenberatung Deutschland die zur Verfügung stehenden Hilfen für pflegende Angehörige. Denn nicht alle Kosten werden zu 100 Prozent von der Pflegeversicherung übernommen.

 

Schulungen für pflegende Angehörige

Wer weiß, wie man jemanden mit wenigen Handgriffen umbettet, was zu tun ist, damit ein Pflegebedürftiger sich nicht wund liegt, wie man am besten mit einer Inkontinenz umgeht, bewältigt die Pflege einfacher. „Das Grundwissen in Sachen Pflege, aber auch welche Ansprüche man an die Pflegekasse hat und wie man sich zu Hause optimal einrichtet und mit Unterstützung durch externe Dienste organisieren kann, vermitteln mehrtägige Pflegekurse“, erläutert Birgit Schreyer, Pflegetrainerin am HELIOS Klinikum Schwelm. Jeder pflegende Angehörige hat das Anrecht auf so eine kostenlose Schulung. Wer Kurse und Hilfe für pflegende Angehörige anbietet, kann man von seinem Hausarzt und im lokalen Pflegestützpunkt erfahren.

In der gewohnten Umgebung alt werden
Innerhalb der Familie und in der vertrauten Umgebung fühlen sich Pflegebedürftige geborgen© iStock
 

Das Pflegenetzwerk: Unterstützung suchen

„Schaffen Sie sich bereits früh, selbst wenn Sie überzeugt sind, die Pflege allein zu bewältigen, ein gutes Pflegenetzwerk“, betont Birgit Schreyer. „Denn Pflege kann in sehr vielen Fällen zu einem 24-Stunden-Job werden. Den kann niemand allein stemmen.“ Auch kann nicht jeder, weil er sich um seinen Angehörigen kümmern möchte, einfach so seine Arbeit aufgeben. „Und selbst wenn der Angehörige zunächst noch sehr wenig Mühe macht, kann sich das im Fortlauf der Erkrankung ändern.“ Dann ist es gut, bereits ein helfendes Umfeld zu haben.

 

Die Kosten im Blick – die Pflegeversicherung

Hilfe von außen für pflegende Angehörige, wenn sie nicht durch Familienangehörige, Freunde oder Nachbarn kommt, kostet natürlich. „Aber dafür gibt es ja die Pflegeversicherung“, erinnert Raquel Reng, Kauffrau im Gesundheitswesen und Pflege-Expertin. „Um Leistungen für ambulante Pflegedienste, Tagespflege und andere Dienste zu beziehen, muss die Pflegebedürftigkeit des Angehörigen voraussichtlich mindestens sechs Monate lang vorliegen. Die Höhe der finanziellen Leistung richtet sich dann nach den Pflegegraden. Bei Pflegegrad 1 gibt es lediglich einen Entlastungsbetrag von 125 Euro. Der kann aber gegebenenfalls auch für Pflegeleistungen eingesetzt werden.“ Bei sehr eingeschränkten eigenen Mitteln kann man mit dem Sozialamt sprechen, ob dieses für einen Teil der Leistungen einspringt.

 

Der ambulante Pflegedienst

Ob die morgendliche Hygiene eines bettlägerigen Menschen, die Versorgung mit Essen, die Gabe von Medikamenten – die Helferinnen und Helfer eines ambulanten Pflegedienstes können genau die Aufgaben übernehmen, die Familien schwerfallen oder ihnen viel Zeit rauben und damit eine wichtige Hilfe für pflegende Angehörige bieten. Denn die Pflegeprofis schaffen das Duschen und Anziehen des Pflegebedürftigen, das Umbetten oder die Beinmassage weitaus schneller, weil sie besser darin geschult sind.

Für die anfallenden Kosten kann man die ambulante Pflegesachleistung nutzen, die sich nach den Pflegegraden richtet. Bei Pflegegrad 2 stehen dafür 689 Euro, bei Pflegegrad 5 dann 1 995 Euro zur Verfügung. „Achten Sie darauf, dass es sich bei dem ambulanten Pflegedienst um einen durch die Pflegekassen zugelassenen Anbieter handelt“, betont Raquel Reng. „Die Pflegestützpunkte können Ihnen bei der Suche weiterhelfen.“

Die Kosten variieren je nach Leistung und Anbieter. Vergleichen lohnt sich also. Aber Achtung, es kommt nicht nur auf den Preis an. Tipp: Vereinbaren Sie eine Probepflege. Die betreute Person muss sich schließlich mit dem externen Pflegepersonal wohlfühlen und Vertrauen zu ihm aufbauen.

