Herzstillstand: Was passiert, wenn mein Herz aufhört zu schlagen?

Können Menschen auch 24 Stunden nach dem Herzstillstand wieder ins Leben zurückgeholt werden? Ärzte sind inzwischen in der Lage, die Grenzen zwischen Leben und Tod weiter zu verschieben als bislang gedacht.

Joe Tiralosi ist seit 40 Minuten tot, so lange schlägt sein Herz schon nicht mehr. Ein komplettes Ärzteteam kämpft seitdem verzweifelt um Tiralosis Leben. Die Reanimation hatte sofort begonnen, als der Chauffeur in der Notaufnahme zusammengebrochen war. Die kreisrunden Elektroden des Defibrillators wurden auf seiner Brust befestigt, Medikamente in seine Venen gespritzt. Brustkorbkompressionen, Elektroschocks. Doch noch immer kein Herzschlag – Herzstillstand. Zehn Minuten ohne Puls galten in der Medizin lange Zeit als eine Grenzlinie. Ärzte waren davon überzeugt, dass der Schaden, der dem Gehirn durch mangelnde Sauerstoffversorgung zugefügt wird, nach dieser Zeit unumkehrbar ist. Joe Tiralosi hätte also nie wieder Joe Tiralosi sein können. Seine Erinnerungen, seine Persönlichkeit – alles wäre verschwunden. Fünfzehn. Zwanzig. Der behandelnde Arzt hätte die Wiederbelebungsversuche bereits einstellen können. Doch er macht weiter. Dreißig Minuten vergehen. Vierzig.

 

Zweimal gestorben – und trotzdem noch am Leben

Plötzlich, nach mehr als 4500 Brustkorbkompressionen, spürt ein Arzt, wie Tiralosis Herz zaghaft zu schlagen beginnt. Kurz darauf stirbt der Patient ein zweites Mal, wieder holen ihn die Ärzte zurück. Tiralosi fällt ins Koma. Ein paar Wochen später verlässt er das Krankenhaus als gesunder Mann. Ohne bleibende Schäden. Wäre Joe Tiralosi in einem anderen Krankenhaus gelandet, wäre die Reanimation möglicherweise ganz anders verlaufen. Vielleicht hätte man dort nur zwanzig Minuten lang versucht, ihn wiederzubeleben. Dies ist laut einer Studie die Zeit, nach der die meisten Ärzte bereits aufgeben. Nach diesen zwanzig Minuten wäre der körperliche Sterbeprozess ungehindert vorangeschritten.

Doch was passiert genau im Körper nach einem Herzstillstand? Ohne Herzschlag verliert ein Mensch das Bewusstsein, die Atmung setzt aus, die Gehirnaktivität erlischt – das alles geschieht innerhalb weniger Sekunden. Etwa vier bis fünf Minuten bleiben dem Gehirn nach einem Herzstillstand noch. Erst dann fangen die Nervenzellen an, ohne Sauerstoffversorgung nach und nach abzusterben. Dann beginnt der Todesmechanismus des Herzens. Der Muskel, der uns am Leben erhält, ist ein in sich geschlossenes System. Es hat einen eigenen Schrittmacher, den sogenannten Sinusknoten, der über elektrische Impulse die Herzfrequenz bestimmt. Und obwohl es nicht mehr schlägt, stellt es seinen Stoffwechsel noch nicht ein. Aber was passiert, wenn das Herz dafür vom Körper keine Energie mehr bekommt? Zuckermoleküle werden jetzt ohne Sauerstoff abgebaut, dabei entsteht Milchsäure. Die Zellen übersäuern und sterben ab. Nach und nach versagen nun alle Organe ihren Dienst...

