Gibt es bald ein Medikament gegen Querschnittslähmung?

Lähmung heilen mit neuem Medikament
Forscher haben ein Medikament entwickelt, das gelähmte Ratten wieder gehen ließ © Fotolia

Nervenzellen im Körper können nachwachsen – mit Ausnahme der Nerven im Rückenmark. Deshalb gelten Verletzungen in diesem Bereich in der Regel als unheilbar. Doch Forscher zeigen nun, dass diese Annahme falsch ist – und entwickelten ein Medikament, mit dem das Rückenmark von Gelähmten geheilt werden könnte.

Schon vor einigen Jahren bewiesen Forscher des Max-Planck-Instituts für Neurobiologie, dass verletzte oder zerstörte Nervenzellen im Rückenmark sehr wohl nachwachsen könnten – wenn sie nicht von einem bestimmten Narbengewebe daran gehindert werden würden.

 

Narbe ist nicht gleich Narbe

Das Narbengewebe im Rückenmark unterscheidet sich in seiner zellulären Zusammensetzung von jenem, das außerhalb des Zentralen Nervensystems wächst – also z.B. nach der Verletzung an einem Finger. Im Verletzungsbereich des Rückenmarks bildet sich eine sogenannte großmolekulare Substanz (Chondroitinsulfat-Proteoglykane). Dieser Füllstoff der Narbe blockiert, wie eine „klebrige Barriere“, die Regeneration und Neubildung von verletztem Nervengewebe im Rückenmark.

Schon seit Jahren suchen Forscher einen Weg, diese Barriere zu umgehen. Ein internationales Team unter Führung von Wissenschaftlern der Case Western Reserve University in Cleveland haben nun in einer Studie einen neu entwickelten Wirkstoff (ISP-Peptid) vorgestellt, der die Produktion der Proteoglykan-Barriere im verletzten Rückenmark unterbindet, indem er bestimmte Rezeptoren im Nervengewebe deaktiviert.

 

Ein Transporter, der Barrieren überwindet

Gleichzeitig verfügt dieses Medikament über einen sogenannten „TAT-Transporter“ (Trans-Activator of Transcription), der es dem Anti-Narben-Peptid ermöglicht, an dem klebrigen Barriere-Gewebe vorbei zu dem Verletzungsbereich im Rückenmark vorzudringen.

Für die Studie bekamen gelähmte Ratten für mehrere Wochen den neuen Wirkstoff täglich injiziert. Im Fokus der Wissenschaftler standen vor allem die Entwicklung von sogenannten „Schlüssel-Fähigkeiten“ bei Lähmungen, wie z.B. das Laufen, Balance zu halten und oder selbstständig urinieren zu können.

Tatsächlich zeigte die Behandlung verblüffende Ergebnisse. Bei über 80 Prozent der gelähmten Ratten hatte sich nach einigen Wochen neues Nervengewebe gebildet. Dadurch verfügten einige Tiere über alle drei Schlüssel-Fähigkeiten, andere über zwei oder nur eine dieser Fähigkeiten.

 

Wirkung abhängig vom Schaden

Wieso das Medikament bei den Ratten mal mehr, mal weniger Schlüssel-Fähigkeiten wiederherstellte – oder bei 20 Prozent der Ratten gar keine –, ist den Forschern bisher nicht bekannt. Wahrscheinlich geht aber dieser unterschiedliche Wirkungsgrad der verabreichten ISP-Peptide auf die jeweiligen Verletzungsgrade im Rückenmark der Tiere zurück.

Hamburg, 5. Dezember 2014

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