Vor Mega-Lockdown: Virologen beklagen gravierende Denkfehler

Ines Fedder Medizinredakteurin

Bund und Länder planen weitere Corona-Verschärfungen. Virologen beklagen jedoch das geplante Vorgehen und gravierende Denkfehler bei der Virus-Bekämpfung. Das macht die Regierung derzeit falsch.

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Inhalt
  1. Hendrick Streeck: Inzidenz-Wert nicht wissenschaftlich
  2. Alexander Kekulé: Maßnahmen hart, aber unwirksam
  3. Angst vor neuen Virus-Mutationen: Bewährte Schutzmaßnahmen beibehalten

Deutschland befindet sich derzeit immer noch im Lockdown. Und die Maßnahmen sollen sogar noch weiter verschärft werden. Dem stimmen zwar viele Politiker zu, wenn es nach Deutschlands Top-Virologen geht, gibt es jedoch ein paar entscheidende Denkfehler, welche die Bundesregierung derzeit bei der Bekämpfung des Coronavirus in Deutschland macht. 

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Hendrick Streeck: Inzidenz-Wert nicht wissenschaftlich

Das oberste Ziel muss es sein, den 7-Tage-Inzidenz-Wert auf 50 zu drücken, das betonte die Bundeskanzlerin bei den vergangenen Gipfeltreffen immer wieder. Auf dieser Grundlage sollen auch die Corona-Maßnahmen verschärft werden. Der Bonner Virologe Hendrik Streeck kritisiert das Festhalten am Inzidenz-Wert. Gegenüber der „Rheinischen Post“ bemängelte er, dass der Inzidenz-Wert von vielen als „wissenschaftlicher Wert“ wahrgenommen werde: „Tatsächlich aber ist er ein von der Politik definierter Grenzwert.“

Der Inzidenz-Wert vermittle ein völlig falsches Bild und dürfe nicht zum Zweck politischer Entscheidungen dienen, so Streeck. Statt den Inzidenz-Wert heranzuziehen, um das Infektionsgeschehen in Deutschland abzubilden, schlägt der Virologe vor, repräsentative Stichproben heranzuziehen.

Und er beklagt einen weiteren Denkfehler der aktuellen Corona-Politik: Das Absenken der Infektionszahlen sei zwar wünschenswert, aber solange der Winter andauere, sei es fast unmöglich, die Zahlen deutlich zu senken. „Daher müssen wir darüber reden, wie viele Infektionen verkraftbar sind, wie wir Einzelne besser schützen und wir müssen den Sommer nutzen, in die Breite zu impfen“, erklärt der Virologe gegenüber der „Rheinischen Post“. 

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Alexander Kekulé: Maßnahmen hart, aber unwirksam

Der Kritik Hendrick Streecks an die aktuellen Corona-Maßnahmen und die unrealistische Zielsetzung bei den Infektionszahlen schließt sich auch Virologe und Epidemiologe Alexander Kekulé an. „Weil es wegen der hohen Infektions- und Todeszahlen brennt, versuchen unsere Politiker den Lockdown wie eine Löschdecke über Deutschland zu werfen. Aber es gibt Brandherde, die weiter lodern“, kritisiert Kekulé den aktuellen Regierungs-Fahrplan. „Die Maßnahmen, die wir aktuell ergreifen, sind sehr hart, aber unwirksam“, so der Virologe in einer aktuellen Folge seines Podcasts „Kekulés Corona-Kompass“.

Er kritisiert nicht zum ersten Mal das harte, kategorische Durchgreifen der Regierung und schlägt stattdessen das von ihm entwickelte „Smarte Konzept“ vor. Dabei geht es, wie der Name schon sagt, darum, „smart“ und sinnvoll zu handeln, anstatt „mit dem Verbotsschild zu winken“.

Sinnvollere Maßnahmen im Verhältnis eines Mega-Lockdowns wäre z.B. eine generelle Maskenpflicht in geschlossenen Räumen, anstatt eine Maskenpflicht im Freien, den konsequenteren Schutz von vulnerablen Gruppen in Alten- und Pflegeheimen durch konsequenter Testung, anstatt eines generellen Besuchsverbots und das Tragen von FFP2-Masken zum eigenen Schutz und zum Schutz anderer, anstatt eines kompletten Lockdowns. 

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Angst vor neuen Virus-Mutationen: Bewährte Schutzmaßnahmen beibehalten

Im Bezug auf eine mögliche Ausbreitung der neuen Corona-Mutanten erklärt Kekulé: „Man darf jetzt nicht seinen eigenen Blutdruck so hoch fahren, dass man sagt, man müsse jetzt irgendwas machen, hauptsache irgendwas.“ Die Virus-Mutationen seien zwar ansteckender, aber mit den bewährten Maßnahmen, den AHA-Regeln, genauso gut in den Griff zu bekommen.

Der Virologe ist überzeugt: Wenn man selektiver rangeht, glaube er, dass man die offenen Türen, die noch vorhanden sind, zumachen kann und dass dann in den nächsten Wochen die Neuinfektionen zurückgehen. Die Maßnahmen müssen jedoch sinnvoll und nachvollziehbar sein, nur dann werde die Bevölkerung sie auch umsetzen.

Quellen:

Britische Virus-Mutation laut Streeck kein Grund zur Panik, in: welt.de

„Wir tappen im Dunkeln“, in: rp-online.de

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