Streeck, Drosten und Co.: Warnungen werden einfach ignoriert

Ines Fedder Medizinredakteurin

Die Virologen Hendrik Streeck, Christian Drosten und Klaus Stöhr sehen die Bundesregierung in vielerlei Hinsicht schlecht beraten. Diese gravierenden Fehler macht Deutschland in der aktuellen Corona-Politik.

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Inhalt
  1. Hendrik Streeck über Corona-Politik: Andere Sichtweisen werden ignoriert
  2. Prof. Dr. Klaus Stöhr: Zielwert von 50er-Inzidenz illusorisch
  3. Dr. Christian Drosten: Warnung vor naiver Vorstellung

Bis zum 14. Februar gelten die aktuellen Corona-Maßnahmen noch. Während die Politiker nach und nach ihren Stufenplan für die Phase nach dem Lockdown verkünden, kritisieren immer mehr Virologen wie Prof. Hendrik Streeck oder Dr. Klaus Stöhr Deutschlands Corona-Fahrplan. Die Regierung sei vor allem in einer Hinsicht schlecht beraten – dem 50er-Inzidenz-Wert, auf dem nahezu alle Corona-Maßnahmen aufbauen. Das läuft nach Meinung der Virologen derzeit falsch in Deutschland. 

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Hendrik Streeck über Corona-Politik: Andere Sichtweisen werden ignoriert

Deutschland befindet sich immer noch im harten Lockdown – das Ziel: Unter einen Inzidenz-Wert von 50 kommen. Das heißt, dass nicht mehr als 50 Personen auf 100.000 Einwohner sich innerhalb einer Woche mit dem Coronavirus infizieren. Um dieses Ziel durchzusetzen, sind harte Maßnahmen erforderlich, die Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem mit einem Pool bestehend aus führenden Wissenschaftlern erarbeitet hat. Die Kritik an dem Vorgehen: Es sind immer dieselben Wissenschaftler, die der Kanzlerin als Berater dienen – und allem Anschein nach ihre Lockdown-Pläne maßgeblich unterstützen.

Andere Experten, darunter Prof. Hendrik Streeck, der das Institut für Virologie der Medizinischen Fakultät in Bonn leitet, bemängelt dieses Vorgehen. „Zwei Wissenschaftler, die eine andere Sichtweise vertreten, wurden von Ministerpräsidenten vorgeschlagen – und dennoch ignoriert“, berichtet Hendrik Streeck in einem Interview mit der „Welt“. „Ich sehe da auch die Politik in der Pflicht, nicht nur eine Position zu hören“, so Streeck.

Am meisten störe ihn an der aktuellen Corona-Politik, dass sie nicht alltagstauglich ist und zu stark auf die Infektionszahlen fokussiert. „Wenn man sich eingesteht, dass wir dieses Virus nicht ausrotten können, kommt man schnell zu dem Punkt, dass die Infektionszahlen nicht unser alleiniges Instrument bleiben können“, erklärt der Virologe. Deutschland riegle sich dauerhaft ab, beklagt Streeck. Das sei vor allem im Hinblick auf den Sommer ein falsches Vorgehen. Zudem spricht sich Streeck gegen eine FFP2-Masken-Pflicht, wie es sie bereits in Bayern gibt, aus: „Generell rate ich davon ab, dass jeder eine FFP2-Maske nutzt“.

Das würde Hendrik Streeck aktuell anders machen:

  • Statt auf niedrige Infektionszahlen zu pochen, weitere Hygiene-Maßnahmen erarbeiten.
  • Keine FFP2-Masken-Pflicht, weil sie nicht alltagstauglich sind, viele sie falsch tragen würden und sie nur eine begrenzte Zeit getragen werden können.
  • Dauerhafter Lockdown und Zero-COVID-Strategie sind keine Option.

Stattdessen: Man solle lieber lernen, mit dem Virus zu leben, erklärt Hendrik Streeck. Man müsse weitere Hygiene-Maßnahmen erarbeiten und die Alten- und Pflege-Heime besser schützen. 

