Handystrahlung – Gefährlich oder doch nicht?

Seit der Erfindung des mobilen Telefons rätseln Nutzer und Wissenschaftler, ob die elektromagnetische Strahlung der Geräte für den Menschen schädlich sein kann. Die bisher teuerste und aufwändigste Studie soll das Rätsel nun lösen.

Man könnte sie als eine der ältesten Fragen der mobil kommunizierenden Menschheit bezeichnen: Ist Handy-Strahlung gefährlich? Das EMF-Portal, eine Datenbank, die Forschungsergebnisse zu den Wirkungen elektromagnetischer Felder (EMF) sammelt, listet derzeit 23.112 Publikationen und 5.630 Zusammenfassungen wissenschaftlicher Studien zum Thema auf. Keine dieser Studien konnte bisher fundiert belegen, ob Handystrahlung für den Menschen krebserregend ist oder nicht.

In den USA wurde nun eine neue Studie vorgestellt, die mit einem Budget von 25 Millionen US-Dollar eine der umfassendsten Untersuchungen dieser Art darstellt. Die von der US-Regierung in Auftrag gegebene Untersuchung wurde von Wissenschaftlern des National Toxicology Program, einer ressortübergreifenden Forschungseinheit in der US-Verbraucherschutzbehörde Department of Health and Human Services durchgeführt. Die Forscher setzten für ihr Experiment 2500 Ratten und Mäuse über einen Zeitraum von zwei Jahren verschiedenen Strahlungswerten und -intervallen aus. Dabei wählten sie jene Frequenzen, die auch für das europäische GSM-Netz und das US-amerikanische CDMA-Netz verwendet werden.

 

Tumoren in Herz und Gehirn nach elektromagnetischer Strahlung

Die komplette Auswertung der Ergebnisse soll im Herbst 2017 veröffentlicht werden. Vorab herausgegebene Informationen deuten darauf hin, dass Mobilfunkstrahlung zumindest „geringe Einflüsse" auf die Entstehung von Tumoren hat.

So entwickelten sich im Gehirn von zwei bis drei Prozent der Ratten Tumoren, sogenannte maligne Gliome. Fünf bis sieben Prozent erkrankten an Tumoren im Herzen, sogenannten Schwannomen. Auffallend war, dass nur männliche Ratten an Krebs erkrankten, bei weiblichen Ratten konnte lediglich eine etwas geringere Geburtenrate beobachtet werden. Die bereits 2011 veröffentlichte Interphone-Studie hatte ebenfalls einen schwachen Zusammenhang zwischen der Nutzung von Mobiltelefonen und der Entstehung der zwei Tumorarten, Schwannomen und Gliomen, entdeckt. Als Reaktion auf die damalige Studie hatte die Weltgesundheitsorganisation 2011 Handystrahlung als „möglicherweise krebserregend“ eingestuft und in der Stufe 2b, zusammen mit Kaffee, Pflanzengiften und eingelegtem Gemüse, eingeordnet.

Andere Studien wie die Million Women Studie in Großbritannien und eine dänische Studie mit mehr als 350.000 Teilnehmern hatten keinen klaren Zusammenhang zwischen Handynutzung und Krebs oder anderen Erkrankungen feststellen können.

Die Autoren der aktuellen Studie bewerten ihre Ergebnisse trotz der niedrigen Fallzahl an Tumorerkrankungen als brisant. Sie schreiben: „Wenn man die extrem hohe Anzahl von Menschen, die Mobilfunkgeräte nutzen, bedenkt, sollte selbst ein kleiner Anstieg der Anzahl von Erkrankungen, die von elektromagnetischer Strahlung durch mobile Endgeräte verursacht wird, große Auswirkungen auf die öffentliche Gesundheit haben“.

 

Wie ist die Studie einzuordnen?

Neben den geschlechtsabhängigen Unterschieden bei der Entwicklung von Tumoren, gibt es noch weitere Anomalien. So wiesen die Ratten, die täglich neun Stunden mit elektromagnetischer Strahlung bestrahlt wurden, insgesamt eine längere Lebensdauer auf, als die unbestrahlte Kontrollgruppe. Ungewöhnlich ist auch, dass keine der Ratten in der Kontrollgruppe Krebs entwickelte, obwohl dies bei Ratten eine sehr häufige Erkrankung ist.

Da die Daten bisher nur Zwischenergebnisse darstellen, wurden bisher keines der Ergebnisse in einem wissenschaftlichen Journal veröffentlicht und somit auch nicht durch ein sogenanntes Peer-Review-Verfahren anderer Forscher überprüft.

Noch ist nicht abzusehen, ob die Ergebnisse der Studie politische Auswirkungen auf die Regulierung von Handys haben könnten. Ein Sprecher der US-Regulierungsbehörde FCC sagte dem "Wall Street Journal", dass sich die Gesetzgebung immer nach dem aktuellen Stand der Forschung richte, und Anpassungen in Zukunft nicht ausgeschlossen seien.

Die Amerikanische Krebsgesellschaft und das Institut für Gesundheit und Umwelt an der Universität Albany lobten die ersten Ergebnisse der Studie. Dr. David O. Carpenter, Direktor des Instituts hält die Beobachtungen für realistisch und empfiehlt, nur noch Kopfhörer zum Telefonieren zu verwenden.

 

Wie kann man den Kontakt mit elektromagnetischer Strahlung vermeiden?

Wer auf Nummer sicher gehen will, sollte das Handy beim Verbindungsaufbau nicht direkt ans Ohr halten und unterwegs nicht nah am Körper transportieren. Zum Schlafen sollte das Handy nicht auf dem Nachtisch liegen, sondern am besten ausgeschaltet oder in einem anderen Raum aufbewahrt werden. Vor dem Kauf kann man sich informieren, welche Geräte einen besonders niedrigen SAR-Wert haben.

© by WhatsBroadcast

Hamburg, 30. Mai 2016

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