Ambulanter Pflegedienst
Ein ambulanter Pflegedienst bietet eine wichtige Unterstützung für Familienangehörige© iStock
 

Die Tages- und Nachtpflege

Immer dienstags kommt der Fahrdienst, um den Vater in die Tagespflege zu bringen. Die nachtaktive Oma mit Demenz ist zweimal pro Woche in der Nachtpflege untergebracht. Das kann dem pflegenden Angehörigen wichtige Hilfe und Freiraum verschaffen. Man hat Zeit für Dinge, die einem Freude machen, kann beruhigt durchschlafen, die Batterien aufladen. Raquel Reng: „Tages- oder Nachtpflege kann man auch tageweise buchen.“ Dafür stehen den Pflegebedürftigen je nach Pflegegrad monatlich zusätzlich bis zu 1 995 Euro als Sachleistung zur Verfügung. „Die Kosten für die Verpflegung und Unterkunft in der Einrichtung sind in der Regel vom Pflegebedürftigen selbst zu tragen.“

 

Hilfe in der Not – Verhinderungspflege

Auch ein pflegender Angehöriger kann einmal Hilfe benötigen, krank werden, braucht Urlaub, hat Verpflichtungen, die die Pflege stunden- oder tageweise unmöglich machen. „In solchen Situationen kann man eine Verhinderungspflege beantragen“, erklärt Pflege-Expertin Reng. Eine Voraussetzung dafür: Zum Zeitpunkt der Verhinderung muss der Pflegebedürftige mindestens in Pflegegrad 2 eingestuft sein. Die Verhinderungspflege kann durch Angehörige, Nachbarn oder einen ambulanten Pflegedienst übernommen werden. Die Pflegeversicherung bezuschusst das längstens sechs Wochen – und mit bis zu 1 612 Euro je Kalenderjahr. Tipp: Dieser Betrag kann aus noch nicht in Anspruch genommenen Mitteln der Kurzzeitpflege auf bis zu 2 418 Euro erhöht werden.

 

Ein guter Übergang – Kurzzeitpflege

Manchmal kann die Pflege daheim nicht ausreichend geleistet werden. Das kann beispielsweise im Anschluss an eine stationäre Behandlung des Pflegebedürftigen der Fall sein. Es gibt auch Krisensituationen, in denen vorübergehend häusliche Pflege nicht ausreichend ist. Die Lösung bietet eine Kurzzeitpflege außer Haus. Der Anspruch darauf ist auf acht Wochen pro Kalenderjahr beschränkt. „Die Pflegekasse übernimmt die pflegebedingten Aufwendungen inklusive der Kosten für Betreuung sowie die Leistungen der medizinischen Behandlungspflege bis zu einem Gesamtbetrag von 1 612 Euro im Kalenderjahr“, so Raquel Reng. Tipp: Es besteht die Möglichkeit, den Leistungsbetrag der Verhinderungspflege auf die Kurzzeitpflege zu übertragen – auf insgesamt bis zu 3 224 Euro im Kalenderjahr.

Spaziergang mit ehrenamtlichem Helfer
Das Vertrauensverhältnis zwischen Pflegebedürftigen und ehrenamtlichen Helfern muss sich erst entwickeln© iStock
 

Unterhaltung im Alltag – der ehrenamtliche Einsatz

Sie bieten Hilfe bei Spaziergängen an, dienen den zu Pflegenden als Gesprächspartner, sorgen für Abwechslung: In ganz Deutschland gibt es ehrenamtliche Helfer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Hilfe für pflegende Angehörige auf persönliche Weise anzubieten. Nicht immer ist der Einsatz kostenlos. Um mögliche Kosten abzudecken, bietet sich das Pflegegeld an. Stundenweise Unterstützung durch Ehrenamtliche kann – mit einem entsprechendem Antrag – auch als Verhinderungspflege gelten.

 

Ein offener Austausch – Selbsthilfegruppen

„Sich mit anderen, die Pflege leisten, zu treffen, ist eine nicht zu unterschätzende Hilfe“, gibt Birgit Schreyer zu bedenken. „Suchen Sie deshalb den Kontakt zu Angehörigen-Cafés oder Selbsthilfegruppen.“ Man trifft sich in einem lockeren Kreis, spricht über seine Sorgen und findet durch den Erfahrungsaustausch Unterstützung. Oft entstehen aus solchen Kontakten Hilfsnetzwerke und Freundschaften für pflegende Angehörige. Auf alle Fälle weiß man so: Man ist nicht allein, anderen geht es ähnlich.

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