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Prof. Dr. Klaus Stöhr: Zielwert von 50er-Inzidenz illusorisch

Ein weiterer Vertreter derer, die nicht zum engsten Kreis der Pandemie-Berater der Kanzlerin zählen, ist Professor Dr. Klaus Stöhr. Obwohl er als Berater auf Ministerebene durchaus Gehör findet, wird seine Fach-Expertise von Angela Merkel unterschlagen. Im Interview mit „Merkur.de“ geht er mit der aktuellen Corona-Politik ähnlich wie Streeck kritisch ins Gericht. Es werde mit der gegenwärtigen Strategie schwer werden, über die kritische Zeit zu kommen, ohne die Unterstützung der Menschen zu verlieren, so die Einschätzung des Experten.

Der Zielwert von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb einer Woche nennt Stöhr im Winter genau wie Hendrik Streeck „illusorisch“. „Die Maßnahmen werden zwar Wirkung zeigen, aber die Inzidenz niemals auf Dauer unter 50 halten“, sagt der Professor. Worauf er seine Einschätzung stützt, ist die Lage in den Nachbarländern. Stöhr bekräftigt: Man habe mit einer Inzidenz von 130, 160 und vielleicht sogar 180 gesehen, dass Deutschland damit umgehen könne. „Die Krankenhäuser sind belastet, aber nicht überlastet“, erklärt Prof. Dr. Klaus Stöhr gegenüber den Medien.

Das Problem: Es gebe immer noch zu viele Todesfälle. Nun aber über alle Gruppen, Ältere wie Jüngere, nach einem Gießkannenprinzip dieselben Maßnahmen überzustülpen, halte Stöhr für den falschen Ansatz. „Wie man mit einer Schließung von Kindergarten- und Schulschließungen das Infektionsgeschehen in Altenheimen eindämmen kann, verstehe ich gar nicht“, erklärt der Experte.

Das würde Prof. Dr. Klaus Stöhr anders machen:

 

Dr. Christian Drosten: Warnung vor naiver Vorstellung

Dr. Christian Drosten gilt eigentlich als einer der engsten Berater der Bundeskanzlerin. Seine Meinung findet in der Regel immer Gehör. Die Vorstellung von zunehmenden Lockerungen hält aber auch er für unrealistisch. Seine Zukunftsprognose für die Zeit nach Ostern: Die etwas „naive“ Vorstellung, alle Maßnahmen einfach zu beenden, würde unweigerlich zu einer erneuten starken Verbreitung des Coronavirus führen“, so der Experte. „Dann werden wir wieder in medizinische Probleme kommen“, sagt Christian Drosten gegenüber der Tagesthemen. Man könne die Pandemie nicht für beendet erklären. Sein Vorschlag: Die Maßnahmen schrittweise zurücknehmen und schauen, wie das funktioniert. Auch wenn die Risikogruppen abdeckt, sei das Problem nicht erledigt, so Drosten.

Das würde Christian Drosten anders machen:

  • Corona-Mutationen ernster nehmen.
  • Lockerungsmaßnahmen Schritt für Schritt im Hinblick auf das Infektionsgeschehen.
  • Risikogruppen zu schützen alleine, reicht nicht.

Die führenden Virologen sind sich über das Corona-Vorgehen der Bundesregierung nicht immer einig. Die Warnungen und kritischen Virologen-Meinungen gehören aber auch zum wissenschaftlichen – und in Zeiten der Pandemie – zum politischen Diskurs, der während einer Pandemie geführt werden muss.

Quellen:

Wissenschaftler mit anderer Meinung werden ignoriert, in: fr.de
Streeck: Rate davon ab, dass jeder FFP2-Masken trägt, in: n-tv.de
Virologe kritisiert Merkels Corona-Strateige: Zielwert illusorisch, in: merkur.de
Drosten fürchtet Turbulenzen nach Ostern,  in: merkur.de

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