Haben Früheingeschulte häufiger ADHS?

Redaktion PraxisVITA
Ein Junge sitzt auf der Schulbank
Kinder, die kurz vor ihrem sechsten Geburtstag eingeschult werden, erhalten häufiger eine ADHS-Diagnose – das zeigt eine Studie Münchner Wissenschaftler © Shutterstock

Bei Kindern, die früher eingeschult werden als ihre Mitschüler, wird häufiger eine Hyperaktivitätsstörung (ADHS) diagnostiziert – das zeigt eine aktuelle Studie der Uni München. Doch leiden diese Kinder wirklich häufiger an ADHS oder führt unsere Einschulungspolitik zu Fehldiagnosen?

Wenn in diesen Wochen das neue Schuljahr beginnt, machen sich in einigen Bundesländern auch Fünfjährige zum ersten Mal auf den Weg in die Schule. Denn der Stichtag für die Einschulung ist in Baden-Württemberg, Bayern, Brandenburg, Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen der 30. September. Das bedeutet: Kinder, die vor diesem Tag sechs Jahre alt werden, kommen in die Schule. In Berlin ist der Stichtag sogar erst der 31. Dezember.

In einer aktuellen Studie untersuchten Wissenschaftler der Ludwig-Maximilians-Universität München, ob diese Einschulungspolitik Einfluss auf die Häufigkeit der Diagnose „ADHS“ hat. Dazu analysierten sie bundesweite und kassenübergreifende ärztliche Abrechnungs- und Arzneiverordnungsdaten von rund sieben Millionen Kindern und Jugendlichen zwischen vier und 14 Jahren.

Das Ergebnis: Bei Kindern, die im Monat vor dem Stichtag geboren sind, wird häufiger eine ADHS-Diagnose gestellt (5,3 Prozent) als bei Kindern, die im Monat nach dem Stichtag Geburtstag haben (4,3 Prozent) und so bei der Einschulung fast ein Jahr älter sind als ihre jüngsten Mitschüler.

 

Häufige ADHS-Fehldiagnose bei jüngeren Kindern?

Offen bleibt die Frage, warum bei den jung eingeschulten Kindern die ADHS-Diagnose häufiger gestellt wird. Die Forscher vermuten jedoch, dass das Verhalten dieser Kinder oft mit dem ihrer älteren Mitschüler verglichen wird und sie dabei als impulsiv, hyperaktiv und unaufmerksam auffallen. Schnell fällt der Verdacht dann auf ADHS, dabei ist der Grund für das Verhalten der Kinder meist ganz harmlos: sie sind jünger und unreifer als ihre Mitschüler, haben einen stärkeren Spieltrieb und es fällt ihnen schwerer, lange stillzusitzen und sich zu konzentrieren.

Die Forscher kritisieren, dass die Einschulungspolitik die Diagnosehäufigkeit psychischer Erkrankungen bei Kindern beeinflussen könne und dass Kinder, die kurz vor dem Einschulungs-Stichtag ihres Bundeslandes geboren sind, benachteiligt werden – denn neben einer möglichen Stigmatisierung im Zuge einer solchen Diagnose können ADHS-Medikamente starke Nebenwirkungen haben.

Eine Einschätzungshilfe, ob Ihr Kind an ADHS leidet, finden Sie hier.

Hamburg, 12. August 2015

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