Herzinfarkt: Frauen haben andere Symptome als Männer

Brustschmerz gilt als typisches Anzeichen eines Herzinfarkts – bei Männern. Bei Frauen können ganz andere Symptome auftreten. Hier erfahren Sie, welche das sind.

Bei einer Dienst-Besprechung mit Kollegen bekommt Renate Beckmann plötzlich keine Luft mehr. Die Sekretärin reißt sich zusammen: Nach ein paar Minuten lässt die Atemnot nach – sie arbeitet weiter.

Doch als sie in der Mittagspause die Treppenstufen zur Kantine hochsteigen will, verschlimmern sich die Beschwerden: „Ich konnte überhaupt nicht mehr durchatmen, mein ganzer Brustkorb fühlte sich eng an“, erinnert sich Renate Beckmann. Sie sackt im Treppenhaus zusammen.

Ihre Kollegen rufen den Notarzt. Der trifft nach wenigen Minuten ein – und diagnostiziert Belastungs-Asthma und starke Erschöpfung. Er verschreibt der 57-Jährigen ein Spray zur Inhalation, das ihre Kollegin sofort aus der Apotheke besorgt. Die Beschwerden bleiben trotz des Medikaments. Renate Beckmann fährt an diesem Nachmittag früher nach Hause als sonst und legt sich ins Bett. Ruhe findet sie jedoch nicht: Immer wieder muss sie sich aufsetzen, weil sie kaum Luft bekommt.

 

Spät erkannter Herzinfarkt

„Mir ging es richtig schlecht“, sagt die Sekretärin. Spät am Abend bringt ihr Mann sie ins Krankenhaus. Die Ärzte in der Notaufnahme sehen sofort: Der Zustand der Patientin ist ernst. Es könnte eine Lungen-Embolie oder ein Herzinfarkt sein. Im Katheter-Labor entdecken die Mediziner, dass eine Neben-Arterie des Herzens verschlossen ist. Mit einem Stent – einer kleinen, gitterförmigen Stütze aus Metall – öffnen sie das Gefäß wieder. Wäre eine Haupt-Arterie betroffen gewesen, hätte Renate Beckmann sterben können. Denn zwischen der Herz-Attacke und der Behandlung in der Klinik lagen viele Stunden. „Ich bin froh, dass ich noch lebe“, sagt sie. Doch warum hatte der Notarzt nicht erkannt, dass es sich um einen Infarkt handelt? Schließlich hatte Renate Beckmanns Kollegin ihn sogar darauf hingewiesen, dass die 57-Jährige seit Jahren unter zu hohem Blutdruck litt. „Die Symptome eines Infarkts werden bei Frauen häufig missdeutet“, erklärt die Kardiologin Dr. Jana Boer.

Stent bei Herzinfarkt
Ein sogenannter Stent erweitert die verschlossene Arterie, hält sie offen und rettet damit Herzinfarktpatienten das Leben© Fotolia

Der Grund: Bei mehr als der Hälfte der weiblichen Betroffenen äußert sich die Herz-Attacke durch untypische Beschwerden – Übelkeit, akute Atemnot, Rückenschmerzen, Schwindel oder Schweißausbrüche. Weil sich dahinter auch andere Ursachen verbergen können, wird der Infarkt nicht gleich – oder sogar zu spät – erkannt.

 

Frauen kommen zu spät in die Klinik

„Im Durchschnitt dauert es wegen falscher Diagnosen länger, bis Frauen ins Katheter-Labor kommen“, sagt die Ärztin, die sich auf geschlechterbedingte Unterschiede bei Herz-Erkrankungen spezialisiert hat.

Weil bei einer Attacke jede Sekunde zählt, hat diese Verzögerung fatale Folgen: Frauen sterben häufiger an einem Infarkt als Männer, obwohl mehr Männer eine Herz-Attacke erleiden. „Bei einem Mann mit Brustschmerzen denkt jeder an einen Infarkt – deswegen kommen die meisten männlichen Patienten rechtzeitig in die Klinik“, berichtet die Expertin. Der überwiegende Teil der Männer hat die klassische Symptomatik mit Enge-Gefühl und Schmerzen in der Brust oder im linken Arm.

So war es auch bei Wilfried Rothe. Der Leiter einer Stadtsparkasse arbeitete abends oft sehr lang – und spielte in unregelmäßigen Abständen Tennis. „Zwei- oder dreimal spürte ich während des Trainings plötzlich, wie sich mein Brustkorb eng zusammenschnürte – Schmerzen hatte ich aber nur leichte“, erinnert sich der 62-Jährige. Eines Nachts erwachte er dann mit so heftigen Brust- und Armschmerzen, dass seine Frau sofort per 112 den Rettungswagen rief. Obwohl eine Haupt-Arterie betroffen war, konnten die Ärzte sein Herz retten. „Es war mein Glück, dass alles so schnell ging“, weiß Wilfried Rothe heute.

Und dass er sich nach dem Infarkt so gut erholt hat, verdankt er vor allem seiner Frau. Sie hat ihn davon überzeugt, dass sanftes, aber regelmäßiges Ausdauer-Walking ihm im Moment noch besser tut als ein Tennis-Match. „Ohne sie würde ich auch vergessen, meine Medikamente einzunehmen“, gesteht er. „Aber ich versuche, mehr auf mich zu achten!“

Das ist ein Vorteil der Frauen: „Sie verhalten sich gesundheitsbewusster als Männer – und das ist nach einem Infarkt besonders wichtig“, so Dr. Jana Boer. Frauen denken von selbst an ihre Tabletten, gehen regelmäßiger zu Vorsorge-Untersuchungen und versuchen, Stress dauerhaft zu vermeiden.

Hier sehen Sie, wie Sie im Notfall helfen können.

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