Hepatitis E in Deutschland: Besonders Schwangere sind gefährdet

Rasmus Cloes

Lange galt Hepatitis E als Reisekrankheit. Doch die bewegende Geschichte einer Erkrankten zeigt: Auch in Deutschland sollten wir aufpassen.

„Sie brauchen sofort eine Spenderleber. Sonst werden Sie nicht überleben.“ Als Astrid Müller* (36) das hörte, konnte sie es nicht fassen. Keine drei Wochen zuvor war ihre Welt noch in Ordnung. Sie war gesund, lebte mit ihrem Mann Matthias und dem damals eineinhalbjährigen Sohn Johann in einem Dorf im Allgäu. Und sie hatte gerade erfahren, dass sie wieder schwanger war. In der 13. Woche. „Wir waren so glücklich“, erzählt Astrid. „Schließlich hatten wir uns ein Geschwisterkind für Johann von Herzen gewünscht.“

Doch eines Tages bekam sie hohes Fieber und starke Schmerzen in den Gelenken. Als das Thermometer 41 Grad Celsius zeigte, schleppte sich die Maschinenbautechnikerin in die Klinik in Memmingen. „Dort wusste man auch nicht, was mit mir los war. Die Ärzte senkten das Fieber und entließen mich nach zehn Tagen mit dem Verdacht auf Weichteilrheuma.“

Doch als sie wieder zu Hause war, stieg das Fieber erneut und sie konnte vor Schmerzen kaum laufen. Ihr Mann brachte sie zurück in die Klinik, wo sie sofort auf die Intensivstation kam. „Es ging mir so miserabel, dass ich nichts mehr um mich herum mitbekam.“

 

Leberwerte stark verschlechtert

Plötzlich verschlechterten sich ihre Leberwerte rapide. Ihr Körper drohte zu vergiften. Mit dem Rettungswagen brachte man Astrid ins Münchner Klinikum Großhadern. Dort waren die Spezialisten auf das Schlimmste vorbereitet. Und tatsächlich, schon nach den ersten Untersuchungen teilte man ihr mit: „Sie brauchen ein Spenderorgan, möglichst schnell."

Schwangere Frau besonders durch Hepatitis E gefährdet
Schwangere und Menschen mit geschwächtem Immunsystem sollten sich besonders vor einer Hepatitis-E-Infektion schützen © Fotolia
 

Hepatitis E infiziert Millionen

Wie sich später herausstellte, war die Ursache eine unerkannte Infektion mit dem Hepatitis-E-Virus. Das Virus ist in Deutschland wenig bekannt, weil es hierzulande relativ selten vorkommt. Besonders betroffen sind weite Teile Afrikas sowie einige Länder Asiens (China und Japan). Dort infizieren sich jährlich etwa 20 Millionen Menschen mit dem Virus. Doch nur bei 3,5 Millionen treten überhaupt Symptome auf. Einen schweren Verlauf nimmt die Krankheit bei Menschen mit einer geschwächten Leber oder einem geschädigten Immunsystem – und bei Schwangeren.

Gerade Letztere trifft die Krankheit oft besonders schwer: Infiziert sich eine Frau im letzten Drittel der Schwangerschaft mit Hepatitis-E, dann besteht ein Risiko von etwa 30 Prozent, dass sie daran stirbt. Über die Ursache dieses heftigen Verlaufs der Krankheit bei Schwangeren können Experten bislang nur spekulieren. Sie vermuten, dass in der Schwangerschaft erhöhte Hormonspiegel die Auslöser sind. Auch konnten Studien zeigen, dass sich bei ihnen das Virus besonders gut vermehrt.

Nach der Diagnose musste Astrid Müller sofort starke Medikamente einnehmen, damit ihr Körper das Organ nicht abstoßen würde. Sie hatte Glück: Nach nur einen Tag kam die erlösende Nachricht: „Wir haben ein passendes Organ und operieren jetzt“, sagte ihr der behandelnde Arzt. Alles verlief gut. Astrids Körper nahm die fremde Leber an.

 

Steigende Zahl gemeldeter Hepatitis-E-Fälle

Danach stellte sie sich die Frage, woher sie das Virus bekommen haben könnte: „Ich war nicht in Asien. Ich habe keine Ahnung, woher ich das Virus hatte“, erinnert sie sich. Weil die Hepatitis-E-Infektionen besonders in exotischen Ländern vorkommen, galt die Krankheit lange als ungewünschtes Souvenir aus dem Urlaub. Als Reisekrankheit. Doch der Fall von Astrid Müller steht exemplarisch für eine Entwicklung, die einigen deutschen Experten Sorgen bereitet: Auch in Deutschland werden seit einigen Jahren vermehrt Infektionen mit dem Hepatitis-E-Virus gemeldet.

Im letzten Jahr waren es 670 Fälle – in Verhältnis zum Vorjahr ein Plus von mehr als 46 Prozent (2013 wurden 458 Fälle gemeldet), wie das Robert Koch-Institut (RKI) angibt. Ein Trend, der sich seit gut zehn Jahren zeigt.

 

Hepatitis E: Ansteckung in Deutschland

Die Experten des RKI behalten die Entwicklung genau im Auge – doch bislang sehen sie keinen Grund zur Panik. Sie vermuten, dass der starke Anstieg nicht durch tatsächlich steigende Fallzahlen zustande kommt, sondern durch eine größere Bekanntheit der Krankheit. Ärzte erkennen und melden sie jetzt eher. Durch diese genaueren Studien des Erregers konnte das RKI jetzt auch mit dem Vorurteil der Reisekrankheit aufräumen. Sie schreiben in einem aktuellen Bericht: „Inzwischen gilt als bewiesen, dass die Mehrheit der Fälle im Heimatland erworben ist.“

Besonders auffällig in Deutschland: Viele Hepatitis-E-Infektionen treten durch verseuchtes Fleisch von Haus- und Wildschweinen auf. Der beste Schutz: Schweinefleisch gut durchgaren (für mindestens 20 Minuten über 70 Grad erhitzen). Bei Reisen in afrikanische Länder sowie nach Japan und China sollte auf sauberes Trinkwasser und eine entsprechende Handhygiene (Waschen/Desinfizieren) geachtet werden. Ein Tipp: Grundsätzlich auf Eiswürfel verzichten. Die Keime überstehen tiefe Temperaturen in der Regel unbeschadet.

 

Kann ein Ungeborenes eine Transplantation überleben?

Astrid Müller wird wohl nie erfahren, wo sie sich ansteckte. Für sie war eine andere Frage viel wichtiger: „Was ist meinem Baby?“ Keiner konnte ihr sagen, wie die Chancen standen, da sie die erste Schwangere in Deutschland war, die je eine Transplantation erhalten hatte.

Elf Tage nach der OP machte ihre Frauenärztin den ersten Ultraschall. Astrid hielt die Luft an. Schlug das kleine Herz? „Gucken Sie mal, das Baby winkt sogar!“ Beim Blick auf den Bildschirm kamen Astrid vor Erleichterung die Tränen. Ein paar Monate später war es dann so weit: Die kleine Friederike kam zur Welt. Kerngesund.

*Alle Namen von der Redaktion geändert

Hamburg, 27. Juli 2015

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.