Haltungsschäden: So lassen sie sich vermeiden

Michelle Kröger

Haltungsschäden nehmen in der Gesellschaft immer mehr zu – vor allem ständiges Sitzen, Übergewicht und schwere körperliche Arbeit machen der Wirbelsäule auf Dauer zu schaffen. Wie man Haltungsschäden korrigieren und vermeiden kann, erklärt unser Experte, Dr. Martin Rinio.

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Inhalt
  1. Haltungsschäden: Wirbelsäule durch Alltagstätigkeiten verkrümmt?
  2. Was machen Haltungsschäden genau mit der Wirbelsäule?
  3. Welche Haltungsschäden gibt es?
  4. Haltungsschäden: Symptome, die aufhorchen lassen
  5. Kann man Haltungsschäden korrigieren?
  6. Haltungsschäden bei Babys und Kindern
  7. Wie man Haltungsschäden vermeiden kann

Durch Fehlhaltungen im Alltag können auf Dauer unangenehme Haltungsschäden entstehen. Bücken? Fällt schwer. Liegen oder Laufen? Äußerst schmerzhaft. Auslöser ist in den meisten Fällen eine falsche Körperhaltung. Aber wie lassen sich Haltungsschäden vermeiden? Dr. Martin Rinio, Facharzt für Orthopädie und Chirurgie weiß mehr.

 

Haltungsschäden: Wirbelsäule durch Alltagstätigkeiten verkrümmt?

Schuld an Haltungsschäden sind häufig unsere Alltagstätigkeiten – verbunden mit einer falschen Körperhaltung. „Der Mensch hat es buchstäblich verlernt, Haltung zu wahren”, sagt Dr. Martin Rinio, ärztlicher Direktor der Gelenk-Klinik Gundelfingen.

„Tagsüber sitzen wir stundenlang gekrümmt vor dem PC oder Laptop und abends hocken wir vor dem Fernseher. Diese vielen Stunden des Dauersitzens, der Zwangshaltung und permanenter Bewegungslosigkeit führen sehr häufig zu selbst verursachten Haltungsschäden.” Aber: Auch etwa schwere körperliche Arbeit und Übergewicht sind häufige Ursachen von Haltungsschäden.

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Oft seien es dem Experten zufolge auch die Kleinigkeiten des Alltags, die sich negativ auswirken können. Beispielsweise die ständig vollgepackte Handtasche. Sie kann die Wirbelsäule und Muskulatur permanent einseitig belasten. Dr. Rinio erklärt: „Um die daraus resultierenden Schmerzen zu lindern, nehmen wir eine Schonhaltung ein – und verursachen damit vielfach weitere gesundheitliche Probleme und Haltungsschäden.”

 

Was machen Haltungsschäden genau mit der Wirbelsäule?

Durch andauernde Fehlbelastungen kann die Wirbelsäule Knochenveränderungen zeigen und sich im Laufe der Zeit verformen. Dr. Rinio sagt: „Während des pubertären Wachstums – in der übrigens mit zunehmender Körpergröße natürlich auch die Wirbelkörper wachsen – reagiert die Wirbelsäule besonders anfällig auf Fehlbelastungen.” Vielfach zeigen sich die Auswirkungen jedoch erst im Erwachsenenalter.

 

Welche Haltungsschäden gibt es?

Man unterscheidet verschiedene Haltungsschäden der Wirbelsäule, die von der Normalhaltung abweichen:

  • Skoliose: Seitliche Krümmung der Wirbelsäule, bei der es auch zur Verdrehung einzelner Wirbelkörper kommt. Zu differenzieren sind die eher seltene angeborene Skoliose bei Kindern (z.B. durch unterschiedliche Beinlängen) und die verschleißbedingte bzw. degenerative Skoliose bei Erwachsenen.
     
  • Rundrücken (Hyperkyphose): Es handelt sich hierbei um eine starke Krümmung der Wirbelsäule im Bereich der Brustwirbelsäule. Kopf und Schultern neigen sich nach vorne. Ein Buckel wird sichtbar.
     
  • Hohlkreuz (Hyperlordose): Verstärkt einwärts gerichtete Krümmung der Wirbelsäule im unteren Rückenbereich. Auftreten auch in Kombination mit einem Rundrücken möglich, dann ist von einem Hohlrundrücken die Rede. Das Gegenteil: der Flachrücken. Hier ist die Doppel-S-Form der Wirbelsäule kaum noch zu erkennen.

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Haltungsschäden: Symptome, die aufhorchen lassen

Wie macht sich ein Haltungsschaden bemerkbar? Dr. Rinio sagt: „Schmerzen im Rücken oder den Knien sind ebenso eine mögliche Folge wie Muskelverspannungen”, sagt Dr. Rinio. „Je nach Ausprägung und Form der Verkrümmung kommt es mit den Jahren eventuell auch zu einem Hohlkreuz, einem Rundrücken oder einer Skoliose, also einer seitlichen Wirbelsäulenverkrümmung.”

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Kann man Haltungsschäden korrigieren?

Es gibt viele Menschen, die unter den Folgen eines Haltungsschadens leiden. Da stellt sich schnell die Frage, wie sich diese beheben lassen. Das Problem: „Haltungsschäden sind ähnlich wie eine Arthrose nicht rückgängig zu machen”, so Dr. Rinio.

