Harry Rowohlt gestorben – war der Alkohol schuld?

Harry Rowohlt
Harry Rowohlt gehörte wohl zu den bekanntesten Stimmen der deutschen Literatur © Imago

Die Lindenstraße machte ihn berühmt, aber auch als Vorleser wurde er gefeiert: Harry Rowohlt. Am Montag starb der Mann mit der unverwechselbaren Stimme im Alter von 70 Jahren. Wurde ihm sein jahrelanger Alkoholkonsum zum Verhängnis?

Harry Rowohlt war unverwechselbar. Sein Markenzeichen waren seine widerspenstige Mähne, der lange Bart und die Nickelbrille. Er galt als Multitalent. Rowohlt war Autor, übersetzte Kinderbuchklassiker wie „Winnie-the-Pooh“ und spielte 20 Jahre lang einen Obdachlosen in der Lindenstraße. Legendär waren seine meist mehrstündigen satirischen Lesungen mit Whiskey und Weißwein. Am Montagabend starb Harry Rowohlt nach langer, schwerer Krankheit im Alter von 70 Jahren in Hamburg. Das bestätigte sein Agent Ertu Eren der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Rowohlt sei zu Hause gestorben.

 

„Schausaufen mit Betonung“

Harry Rowohlt schrieb viele Jahre seine Kolumne in der „Zeit“, seine Bärenstimme ist auf zahlreichen Hörbüchern zu vernehmen, seine Lesungen wurden vom Publikum geliebt. „Schausaufen mit Betonung“ – so bezeichnete er die Veranstaltungen selbst. 2007 wurde bei ihm die Nervenkrankheit Polyneuropathie diagnostiziert. Seitdem konnte er nicht mehr laufen. „Die Polyneuropathie hat nichts damit zu tun", betonte er, „sondern nach der Operation bin ich zusammengebrochen und kann seitdem nicht mehr stehen und nicht mehr gehen und bin an den Rollstuhl gefesselt.“ Seine Lebensfreude verlor er deshalb trotzdem nicht. Er kündigte an, den Krankheitsverlauf mit Verzicht auf Alkohol zu verlangsamen. Alkohol war bis dahin sein ständiger Begleiter, gehörte bei seinen Lesungen auf der Bühne dazu. Nach längerer weitgehender Alkoholabstinenz gab Harry Rowohlt seit 2009 wieder Veranstaltungen.

 

„Eine Krankheit, die ich nur empfehlen kann“

Dass die alkoholbedingte Polyneuropathie stets ein Thema für ihn war, machte er in zahlreichen Interviews klar. Auf die Frage, warum er seit einem Jahr kein Alkohol mehr angerührt hätte, antwortete er der „taz.“: „Ich habe Polyneuropathie, eine Krankheit, die ich nur empfehlen kann. Erstens merkt man nicht mehr, wenn man kalte Füße hat, und zweitens kann man wunderbar Benefizveranstaltungen abblocken. Wir Polyneuropathen könnten übrigens unsere eigenen Benefize machen. Das ist eine absolute Kreativenkrankheit. Heinz Reincke, Jan Fedder – alle haben Polyneuropathie „mit unklarer Genese“. Das ist ein Euphemismus für Suff. In 33,3 Prozent der Fälle liegt es am Suff. Es könnten natürlich auch 66,6 Prozent sein beziehungsweise 66.66 Periode. Wer weiß das denn schon so genau?“

 

Was ist eine alkoholbedingte Polyneuropathie?

Die alkoholbedingte Polyneuropathie ist eine der häufigsten alkoholbedingten Nervenerkrankungen (betroffen sind 13-50 Prozent aller Abhängigen), die sich in schmerzhaften, kribbelnden Missempfindungen vor allem an Füßen und Beinen, aber auch an Händen und Armen äußert. Darüber hinaus leiden Betroffene unter unruhigen Beinen in der Nacht (restless legs), sie haben Probleme, normal zu laufen oder zu stehen. Die Polyneuropathie kann mit Medikamenten und Krankengymnastik gut behandelt werden. Die Prognose ist bei Abstinenz sehr günstig.

Hamburg, 16. Juni 2015

Themen
Das könnte Sie auch interessieren
Copyright 2018 praxisvita.de. All rights reserved.