Gibt es den „Mozart-Effekt“?

Verena Elson Medizinredakteurin
Eine Schwangere hält einen Kopfhörer auf ihren Bauch
Die Beschallung des Ungeborenen mit klassischer Musik bringt dem Kind keine Vorteile, zeigen Studien © Fotolia

Wird mein Kind schlauer, wenn ich den Babybauch mit Mozart und Beethoven beschalle? Wohl kaum – denn eine aktuelle Studie zeigt, dass der Embryo die Musik gar nicht wahrnimmt.

Mediziner wissen zwar seit geraumer Zeit, dass das menschliche Innenohr ab der 16. Schwangerschaftswoche vollständig entwickelt ist. Dennoch ging man bisher davon aus, dass Babys erst viel später richtig hören können. Der Grund: Ultraschallbilder zeigen erste Reaktionen des Kindes auf Geräusche der Außenwelt erst frühestens ab der 18. Schwangerschaftswoche, in den meisten Fällen erst einige Wochen später. Eine aktuelle spanische Studie zeigt jetzt, dass Ungeborene bereits in der 16. Schwangerschaftswoche auf Musik reagieren.

An dem Experiment nahmen Frauen in der 14. bis 39. Schwangerschaftswoche teil. Die Wissenschaftler spielten den Föten auf zwei unterschiedliche Arten ein Musikstück vor (Johann Sebastian Bachs Partina für Flöte solo). Entweder kam die Musik durch ein intravaginales Gerät, das extra für die Studie entwickelt wurde, oder durch Kopfhörer, die auf den Bauch gehalten wurden. Die vaginale Beschallung war deutlich leiser (54 Dezibel – vergleichbar mit einer leisen Unterhaltung oder Hintergrundmusik) als die Beschallung durch die Bauchdecke (98,6 Dezibel – vergleichbar mit einem Martinshorn oder Musik in einem Nachtclub).

Das Video zeigt, wie die Föten im Mutterleib auf die vaginale Musikbeschallung reagierten. Video: www.institutmarques.com

Das Ergebnis: Föten ab der 16. Schwangerschaftswoche – also früher als angenommen – zeigten eindeutige Reaktionen auf die vaginale Beschallung. Beispielsweise öffneten sie ihren Mund weit und streckten ihre Zunge heraus (siehe Video). Hörten die Babys die Musik per Kopfhörer durch die Bauchdecke, zeigten sie keinerlei Reaktionen.

Die Studienleiter erklären das damit, dass die Ungeborenen die Musik nur per vaginaler Beschallung wirklich wahrnehmen konnten – durch die Bauchdecke drangen nicht genügend Geräusche, um sie zu einer Reaktion zu animieren. Doch was bedeutet das für Eltern, die die Intelligenz ihres Kindes schon vor der Geburt mit Mozart und Co fördern wollen?

 

Kann ein Embryo Musik über „Bauch-Kopfhörer“ überhaupt hören?

Der Embryo ist im Mutterleib gut vor Lärm geschützt. Geräusche der Außenwelt nimmt er nur gedämpft und verzerrt wahr. Die meisten Geräusche klingen für das Baby ähnlich wie Flüstern – selbst die Stimme der Mutter ist kaum wahrnehmbar.

Das ist auch nicht anders, wenn Babys vor der Geburt mit Musik „beschallt“ werden: Soll Musik über Lautsprecher durch die Bauchdecke zum Embryo gelangen, muss sie erst weiche Gewebeschichten durchdringen, die die Schallwellen teilweise reflektieren und teilweise absorbieren und den Klang so verzerren. Der Embryo hört nur einen Teil des übermittelten Musikstückes, und diesen nur leise und verändert. Falls das Kind bei den frühen „Klassik-Stunden“ also überhaupt etwas hört, ist es auf keinen Fall das Stück von Mozart oder Beethoven, das wir kennen – sondern eher eine Art Grummeln oder Murmeln.

 

Kann Musikhören intelligenter machen?

Um dem Ungeborenen den „echten Mozart“ vorzuspielen, müsste die Beschallung demnach vaginal erfolgen. Doch selbst das würde dem Embryo keinerlei Vorteile verschaffen, wie eine frühere Studie zeigt: Darin nahm sich der Harvard-Absolvent Samuel Mehr der Frage an, ob Musik Kinder intelligenter macht und analysierte dazu eine große Bandbreite von Untersuchungen zu dem Thema. Seine Antwort: Nein, Musik macht nicht intelligenter.

Das Gerücht, dass Beschallung im Uterus und spätere Musikstunden den IQ eines Kindes steigern, stammt laut Mehr hauptsächlich von einer einzelnen Studie: Darin schnitten Testpersonen besser in der Lösung von Aufgaben ab, nachdem sie Musik gehört hatten. Damit war der Mythos des sogenannten „Mozart-Effekts“ geboren. Im Nachhinein wurde diese Studie allerdings widerlegt und auch bei der Sichtung der weiteren Forschungsliteratur zum Thema stieß Mehr auf keinerlei haltbare Hinweise auf eine intelligenzsteigernde Wirkung von Musik. Lediglich eine Studie zeigte eine Erhöhung des IQ von 2,7 Punkten nach einem Jahr Musikunterricht – laut Mehr ist ein so geringer Anstieg zu vernachlässigen.

Hamburg, 8. Oktober 2015

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