Nach einem Herzstillstand muss schnell reanimiert werden
Nach einem Herzstillstand verliert ein Mensch innerhalb von wenigen Sekunden das Bewusstsein, die Atmung setzt aus und die Gehirnaktivität erlischt© Alamy
 

Wie Tiefkühlerbsen das Gehirn am Absterben hindern

Was war anders im Fall Joe Tiralosi? Dank welcher Hightech-Apparatur konnte ein Mann, den die Mehrzahl aller Ärzte schon nach wenigen Minuten für tot erklärt hätte, nach ein paar Wochen das Krankenhaus verlassen, als sei nichts geschehen? Die Antwort: Hier war zunächst einmal keinerlei Hightech im Spiel, sondern Eisbeutel. Die Ärzte bedeckten Tiralosis Körper schon bei der Einlieferung damit und kühlten ihn so auf 32 Grad Celsius herunter. Das verlangsamte den Zellverfall in Gehirn und Organen. Damit wurden die Prozesse, die nach dem Tod im Körper ablaufen, von außen gesteuert. Für Sam Parnia, den Leiter des Wiederbelebungsteams im Stony Brook University Hospital, sieht so die medizinische Zukunft aus. Er versteht den Tod nicht als Zustand, sondern als Prozess. Als Prozess, den man noch Stunden nach seinem Beginn aufhalten kann. Der Schlüssel dazu ist immer Kälte: "Wenn Sie nichts anderes zur Hand haben, nehmen Sie eben Tiefkühlgemüse und bedecken den Patienten damit. Kühlen hilft, das Gehirn zu schützen." Genauso wichtig ist es aber, dass die Ärzte wissen, warum es zum Herzstillstand gekommen ist. Nur dann können sie die Todesursache bekämpfen.

Sam Parnia ist davon überzeugt, dass es in 20 Jahren injizierbare Medikamente geben wird, die den Zelltod im Gehirn und in anderen Organen aufhalten können. Wiederbelebung, so klagt er, werde noch immer als etwas angesehen, was die Ärzte nebenbei leisten sollten. Die Überlebensrate von Reanimationen im Krankenhaus liegt in den USA bei etwa 18 Prozent, in Großbritannien und Deutschland bei 16 Prozent. Eine immer noch erschütternd schlechte Quote. Immerhin hat es Parnia geschafft, die Überlebenschancen im Stony Brook Hospital drastisch zu erhöhen. "Als ich dort angefangen habe, lag die Rate bei 21 Prozent. Im ersten Quartal 2013 bei 38 Prozent. Und sie wird noch steigen. Die meisten meiner Patienten verlassen die Klinik ohne neurologische Schäden", sagt er. Das Team um Sam Parnia prüft unter anderem, wie viel Blut und Sauerstoff in das Gehirn gelangen. Erreichen sie 80 Prozent der Normalwerte, verbessern sich die Überlebenschancen des Patienten bereits.

 

Wann ist der Tod endgültig und nicht mehr umkehrbar?

"Sobald alle Zellen im Gehirn zerstört sind, kann man den Patienten nicht mehr zurück ins Leben bringen", sagt Parnia. "Es wurden bereits erfolgreich Menschen wiederbelebt, die vier Stunden lang klinisch tot waren." Unterliegen die Gehirnzellen jedoch bereits acht Stunden dem Sterbeprozess, könne man einen Menschen nicht mehr zurückholen.

 

Wie wird der Hirntod festgestellt?

Bildgebende Verfahren helfen bei der Hirntod-Diagnose. Bei der Angiografie wird mithilfe von Kontrastmitteln die Durchblutung im Gehirn dargestellt. In Deutschland gelten seit 1997 "Richtlinien zur Feststellung des Hirntodes". Danach müssen zwei Ärzte unabhängig voneinander und nacheinander verschiedene Tests (Reaktion auf Schmerz, Würgereflex u. a.) vornehmen. Doch ist ein Hirntoter gänzlich tot? Beobachtungen des US-Mediziners Alan Shwemon ergaben: Das Gehirn eines Hirntoten ist immer noch dazu fähig, die Körpertemperatur oder die Urinausscheidung zu regulieren. Gehirnmessungen deuteten gar darauf hin, dass es auf Schmerz reagiert.

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