Haare behalten trotz Chemotherapie

Eine Frau streckt sich der Herbstsonne entgegen
Ihre Haare sind für viele Frauen ein Ausdruck der Schönheit und Weiblichkeit – den Haarausfall während der Chemotherapie zu vermeiden, bedeutet für sie darum eine Verbesserung der Lebensqualität © Fotolia

Eine Chemotherapie geht meist mit einer erheblichen Einschränkung der Lebensqualität einher. Der Verlust ihrer Haare macht die Therapie für viele Frauen noch schlimmer – eine Kühlhaube während der Behandlung könnte das jetzt ändern.

Rund 71.000 Frauen erkranken in Deutschland jährlich neu an Brustkrebs. Viele von ihnen müssen sich einer Chemotherapie mit belastenden Nebenwirkungen unterziehen. Eine schlimme Begleiterscheinung ist für die meisten der Verlust ihrer Haare.

Die Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erprobt seit einem Jahr das Behandlungskonzept „DigniLife“, mit dem der Haarausfall deutlich vermindert werden kann. Es beruht auf der sensorgesteuerten Kühlung der Kopfhaut während der intravenösen Verabreichung der Chemotherapie.

 

Studie mit Kopfkühlung „DigniLife“

„Wir haben damit bisher 19 Patientinnen therapiebegleitend behandelt und sehr gute Ergebnisse erzielt. Die meisten Frauen waren damit sehr zufrieden“, sagt Professorin Dr. Tjoung-Won Park-Simon, stellvertretende Klinikdirektorin und Bereichsleiterin Gynäkologische Onkologie.

Wesentlicher Bestandteil der Haarausfall-Vorbeugung ist eine Silikonkappe, die die Patientin während der intravenösen Verabreichung der Chemotherapie trägt. Mithilfe dieser Kappe wird die Kopfhaut gleichmäßig auf drei bis fünf Grad Celsius gekühlt. „Durch die Kälte verengen sich die örtlichen Blutgefäße und der Stoffwechsel wird heruntergefahren“, erläutert Professorin Park-Simon. „Dadurch wird das Medikament lokal nicht so gut aufgenommen und kann auch nicht in vollem Umfang wirken. So werden die Haarwurzeln geschont.“ Die Kühlung der Kopfhaut beginnt bereits eine halbe Stunde vor der Infusion und wird noch etwa eine Stunde danach aufrechterhalten. Einige Frauen klagen über Kälte-Kopfschmerzen während der Anwendung, davon abgesehen ist sie gut verträglich.

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Diese Silikonhauben kühlen die Kopfhaut während der Chemotherapie und sorgen so dafür, dass das Medikament die Haarwurzeln weniger stark angreifen kann© DIGNITANA
 

Kopfhautkühlung: Alte Idee neu entdeckt

Das Prinzip der Kopfhautkühlung gibt es bereits seit den siebziger Jahren, allerdings zeigten bisherige Modelle keine überzeugenden Ergebnisse. Ganz verhindert werden kann der Haarverlust auch mit der neuen Gerätegeneration nicht, aber es fallen deutlich weniger Haare aus. Mehr als die Hälfte der Patientinnen, die sich für eine Kopfhautkühlung entscheiden, können auf eine Kopfbedeckung wie Perücke, Kopftuch oder Hut verzichten. „Besonders gut ist der Erfolg bei unserer am häufigsten angewendeten Standardtherapie bei Brustkrebs“, sagt Professorin Park-Simon.

 

Chemo: Haarverlust als Stigmatisierung

Die Haare sind für viele Frauen Ausdruck der Weiblichkeit. Während der Chemotherapie kommt den Haaren eine über die Schönheit hinausgehende Bedeutung zu. „Den Haarausfall erleben die betroffenen Frauen oft als Stigmatisierung“, erklärt Dr. Sophia Holthausen-Markou, Oberärztin an der Klinik für Psychosomatik an der MHH. Denn mit dem Verlust der Haare wird die Erkrankung für das gesamte soziale Umfeld offensichtlich. „Die Betroffenen können nicht mehr darüber entscheiden, wer von der Krankheit erfahren soll und wer nicht. Das ist ein erheblicher Verlust an Selbstbestimmung. Ohne Haare zu leben, lässt sich darüber hinaus nur schwer ins ohnehin veränderte Körperbild integrieren“, so Dr. Holthausen-Markou.

Die Kopfhautkühlung kostet pro Anwendung 85 Euro und wird bislang nicht von den Krankenkassen erstattet.

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