Handy-Sucht: Studie zeigt, wie abhängig wir wirklich sind

Handys machen süchtig
Zwei von drei Teenagern halten sich selbst für süchtig © Fotolia

Das Wort "Sucht" wird üblicher Weise mit Alkohol und Drogen verbunden. Nun zeigt eine US-amerikanische Studie, dass auch unsere Handy-Nutzung außer Kontrolle geraten ist – so sehr, dass Mediziner von einer Abhängigkeit sprechen. Praxisvita erklärt Ihnen, wieso viele Menschen nicht mehr ohne ihr Handy können.

Forscher der Baylor University in Waco sprechen in einer kürzlich veröffentlichten Studie erstmals von einem Sucht-Effekt. Die Untersuchung zeigt, dass sich viele Handy-Nutzer in einer Abhängigkeit gefangen sehen: Mehr als 60 Prozent der Studienteilnehmer bezeichneten sich selbst als handysüchtig.

Hinzu kommt nach Aussagen der Forscher, dass viele der Befragten nicht nur ihre Handynutzung als zwanghaft betrachten, sondern dadurch auch direkte Einschränkungen wahrnehmen, die ihre Entwicklung und Lebensqualität negativ beeinflussen.

Die Studie belegt, dass  aufgrund der exzessiven Handynutzung schulische Leistungen leiden und im sozialen Kontext – wie z.B. im Klassenzimmer, beim Arbeitgeber, in der Familie oder unter Freunden – häufiger Konflikte entstehen.

 

Wann beginnt die Sucht?

Für die Untersuchung befragten die Forscher junge Erwachsene im Alter von 19 bis 22 Jahren. Im Schnitt widmeten sich die Befragten rund neun Stunden täglich aktiv ihrem Handy – Frauen mit etwas mehr als zehn Stunden noch deutlich häufiger als Männer mit etwa acht Stunden.

In Anbetracht der exzessiven Handynutzung unter jungen Erwachsenen spricht Studienleiter Professor James Roberts bei der „Handysucht von einem zunehmend realistischen Szenario.“ Das Verhältnis des Menschen zu diesem technischen Gerät sei insbesondere mit Blick auf die persönliche Entwicklung und das zwischenmenschliche Zusammenleben längst außer Kontrolle geraten.

 

Das Handy macht auf viele Arten süchtig

Im Fokus der Untersuchung stand ebenso die Frage, welche genauen Funktionen des Handys abhängig machen. „Angesichts der ständig wachsenden Auswahl an Einzelfunktionen und damit zusammenhängenden Aktivitäten, die mit einem Mobiltelefon durchgeführt werden können“, sei es wichtig, zu verstehen, „welche davon Auslöser für die Sucht nach dem Handy sin“, erklärt Professor Roberts.

Zu den am meisten genutzten Funktionen zählen demnach Aktivitäten bei Facebook, das Versenden von SMS und die Verwaltung von E-Mails. Interessant ist nach Meinung der Experten dabei, dass die am häufigsten genutzten Handy-Dienste von den Probanden in der Regel als „sinnvoll“ und demnach als nicht auslösend für die Sucht betrachtet wurden. Weniger als „sinnvoll“ empfundene Aktivitäten dagegen – bei Männern vor allem der Nachrichtendienst Twitter, bei Frauen Apps zum Onlineshoppen oder Musik-Streaming-Dienste – beschrieben die Studienteilnehmer als sehr „süchtig machend“.

"Die Ergebnisse der Studie“, schreiben die Forscher, „legen nahe, dass bestimmte Funktionen des Handys eher abhängig machen als andere.“

 

Symptome der Handy-Sucht

Die Studie zeigt außerdem, dass sich die Mehrheit der Handynutzer ohne ihr Handy nicht wohlfühlen. Auf die Frage: „Sind sie beunruhigt, wenn Sie Ihr Handy nicht sehen können?“, antworteten mehr als 80 Prozent mit „ja“. Das Gefühl „nervös zu werden, wenn der Handy-Akku zur Neige geht“, kannten 74 Prozent. Und vier von fünf Probanden gaben an, dass „sie ihr Handy öfters nutzen, als gut für sie ist“ und dennoch „dem Handy immer mehr Zeit zu widmen.“

 

Unverzichtbar?

Die Forscher betonten, dass das Mobiltelefon ein wichtiges Werkzeug der Moderne geworden ist. Es ermögliche eine Freiheit der Informations- und Kommunikationskultur, die noch vor wenigen Jahren undenkbar gewesen sei. Gleichzeitig führt – so zeigt die Studie – die exzessive Handynutzung besonders bei jungen Nutzern in eine ernstzunehmende Form der emotionalen und psychischen Abhängigkeit.

Das Forscherteam kommt zu dem Schluss, dass Handys heute in „untrennbarer Weise“ zum Alltag der meisten Menschen gehören. Die Forschung – und jeder einzelne Handynutzer – müsse sich heute fragen, ab wann „das Werkzeug Handy“ so viel Raum einnimmt, dass es anfängt, seine „Nutzer und die ganze Gesellschaft zu versklaven.“

Hamburg, 2. September 2014

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