Doch keine Sorge, durch ein ganzheitliches Körpertraining und/oder andere gezielte orthopädische Maßnahmen lassen sich die Beschwerden laut dem Experten lindern. So können Betroffene auch eine Zunahme der Symptome verhindern. Rückenschulen behandeln ganzheitlich und genießen unter Betroffenen hohe Beliebtheit.

Außerdem können auch Änderungen im täglichen Leben einiges bewirken. „Also etwa überflüssige Accessoires aus der Akten- oder Handtasche entfernen und diese beim Tragen besser nicht über die Schulter, sondern über den Unterarm hängen”, rät der Experte.

Vermeiden solle man auch falsches Heben mit gebeugtem Rücken. Besser ist es, beim Bücken immer in die Hocke zu gehen. Zudem sollte man auf das Körpergewicht sowie ausreichende Bewegung achten.

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Haltungsschäden bei Babys und Kindern

Haltungsschäden können auch bei Babys und Kindern auftreten, etwa durch mangelnde Bewegung: „Statt sie ihren natürlichen Bewegungsdrang ausleben und somit ihre Muskeln trainieren zu lassen, liegen sie oft permanent in ihrer Wippe oder Schale”, so der Experte. Gehen die Kinder dann später in die Grundschule, so könne sich die Situation zusätzlich verschärfen: „Sind sie in den Jahren zuvor noch viel herumgetobt und gesprungen, so lernen sie nun stillzusitzen.”

Empfehlenswert seien laut dem Experten Bewegungsspiele, die die Entwicklung der Wirbelsäule unterstützen. Außerdem fördern Gymnastikbälle, Matratzen und Kuschelecken dynamisches Entspannen statt starrer Sitzpositionen.

„Basteln und Spielen sind meist auch stehend an einem höheren Tisch möglich. Und eine Reckstange zwischen dem Türrahmen motiviert zum Turnen oder Hangeln”, sagt Dr. Rinio weiter. Und ganz wichtig sei darüber hinaus eine geeignete Schultasche: „Das kann auch der bequem auf dem Rücken getragene Rucksack sein.”

 

Wie man Haltungsschäden vermeiden kann

Unsere Wirbelsäule wird vor allem bei der Arbeit oft unnötig strapaziert – insbesondere durch langes Sitzen. Aber nicht nur die Fehlhaltungen bei der Arbeit sind mögliche Auslöser. Auch bei der Haus- und Gartenarbeit lauern einige Gefahren: „Ob beim Laubkehren oder Wischen des Fußbodens: Viele Tätigkeiten erledigen wir in gebückter Haltung und strapazieren so unseren Rücken”, sagt Dr. Rinio.

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Was also tun? Geräte mit einem langen oder – noch besser – ausfahrbaren und somit regulierbaren Stiel verwenden. Und, egal ob drinnen oder draußen, sollte man bei jeder Tätigkeit auf einen geraden Rücken achten.

Die Basis für eine rückenfreundliche Sitzhaltung am Arbeitsplatz ist ein ergonomisch gestalteter Bürostuhl. Dieser sollte am besten über eine höhenverstellbare und vorne abgerundete Sitzfläche sowie eine Rückenlehne mit variablem Anpressdruck verfügen. Der Experte fügt hinzu: „Aber auch der komfortabelste Stuhl sollte nicht stundenlanges Verharren in einer Position rechtfertigen.”

Tipps gegen Haltungsschäden für den Alltag

Bleiben Sie variabel – auch beim Einkaufen. Greifen Sie zum Beispiel statt zur Handtasche möglichst häufig zum Rucksack. Und verteilen Sie beim Großeinkauf das Gewicht nicht auf einen Korb, sondern besser auf zwei Beutel (und somit auf beide Arme).

Extra-Tipp: „Beim Hochheben vollgepackter Einkaufstaschen – und noch schwererer Lasten – besser immer in die Hocke gehen”, so Dr. Rinio.

Haltungsschäden sind also nicht nur ein Problem des Alters. Bewegungsmangel sowie einseitige Belastung durch stundenlanges Sitzen lassen die Rückenmuskulatur regelrecht verkümmern. Jedoch lassen sich Haltungsschäden mit einfachen Maßnahmen vermeiden.

Unser Experte: Dr. Martin Rinio ist ärztlicher Direktor der Gelenk-Klinik Gundelfingen. Ein Behandlungsschwerpunkt des Facharztes für Orthopädie, Chirurgie und Unfallchirurgie sind Hüftgelenk und Endoprothesen.

Quellen:

Linhart, Wolfgang E. (2000): Haltungsschäden, in: Muntean, Wolfgang (Hrsg.): Gesundheitserziehung bei Kindern und Jugendlichen, Wien: Springer-Verlag

Hepp, Wolfgang Rüdiger; Debrunner, Hans Ulrich (2004): Orthopädisches Diagnostikum, Stuttgart: Georg Thieme Verlag

Niethard, F.U.; Pfeil, J.; Biberthaler, P. (2017): Duale Reihe Orthopädie und Unfallchirurgie, Stuttgart: Thieme 2017

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